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Nationalfeiertag: Türken zelebrieren fiebrigen Zorn

Seit Wochen entfacht der Konflikt mit den kurdischen PKK-Rebellen in der Türkei eine fiebrige Stimmung. Er hat eine nationalistische Welle ausgelöst, die bisweilen in blanken Hass umschlägt. Am Montag haben die Türken nun ihren Nationalfeiertag zelebriert. Eine Reportage aus einem erzürnten Land.

Von Metin Yilmaz, Istanbul

Es ist halb drei in der Frühe, vor diesem 84. Tag der Republik. Die Istiklal Caddesi, der Ku'damm Istanbuls, hat sich noch nicht schlafen gelegt. Überall rote Fahnen mit Halbmond. Modeboutiquen bieten T-Shirts in Nationalfarben an. Rufe hallen durch die Nacht: "Märtyrer sind unsterblich", "das Mutterland ist unteilbar","jeder Türke wird als Soldat geboren". Vor dem "Cafe Turco" sind alle Tische voll, es gibt Livemusik. Als sich die zehn-köpfige Gruppe dem Cafe nähert, die Männer sportlich, die Frauen schick gekleidet, alle um die 20, lachen sie nur noch und hören auf, nationalistische Schlachtrufe in die Nacht zu brüllen. Die jungen Leute haben Spaß, und dieser Tage darf ja jeder mit einer Fahne und politische Parolen brüllend durch die Straßen ziehen.

Doch es ist kein Spiel. Die ausgelassene Stimmung täuscht. Die Türkei erlebt eine nationalistische Welle selten gekannten Ausmaßes. Was als Protest gegen die kurdische PKK begann, die in letzten Wochen wiederholt Armeeeinheiten an der irakischen Grenze angegriffen und Soldaten getötet und entführt hat, ist mancherorts zu einer beängstigenden Hatz auf die kurdische Bevölkerung geworden. "Ein solches Auseinanderdriften zwischen Türken und Kurden habe ich noch nie erlebt", sagt Yusuf, der in einem kleinen Hotel an der Istiklal Caddesi arbeitet. "Das geht nicht gut".

"Wie in den 1930ern in Deutschland"

Ein Abiturient der Deutschen Schule in Istanbul, der in Deutschland studiert hat und in Hamburg lebt, erzählt von Kettenmails, wo als Grund allen Übels die Kurden offen angeprangert werden "Es kommt mir vor wie in den 1930ern in Deutschland" sagt er, "es schockiert mich, dass immer mehr Leute solche Mails mit ihrem Namen weiterleiten".

In Osmaniye, eintausend Kilometer südwestlich von Istanbul ging vergangene Woche ein pensionierter Lehrer mit seiner Frau und einem Freund morgens auf die Autobahn und stellte seinen Wagen quer. Seine Frau hatte eine große türkische Fahne mitgebracht, damit auch klar ist, worum es geht. Nachdem der Verkehr in beiden Richtungen gestoppt war, gab der Ex-Lehrer einen Schuss in die Luft ab, zwang alle auszusteigen und die Parole "Nieder mit PKK" zu skandieren. Aber die Leute empörten sich nicht. Sie applaudierten.

Es flogen Steine, Scheiben gingen zu Bruch

In Bursa wurden Geschäfte der Lebensmittelkette Saypa, die einer kurdischen Familie gehört, geplündert. "Seit über 80 Jahren lebt unsere Familie in Bursa", beschwert sich Necati Sayli, Vorstandsmitglied von Saypa, die in Bursa 22 Filialen hat. Die Familie stammt aus Mardin an der syrischen Grenze, wo auch viele Kurden leben. "Seit Jahren haben wir Hinterbliebene gefallener Soldaten unterstützt und Tausende türkischer Fahnen verteilt. Trotzdem werden seit Jahren Gerüchte gestreut, wir würden die PKK unterstützen!" Hinter den Gerüchten vermuten sie eher Konkurrenten im hart umkämpften Markt der Lebensmittelketten. Dem Mob, der mit türkischen Fahnen vermeintlich gegen die Terroranschläge der PKK protestierend durch die Strassen zog, war das egal. Erst flogen Steine, Scheiben gingen zu Bruch. Dann plünderten Tausende die Filialen. Die Firma versucht seither mit ganzseitigen Anzeigen in Zeitungen "gegen den Terror der PKK" das Geschäft zu retten. Türkische Fahnen an den Eingängen sollen sie vor weiteren Übergriffen schützen.

