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Tod des polnischen Präsidenten: Drängte Kaczynski Piloten zur Landung?

400 Meter Sicht, vier Landeversuche. Was trieb den Piloten der Unglücksmaschine zu dem Harakiri-Manöver? Denkbar erscheint, dass Präsident Kaczynski persönlich Druck ausgeübt hat.

Von Roman Heflik

Wie konnte es nur zu diesem fatalen Crash kommen? 96 Menschen, unter ihnen der polnische Präsident Lech Kaczynski, starben, als der Passagierjet der polnischen Luftwaffe am Samstagmorgen beim Landeanflug auf den Militärflughafen im russischen Smolensk in einen Wald stürzte.

Seither trauert Polen um die Toten, aber im Hintergrund beschäftigt die zentrale Frage Bürger ebenso wie Experten: Warum? Lag es am schlechten Wetter, am Alter der Absturzmaschine oder an der fehlenden Ausrüstung des Flughafens? Oder war eine Fehlentscheidung des Piloten Schuld?

Bei dem verunglückten Flieger handelt es sich um eine Tupolev 154, dem sowjetischen Gegenstück zur amerikanischen Boeing 727. Die Tupolev ist fast schon ein Veteran der Lüfte, ein Typ, der von osteuropäischen und russischen Fluglinien hundertfach benutzt wurde. 1968 war das erste Modell zu seinem Jungfernflug gestartet, 2009 musterte die Aeroflot das letzte Modell aus. Es sind aber noch Exemplare für andere Gesellschaften des ehemaligen Ostblocks tätig, auch in der Flugbereitschaft für die russische Regierung sollen sich noch Tupolevs befinden. Laut dem Internet-Dienst Aviation Safety Network stürzten bislang 66 Maschinen dieser Baureihe ab, dabei starben insgesamt knapp 3000 Menschen. Polnischen Medienberichten zufolge weigert sich Regierungschef Donald Tusk, mit einer Tupolev zu fliegen.

Flugzeug soll in einwandfreiem Zustand gewesen sein

Als Reaktion auf das Unglück von Smolensk hat Bulgarien die baugleiche Präsidentenmaschine von Staatschef Georgi Parwanow vorerst außer Dienst gestellt. Das sagte ein Mitarbeiter des Verkehrsministeriums in Sofia am Montag im bulgarischen Rundfunk. Auch alle weiteren noch eingesetzten Maschinen dieses Typs müssten solange am Boden bleiben, bis die "technischen Ursachen" des Absturzes vom Samstag geklärt seien.

Russische Ermittler schlossen ein technisches Problem als Unglücksursache allerdings inzwischen aus. Zwar betrug das Alter des Unglücksfliegers bereits 26 Jahre, doch nach Angaben des Direktor des Awiakor-Werks in Samara, Alexej Gusew, war das Flugzeug erst im vergangenen Dezember in einem Flugzeugwerk in Russland generalüberholt worden. Die Maschine sei in einwandfreiem Zustand gewesen, sagte Chefermittler Alexander Bastrykin. Nach russischen Angaben hätte die Wartung des Flugzeugs in polnischen Händen gelegen.

Als wesentlich wahrscheinlicher gilt den Ermittlern als Unfallursache ein Pilotenfehler. Die russische Staatsanwaltschaft wirft dem Flugzeugführer vor, sich gegen den dringenden Rat der Fluglotsen für eine Landung entschieden zu haben, obwohl zum Zeitpunkt der Katastrophe Nebel herrschte. Auch der russische Transportminister Igor Lewitin kritisierte, der polnische Pilot habe "eigenmächtig" gehandelt. Die Sichtweite zum Unglückszeitpunkt habe nur 400 Meter betragen, Landungen dürften aber bei nicht weniger als 1000 Metern Sicht stattfinden, sagte Lewitin.

