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NAHOST: Erleichterung im Gazastreifen

Im Gazastreifen herrschte heute spürbare Erleichterung darüber, dass Israel seine Großoffensive in dem dicht besiedelten Küstenstreifen in letzter Minute abgeblasen hat.

»Krieg ist Krieg - Hunderte von Menschen wären getötet, Tausende verletzt und Zehntausende obdachlos geworden«, rief der Kleiderverkäufer Akram Abu Haschisch in Gaza mit aufgeregten Gesten.

Aus Furcht vor einer wochenlangen Belagerung wie in Ramallah und Bethlehem hatten die Einwohner des Gazastreifens sich vor dem Wochenende in Geschäften und auf Märkten gedrängt, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Schreckensszenarien über noch schwerere Zerstörungen als im Flüchtlingslager von Dschenin machten die Runde. Palästinensische Kämpfer hatten sich auf eine Invasion vorbereitet und an zentralen Stellen Sprengsätze versteckt, um den erwarteten Vormarsch der Panzer aufzuhalten.

Heute schickte die Armee dann zahlreiche Reservesoldaten, die vor wenigen Tagen dringenden Marschbefehl erhalten hatten, kurzerhand wieder nach Hause. Israelische Kommentatoren waren sich am Sonntag einig darüber, dass der von Ministerpräsident Ariel Scharon genannte Grund - das Durchsickern »geheimer« Informationen über die geplante Operation, die das Leben israelischer Soldaten gefährden könnten - vorgeschoben ist. In Wahrheit stünden massiver Druck der USA und Ägyptens hinter der überraschenden israelischen Kehrtwende.

US-Vertreter hätten die israelische Führung gewarnt, eine blutige Offensive im Gazastreifen könnte dem eher moderaten Geheimdienstchef Mohammed Dachlan schaden, der dort über großen Einfluss verfügt, schrieb die Zeitung »Maariv«. Der smarte 42-Jährige, der fließend Hebräisch spricht und unter US-Vermittlung die Sicherheitsgespräche mit Israel führte, gilt als Wunschnachfolger der USA für Palästinenserpräsident Jassir Arafat.

»Wir trauen den Israelis nicht«

Auch die israelische Öffentlichkeit stand nach Meinung politischer Beobachter nicht geschlossen hinter einer Offensive im Gazastreifen. Alex Fischman von der Zeitung »Jediot Achronot« schrieb, Scharon und Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser hätten »kalte Füße« bekommen und gemerkt, »dass man ohne breiten Konsens nicht in den Krieg gehen kann«. Die israelische Linke demonstrierte am Samstagabend erstmals seit Beginn des Palästinenseraufstands Ende September 2000 mit einer Großkundgebung im Zentrum Tel Avivs wieder Stärke und forderte einen Abzug aus den besetzten Gebieten.

Mit einer Offensive in einem der dichtest bevölkerten Gebiete der Welt hätte Israel außer noch stärkerer internationaler Kritik auch schwere Verluste in den Reihen der eigenen Soldaten riskiert. Scharon fürchtete nach Einschätzung der Medien auch, eine Invasion könnte seinen diplomatischen Erfolgen bei seinem jüngsten Besuch in den USA schaden und die Bereitschaft gemäßigter arabischer Staaten verringern, Druck auf Arafat auszuüben.

Auch der offizielle Grund für ein Vorgehen gegen »Terroristennester« im Gazastreifen ist inzwischen in Frage gestellt. Der israelische Geheimdienst geht jetzt davon aus, dass der Attentäter von Rischon Lezion, der am Dienstagabend 15 Israelis mit sich in den Tod riss, nicht wie zunächst angenommen aus dem Gazastreifen kam.

Einige Einwohner des Gazastreifens rechneten heute allerdings immer noch damit, dass Israel die Operation innerhalb kürzester Zeit doch noch ins Rollen bringen könnte. »Wir trauen den Israelis nicht, es kann sich nur noch um Tage handeln«, sagte der 32-jährige Aktivist Faradsch aus einem Flüchtlingslager nahe der Stadt Gaza im Brustton der Überzeugung.

Sara Lemel und Saud Abu Ramadan, dpa