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Komoroswki wird Präsident von Polen: Eine gute Nachricht aus Warschau

Es war ein knapper Sieg. Nach dramatischen Wochen haben vor allem städtische Polen mit Bronislaw Komorowski einen verlässlichen, liberalen EU-Befürworter zum Staatsoberhaupt gekürt. Aber auch der unterlegene Jaroslaw Kaczynski hat Grund zur Freude.

Von Tilman Müller

Zehn Wochen und ein Tag. Furchtbar dramatisch war diese Zeit für die Polen. Spannend zwar, aber vor allem unglaublich schmerzhaft. Alles begann am 10. April mit dem Absturz der TU-154 im russischen Smolensk, dem Tod aller Mitglieder einer hochrangigen Delegation um Staatsoberhaupt Lech Kaczynski, der an jenem Samstag den für Herbst geplanten Präsidentenwahlenkampf eröffnen wollte - mit einer Rede in Katyn, dem Hinrichtungsort von 22.000 Polen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Rede sollte auch Kaczynski helfen, denn in den Umfragen lag er damals hoffnungslos hinten. Auf den Todesflug folgten Wochen tiefster Trauer, und dann be-schloss Zwillingsbruder Jaroslaw Kaczynski für den verunglückten Präsidenten einzuspringen und stellte sich zur Wahl.

In der Nacht lag Kaczynski noch vorne

Zehn Wochen, ein Tag und eine unglaublich dramatische Nacht. Erst im Morgengrauen am Montagfrüh entschied sich die Stichwahl zwischen dem nationalkonservativen Kaczynski und seinem bürgerlich-liberalen Gegenspieler Bronislaw Komorowski, genannt Bronek. Am Sonntagabend bei den Exit-Polls lag Komorowski noch knapp vorne. Gegen Mitternacht stand es 50.41 zu 49.59 für Kaczynski; etwa 51 Prozent der Wahllokale waren bis zu diesem Zeitpunkt ausgezählt. Doch als gegen Morgen die Resultate aus den Großstädten eintrafen, drehte sich noch einmal alles. Jetzt liegt Komorowski vorne. Am Montagnachmittag bestätigt das amtliche Endergebnis endgültig seinen Wahlsieg: Mit 53 Prozent der Stimmen ist Bronislaw Komorowski zum neuen Präsidenten Polens gewählt worden.

Die Großstädte haben den Ausschlag gegeben. Warschau, Lodz, Posen. Die eher liberalen, urbanen, dem Westen zugeneigten Landesteile - genannt Polen A. Knapp unterlag das mehr im Osten gelegene Polen B, das eher bäuerlich ist, konservativ und tief religiös - die "Ostwand", wie man im Polen sagt. Das neue Staatsoberhaupt ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Man weiß nur, dass Komorowski nicht viel Charisma hat, aber ein kompetenter und verlässlicher Gesprächspartner ist.

Der 58-Jährige aus adeligem Hause gilt als Gefolgsmann des bürgerlich-liberalen Regierungschefs Donald Tusk. Mit Sicherheit wird er als EU-Befürworter auftreten und versuchen, sein wirtschaftlich in den letzten Jahren erfolgreiches Land sobald wie möglich in die Eurozone zu steuern.

Polens Staatspräsident spielt politisch eine wesentlich größere Rolle als etwa ein deutscher Bundespräsident. Komorowski untersteht das Militär; er hat überdies viele Möglichkeiten, in die Politik einzugreifen, kann sogar eigene Gesetze einbringen oder die des Parlaments blockieren. Gerade deshalb ist sein Sieg so wichtig. Da Komorowski sich so gut mit Regierungschef Tusk versteht, sind in naher Zukunft kaum lähmende Zwistigkeiten in der polnischen Politik zu erwarten. Vorbei die Zeiten, in denen Polen in Brüssel mit unterschiedlichen Positionen auftrat. Oder die Nachbarländer Russland und Deutschland mit Schuldzuweisungen überhäuft, die auf der schwierigen Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs beruhen.

Kaczynskis politische Basis ist gefestigt

Polen hat in den letzten zehn Wochen viel durchgemacht. Eine schwierige Zeit, aus der das Land aber insgesamt gereift hervorgeht. Polen ist normaler und stabiler geworden. Und mit Komorowski an der Spitze wird unser Nachbarland mit Sicherheit noch mehr Sympathien gewinnen. Auch Kaczynski darf sich freuen. Sein Abstand zum Sieger ist sehr gering - für ihn dürfte dies im Hinblick auf die Parlamentswahlen im kommenden Jahr eine hervorragende Plattform sein. Er trat an, um - wie er sagte - die "Mission meines Bruders zu erfüllen". Inzwischen hat er bereits seinem Kontrahenten gratuliert und versprochen, seinen Kampf fortzuführen.