"Ich bin noch nie zum dritten Mal angeflogen"

Der Flugkapitän soll der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" zufolge trotz der Warnung viermal den Landeanflug versucht haben. Die russischen Fluglotsen hätten aber kein Recht, dem polnischen Präsidentenflugzeug die Landung zu verbieten.

"Vier Landeanflüge sind sehr ungewöhnlich", sagt Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit, selbst erfahrener Flugkapitän. "Ich selbst musste zwar auch schon einige Mal durchstarten, aber ich habe bin noch nie eine Landebahn zum dritten Mal angeflogen", berichtet Handwerg. Denn wenn das Problem das Wetter sei, müsse man sich als Pilot spätestens nach dem zweiten Anflug fragen, ob sich die Bedingungen am Boden in so kurzer Zeit noch so sehr ändern würden, dass ein erneuter Versuch überhaupt sinnvoll sei.

Nach Angaben der englischsprachigen russischen Publikation "Russia Today" hat der Pilot bereits vor dem ersten Landeanflug Kerosin abgelassen, um das Gewicht der Maschine zu reduzieren. Deswegen habe ihm möglicherweise nach den wiederholten Anflügen Kerosin zum Ausweichen auf einen anderen Flughafen gefehlt.

Wetterbedingungen mit Sichtweiten um 400 Meter sind nach Meinung von Cockpit-Sprecher Handwerg durchaus schwierig. "Das ist sehr wenig Sicht. Da braucht man schon die zweite Stufe eines Instrumentenlandesystems." Solche Landesysteme funktionieren mittels zweier am Boden installierter Funksender, die der anfliegenden Maschine den richtigen Kurs und den Gleitwinkel vorgeben. Zwar sind alle großen zivilen Flughäfen mit dem sogenannten ILS ausgestattet, doch handelt es sich bei der Unglücksstelle nahe Smolensk um einen Militärflughafen ohne dieses Funksystem.

Fehlte dem Piloten die Durchsetzungskraft?

Dass die Männer im Cockpit trotz schlechter Sicht, fehlendem Leitsystem und entgegen der Lotsenwarnungen versucht haben, die Maschine landen zu lassen, ist aus Sicht von Experten daher möglicherweise ein krasses Pilotenversagen - oder die Schuld Dritter.

So schlossen Beobachter die Möglichkeit nicht aus, dass auch Kaczynski als Präsident trotz der russischen Warnungen den Landebefehl gegeben haben könnte. Der Luftfahrtexperte von der Technischen Hochschule in Breslau, Tomasz Szulc, sagte, dem Piloten habe wahrscheinlich die "nötige Durchsetzungsfähigkeit" gefehlt. Er bezog sich damit auf einen früheren Vorfall: Im August 2008 hatte Kaczynski einem anderen Piloten trotz des damals in Georgien geltenden Kriegsrechts befohlen, das Flugzeug des Präsidenten in Tiflis zu landen. Der Pilot widersetzte sich und landete in Aserbaidschan. Kaczynski soll nach Medienberichten von damals über die lange Autofahrt so wütend gewesen sein, dass er den Piloten feuern lassen wollte. Auch im Fall von Smolensk wollte der Staatschef anscheinend unbedingt rechtzeitig zu der Gedenkfeier kommen, die an diesem Tag nahe Smolensk für die polnischen Opfer des Massakers von Katyn im Zweiten Weltkrieg abgehalten werden sollte.

Für Jörg Handwerg deutet beim Absturz von Smolensk viel auf eine Beeinflussung des Piloten hin. Bis zur Auswertung der Black Box könne man zwar nur über die Absturzursache spekulieren, sagt Handwerg. "Doch dass vier Anflüge versucht wurden, legt nahe, dass hier Druck auf die Piloten ausgeübt wurde."

Polnische Ermittler widersprachen dagegen der Vermutung, es sei Druck auf den Piloten ausgeübt worden, trotz des schlechten Wetters die Landung zu versuchen. Dafür gebe es derzeit keine Hinweise, sagte der polnische Generalstaatsanwalt, Andrzej Seremet, am Montag in Warschau.