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Ostsee Nord-Stream-Lecks: Was bisher über die Folgen für Klima und Umwelt bekannt ist

Ostsee: Nord-Stream-Lecks: Was bisher über die Folgen für Klima und Umwelt bekannt ist
Sehen Sie im Video: Schwedische Küstenwache meldet viertes Gasleck in "Nord Stream".




Schwedens Küstenwache hat nach eigenen Angaben ein viertes Gasleck an den beschädigten Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee entdeckt. Das Loch sei ebenfalls diese Woche gefunden worden, zitierte die Zeitung "Svenska Dagbladet" am Donnerstag einen Sprecher der Küstenwache. Nähere Details lagen zunächst nicht vor. An den russischen Nord-Stream-Pipelines waren Anfang der Woche innerhalb kurzer Zeit in dänischen und schwedischen Gewässern zunächst drei Lecks entdeckt worden. Die genaue Ursache ist unklar. Westliche Sicherheitsexperten gehen aber von Sabotage aus. Russland will wegen des Vorfalls eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates einberufen. Das erklärt eine Sprecherin des russischen Außenministeriums am Mittwoch.
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Abseits der politischen Bedeutung der Lecks in der Nord-Stream-Pipeline stellt sich die Frage, welche Folgen das Austreten des Gases für Klima und Umwelt haben. Vor allem die Freisetzung von Methan ist problematisch. Insgesamt sind die Experten uneins.

Eine sichtbare Auswirkung der vier Lecks in den Nord-Stream-Gaspipelines sind die großen Verwirbelungen im Wasser der Ostsee, die durch das Austreten von Gas erzeugt werden. Die dänischen und schwedischen Behörden haben Sicherheitszonen für die Schifffahrt in einem Radius von fünf Seemeilen (gut neun Kilometer) eingerichtet, da Schiffe durch das aufsteigende Gas in ihrem Antrieb spürbar beeinträchtigt werden könnten. Zudem bestehe Explosionsgefahr, heißt es.

Dass die Freisetzung enormer Mengen Gas Folgen für Klima und Umwelt haben, darin sind sich die Experten weitgehend einig. Wie schlimm es wird, darüber gibt es aber unterschiedliche Ansichten. Zwei Bereiche werden in erster Linie diskutiert:

Belastung des Klimas durch freigesetztes Methan

Problematisch ist vor allem, dass mit dem Gas Methan in riesigen Mengen entweicht – nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe  (DUH) mehr als 350.000 Tonnen. Wenn es unverbrannt in die Atmosphäre gelangt, gilt Methan als 25.mal klimaschädlicher als Kohlendioxid und ist "laut Weltklimarat schon jetzt für 0,5 Grad der weltweiten Erwärmung verantwortlich", so Constantin Zerger, DUH-Leiter Energie und Klimaschutz in einer Mitteilung. Die Organisation spricht daher von einem beispiellosen "Superemitter-Event" und fordert, das noch in den Pipelines vorhandene Gas sofort abzusaugen. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass 0,3 Millionen Tonnen des ins Wasser austretenden Methans in die Atmosphäre gelangen werden – entsprechend vorliegenden Schätzungen über Füllstand und Volumen der Pipelines. Daher müsse der Klimaeffekt der Lecks mit etwa 7,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten beziffert werden, so das Amt.

Verwirbelungen durch Gasaustritt aus Nord Stream 1 in schwedischen Hoheitsgewässern
Verwirbelungen im Wasser der Ostsee: Mit dem Gas tritt vor allem Methan aus den Lecks der Nord-Stream-Pipelines aus. Methan ist für das Klima besonders schädlich.
© Schwedische Küstenwache / AFP

Während das DUH von enormen Auswirkungen auf das Klima ausgeht, glaubt das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) eher an geringe Folgen. "Das Klimageschehen wird dadurch nicht verändert", sagte IOW-Forscher Oliver Schmale am Mittwoch in Rostock. Nichtsdestotrotz entspreche die Gesamtmenge von 500 Millionen Kubikmetern Erdgas, die laut Schätzungen aus den Leitungen entweichen kann, rund 18 Prozent des Jahresausstoßes an Methan in Deutschland im Jahr 2021. Im globalen Vergleich sind es Schmale zufolge jedoch lediglich 0,06 Prozent.

Auswirkungen auf Meeresumwelt lokal

Einig sind sich IOW, Deutsche Umwelthilfe und der Naturschutzbund, dass die direkten Auswirkungen auf die Meeresumwelt durch den Methan-Austritt eher lokal beschränkt sein dürften. Zwar könnte dem Wasser in der Umgebung der Lecks Sauerstoff – und damit die Lebensgrundlage vieler Organismen – entzogen werden, doch durch die Umwälzung der Wassermassen dürfte sich dieser Effekt der Diffusion von im Wasser gelösten Sauerstoffs in die vom Meeresboden entwichenen Gasblasen in Grenzen halten. Aufgrund der mit maximal 88 Metern recht geringen Wassertiefe der Nord-Stream-Schäden werde sich wohl auch nur wenig Methan im Wasser lösen. 

"Bisher haben wir mit Gaslecks solcher Dimensionen keine Erfahrung", sagte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) "Zeit online", "aber bei anderen, kleineren Methan- oder Gaslecks in der Nordsee konnten in der Vergangenheit zumindest keine unmittelbaren  Folgen für die Meeresumwelt nachgewiesen werden." Der Leiter des Ostseebüros des World Wildlife Fund (WWF), Finn Viehberg, fordert dennoch einen genauen Blick: "Die Schäden für die Meeresumwelt müssen umgehend genau analysiert werden. Noch ist unklar, was die Gaslecks für die Organismen in der betreffenden Region bedeuten." Auch er verwies jedoch vor allem auf längerfristige Folgen für das Klima.

dho / mit DPA

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