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Nach Tod von Taliban-Chef: Pakistanische Extremisten bestimmen neuen Anführer

Erneut ist ein Taliban-Anführer bei einem US-Drohnenangriff umgekommen – seine Nachfolge ist bereits geklärt: Khan Said Sajna wird neuer Taliban-Chef. Er erbt einen der gefährlichsten Posten der Welt.

Einen Tag nach dem Tod des pakistanischen Taliban-Chefs Hakimullah Mehsud bei einem US-Drohnenangriff haben die Extremisten einen neuen Anführer bestimmt. Khan Said Sajna sei bei einer Ratsversammlung der Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) am Samstag ernannt worden, sagte ein TTP-Kommandeur per Telefon.

Sajna war TTP-Vizechef, seit sein Vorgänger Waliur Rehman Ende Mai bei einem US-Drohnenangriff ums Leben kam. Sajna sei zudem ein enger Verbündeter des 2009 ebenfalls bei einem Drohnenangriff getöteten TTP-Gründers Baitullah Mehsud gewesen, sagte der TTP-Kommandeur. Er gehöre dem Mehsud-Stamm an und sei in Laddah in Süd-Waziristan beheimatet. Sein Alter wird auf Ende 30 oder Anfang 40 geschätzt.

Sein verstorbener Vorgänger Hakimullah Mehsud und vier weitere getötete Extremisten seien am Samstag an verschiedenen Orten in den Stammesgebieten beerdigt worden, hieß es aus Sicherheitskreisen. Mehsud wurde Berichten zufolge in einem Versteck im Nordwesten des Landes aufgespürt. Eine Drohne feuerte demnach vier Raketen auf den Unterschlupf der Extremisten. Dabei seien mindestens vier weitere führende Mitglieder der Tehrik-e-Taliban Pakistan ums Leben gekommen. Die Taliban sprachen später von insgesamt fünf Toten bei dem Angriff.

Kampferprobter und skrupelloser Gotteskrieger

Der heute rund 30 Jahre alte Hakimullah Mehsud galt als kampferprobter und skrupelloser Gotteskrieger. Unter seiner Führung soll die Tehrik-e-Taliban Pakistan unter anderem Angriffe gegen Nachschubkonvois für die US- und Nato-Soldaten in Afghanistan verübt haben. Im August 2007 soll er die Entführung von knapp 300 Regierungssoldaten in Süd-Waziristan angeführt haben. Auch für Anschläge auf zivile Ziele wurde er verantwortlich gemacht.

Zu dem US-Angriff im Stammesgebiet Nord-Waziristan war es unmittelbar vor dem geplanten Beginn von Friedensgesprächen der Regierung mit der TTP gekommen. Innenminister Chaudhry Nisar Ali Khan nannte den Angriff einen Versuch, die Gespräche zu "sabotieren". Informationsminister Pervaiz Rashid sagte, seine Regierung setzte weiter auf Verhandlungen. "Wir hatten alle Hürden zur Eröffnung eines Dialogs beseitigt und werden weiterhin versuchen, darauf aufzubauen." Ein TTP-Kommandeur in Dera Ismail Khan sagte der DPA, es sei zu früh, um zu sagen, ob die Extremisten weiterhin bereit zu Verhandlungen seien. Die USA kommentierten den Drohnenangriff wie üblich nicht.

Nach dem Angriff wurden die Sicherheitsvorkehrungen besonders an Flughäfen und anderen zentralen Einrichtungen in Pakistan verschärft. Aus Angst vor Vergeltungsanschlägen wurden in Städten an der Grenze zu den Stammesgebieten Soldaten stationiert.

Fünf Millionen Dollar Kopfgeld

Die US-Regierung hatte ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar auf Hakimullah Mehsud ausgesetzt. "Mehsud hat mehrere TTP-Angriffe gegen Personal und Interessen der USA in und außerhalb der Region organisiert und gesteuert", hieß es zur Begründung auf der Internetseite des "Rewards for Justice"-Programms.

Die USA machen die TTP unter anderem für einen gescheiterten Anschlag auf dem New Yorker Times Square im Mai 2010 und einen Selbstmordanschlag auf eine CIA-Basis in Afghanistan im Dezember 2009 verantwortlich, bei dem sieben Amerikaner getötet wurden. Die TTP ist eine Dachorganisation militanter islamistischer Gruppen, arbeitet mit dem Terrornetz Al-Kaida zusammen und operiert unabhängig von den afghanischen Taliban. Die TTP ist für den Tod Tausender Menschen verantwortlich, darunter zahlreiche Zivilisten.

Drohnenangriff trotz Protesten

Mit den Drohnenangriffen setzen die USA sich über Proteste des pakistanischen Premierministers Nawaz Sharif hinweg. Sharif hatte vergangene Woche bei einem Treffen mit US-Präsident Barack Obama ein Ende der Drohneneinsätze gefordert, bei denen immer wieder auch Zivilisten getötet werden. Nach dem Treffen in Washington flogen die USA bislang zwei solche Einsätze.

Das Außenministerium in Islamabad verurteilt die Angriffe regelmäßig als "Verletzung von Pakistans Souveränität". Der Einsatz von US-Kampfdrohnen in Pakistan ist völkerrechtlich umstritten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatte kürzlich in einem Bericht kritisiert, bei einigen der Angriffe könne es sich sogar um Kriegsverbrechen handeln.

amt/DPA / DPA