Auch andere Geschäfte und Cafes, deren Besitzer Kurden sind, aber auch Treffpunkte alternativer oder linker Gruppen wurden überfallen. Junge Männer mit langen Haaren oder Ohrringen leben dieser Tage gefährlich. Nicht nur in Bursa, eine Millionenstadt unweit von Istanbul. "Wir dulden hier weder Satanisten noch Kommunisten!" rief die eher aus Gymnasiasten bestehende Menge, bevor Steine in Richtung des "Cafe 60s" flogen. "Es waren auch junge Mädchen dabei, sogar Gäste von unserem Cafe" erzählt der Besitzer Ogün Özden. "Die wussten, dass ich ein Linker bin. Es hagelte Steine gegen die Scheiben, ein Gast wurde verletzt". Özden hat seine Frau und Kind schon nach Istanbul geschickt, will das Cafe verkaufen und nachziehen.

Überdimensionierte türkische Fahnen als Schutzschilder

Neuerdings spielen selbst Rockbars nationalistische Lieder und hissen überdimensionierte türkische Fahnen als Schutzschilder an den Eingängen. Parteibüros der prokurdischen DTP wurden in vielen Städten mit Molotowcocktails beworfen. In Ayvalik brannten neben dem Parteibüro der DTP auch Vereinsräume der "Afrikanischen Türken". Der Verein vertritt die Interessen von Nachkommen ehemaliger Sklaven aus Afrika im osmanischen Reich, die in der Türkei leben.

Am Kai in Gemlik am Marmarameer, südlich von Istanbul warteten einige hundert aufgebrachte Protestler mit Fahnen und Spruchbändern. Von hier aus werden wöchentlich die Anwälte des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan von der türkischen Marine auf die Gefängnisinsel Imrali gebracht, auf der er seit 1999 als einziger Häftling lebt. Die Menge ging erst nach Hause, als der Staatsanwalt vor Ort versicherte, die Anwälte würden nicht mehr kommen.

Einen Keil zwischen Türken und Kurden treiben

Auch in Städten mit überwiegend kurdischer Bevölkerung gingen Menschen auf die Strasse, um gegen den Versuch zu protestieren, ein Keil zwischen Türken und Kurden zu treiben. In Van, einer Stadt nahe dem Berg Ararat riefen 10.000 Menschen "Kurden und Türken sind Brüder, die PKK ist ein Verräter, nieder mit der PKK".

Aufgeschreckt durch die landesweiten, teils heftigen Reaktionen titelte die Tageszeitung Radikal am 28.Oktober "Die Proteste gleiten aus der Hand". Kommentatoren aller Zeitungen warnen vor einer Hetzjagd gegen "kurdische Bürger". Das komme einem Bürgerkrieg gleich.

Die neue Republik Türkei erst ermöglicht

Viele erinnerten daran, dass nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches 1919 Türken und Kurden zusammen Krieg geführt und die neue Republik Türkei erst möglich gemacht haben. Ob sie auf offene Ohren stoßen werden ist unklar.

In fünf Tagen wurden mehr als 5 Millionen Fahnen verkauft, die verschenkten nicht mitgezählt. Heute, anlässlich des "Cumhuriyet Bayrami", des Festes der Republik, will Petrol Ofisi, eine Tankstellenkette, 500.000 weitere Fahnen verteilen.

"Denen, die uns diese Schmerzen zugefügt haben, werden wir Schmerzen in unvorstellbarem Ausmaß zufügen" sagt Generalstabschef Yasar Büyükanit im heutigen Grußwort zum 84. Tag der Republiksgründung. Wie ein Aufruf zur Mäßigung klingt das nicht.

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