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Nasrin Sotoudeh im Interview: "Mama, wann musst du wieder ins Gefängnis?“

Nasrin Sotoudeh ist Irans prominenteste Menschenrechtsanwältin. Steffen Gassel hat die Regierungskritikerin in Teheran besucht und mit ihr über ihre Haft - und ihre Zukunftspläne gesprochen.

Eine zierliche, kleine Frau öffnet die Tür des Apartments im Teheraner Westen. Der Duft von frischem Tee zieht durch die Wohnung. Nasrin Sotoudeh, Irans prominenteste Menschenrechtsanwältin, empfängt ohne Kopftuch. Erst später zum Fotoshooting bedeckt sie ihr Haar mit einem weißen Schal. Ein Freund hat ihn ihr zu ihrer Freilassung nach drei Jahren Haft im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis geschenkt. „Ich werde die Sonne wieder grüßen“, steht auf dem Stoff in geschwungener persischer Kalligraphie.

Nasrin Sotoudeh war eine der wenigen Anwältinnen und Anwälte, die es wagten, Aktivisten der Grünen Bewegung nach dem Volksaufstand von 2009 vor Gericht zu vertreten. Damit zog sie den Zorn des Regimes auf sich. 2010 wurde sie selbst zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Später wurde das Urteil auf sechs Jahre Haft revidiert. Im September kam sie überraschend nach drei Jahren frei. Die 50-jährige Mutter zweier Kinder wirkt noch gezeichnet von den Strapazen der Haft. Mehrmals war sie in den Hungerstreik getreten und dabei bis auf 40 Kilogramm abgemagert.

Frau Sotoudeh, wie geht es Ihnen nach drei Jahren im berüchtigten Evin-Gefängnis?
Es geht mir gut. Ich habe die Haft gut überstanden. Trotz der fünf Monate im Hungerstreik.

Fünf Monate? Wie haben Sie die durchgestanden?
Es waren mehrere Etappen, zusammen genommen fünf Monate. Mal 5 Tage, mal 20 Tage, zum Schluss 39 Tage am Stück. Während dieser Zeit habe ich nur Wasser getrunken, gelegentlich etwas Milch oder Tee und pro Tag eine Dattel gegessen. Ich war bis auf 40 Kilogramm abgemagert. Inzwischen habe ich aber fast wieder mein Körpergewicht von vor Haft erreicht. Selbst die Gefängnisärzte waren erstaunt, wie gut ich das überstanden habe.

Eigentlich waren Sie verurteilt, bis 2016 im Gefängnis zu sitzen. Wie ist es Ihnen gelungen, mit dieser Aussicht fertig zu werden?
Am Anfang habe ich gedacht: Das schaffst Du nie. Vor allem die Trennung von meinen Kindern machte mir schwer zu schaffen. Meine Tochter war zehn, mein Sohn drei Jahre alt, als ich ins Gefängnis musste. Ich hatte ein schlechtes Gewissen ihnen gegenüber. Mir schien es, als ob ich durch meinen Einsatz für die Rechte anderer das Recht meiner Kinder auf ihre Mutter verletzte. Später habe ich verstanden: Meine Sorgen waren grundlos. Ich habe zwei fantastische Kinder und einen großartigen Mann.

Nach drei Jahren in Haft müssen Sie zurück ins Leben finden. Wie erleben Sie die wiedergewonnene Freiheit?
Ich versuche, mich auf die neuen Herausforderungen einzustellen, vor denen mein Land steht. Die Menschen in Iran haben sich während meiner Zeit in Haft sehr verändert.

In welcher Weise?
Die Leute beharren noch viel entschlossener als früher auf ihren Forderungen nach Veränderung in diesem Land.

Woran merken Sie das?
Die Iraner wissen noch sehr gut, was 2009 geschehen ist...

... damals schlug das iranische Regime Massenproteste gegen die Fälschung der Präsidentenwahlen zugunsten des Hardliners Mahmud Ahamdinejad brutal nieder...
...trotzdem haben sie vergangenes Jahr wieder an den Wahlen teilgenommen und Hassan Rohani zum neuen Präsidenten gewählt. Der muss die Erwartungen seiner Wähler nun sehr ernst nehmen.

Präsident Rohani hat den Bürgern eine tolerantere, menschenfreundlichere Politik versprochen. Hält er Wort?
Die Hoffnung ist groß, dass Herr Rohani eine Verbesserung der Lage einleiten kann, vor allem, was die Achtung der Menschen- und Bürgerrecht angeht. Leider ist bisher wenig in diese Richtung passiert.

Im Westen wurde allein Ihre überraschende Freilassung als Indiz für einen beginnenden Wandel gewertet. War das ein Missverständnis?
Ich hoffe nicht! Kurz vor und nach meiner Freilassung kamen insgesamt 20 politische Gefangene frei. Herr Mohseni-Ejei, der Generalstaatsan-walt, hatte in Aussicht gestellt, dass insgesamt 80 Gefangene frei kommen. Aber andere Kreise haben dagegen interveniert und diese Hoffnung ging verloren.

Bei den Verhandlungen um das Atom-Programm zeigt sich die iranische Regierung gegenwärtig entgegenkommend. Würde ein Erfolg bei diesen Verhandlungen auch eine Veränderung in Iran nach sich ziehen?
Wenn die iranische Regierung versucht, internationale Streitigkeiten durch friedliche Verhandlungen zu lösen, dann gibt es Hoffnung, dass sie auch die Konflikte im Inneren durch einen friedlichen Dialog lösen wird. Die Einigung von Genf war ein großer Erfolg für Herrn Rohani. Nun warten wir darauf, dass sie sich auch in Iran niederschlägt. Der Vertrag von Genf nimmt aber keinen Bezug auf die Situation im Iran.

Heißt das, Sie hätten sich gewünscht, dass der Westen sich nicht nur für ein Ende des Nuklear-Streits, sondern auch für den Schutz von Menschen- und Bürgerrechten im Iran stark macht?
Dazu möchte ich nichts sagen.

Viele Ihrer früheren Mitstreiter leben seit Jahren im Exil. Denken auch Sie darüber nach, Ihre Heimat verlassen?
Nein. Ich bin entschlossen, hier zu bleiben. Ich möchte meine Arbeit als Anwältin wieder aufnehmen.

Und wenn die Behörden Ihnen das nicht erlauben? Ihre Zulassung war zwischenzeitlich widerrufen worden und ist im Moment nur befristet gültig.
Ich könnte mir auch vorstellen, mich politisch zu betätigen in der Opposition. Aber meine erste Wahl wäre die Arbeit als Anwältin.

Sie waren eine der prominentesten politischen Gefangenen in Iran. Wie hat Ihre Familie, wie haben die Menschen in Ihrer Umgebung auf Ihre Freilassung reagiert?
Mein kleiner Sohn Nima konnte es erst gar nicht glauben, als ich vor der Tür stand. Er sagte: „Mama, wann musst du wieder ins Gefängnis?“ Erst nach mehreren Wochen fasste er Vertrauen, dass ich nun nicht wieder weggehe. Auch anderen Menschen geht es so. Neulich musste ich zum Finanzamt, um etwas zu erledigen. Dort sagte jemand zu mir: „Sie sehen aus wie diese Anwältin, die in Haft ist.“ Ich habe ihm geantwortet: „Schau mich genau an. Ich bin es selbst! Ich bin frei. Glauben Sie mir etwa nicht?“

Mehr zur Lage in Iran: Lesen Sie die Reportage „Der Weg ins Freie“ im neuen stern