HOME

Obama vs. McCain: Was Afghanistan über die US-Wahl denkt

Sie leben ohne Kontakt zu Ausländern, ohne Fernsehen oder Internet - und doch kennen die Hirten in den afghanischen Stammesgebieten Barack Obama. Doch gleich, wer ins Weiße Haus einzieht - sie sorgen sich vor allem darüber, ob der nächste Präsident noch mehr Truppen in ihr Land schickt.

Von Christoph Reuter

Es geschah in einer der entlegensten Berghöhen Ostafghanistans, anderthalb Tagesmärsche vom Ende der Schotterpiste entfernt. In Darah-i-Nur, einem der letzten Urwälder, wo Hirten den Sommer über ihre kleinen Herden weiden lassen, von Milch und Waldpilzen leben und seit Jahrzehnten keinen westlichen Ausländer mehr gesehen hatten. Wo einer dieser Hirten von uns den ersten Kaffee seines Lebens kostete (und ihn ganz abscheulich fand), bevor sein knollnasiger Gefährte plötzlich fragte: "Und was ist jetzt mit Obama?!"

Dieser Obama werde doch zum nächsten Präsidenten der Amerikaner, meinte er, wobei ihm das Konzept von Wahlen etwas unvertraut schien. Was also habe dieser neue Machthaber mit ihnen, den Hirten vom Völkchen der Pashei im Hochtal Darah-i-Nur, vor?

Es mochte der Frage zusätzliches Gewicht verleihen, dass US-Truppen zwei Täler weiter seit Stunden echte oder vermeintliche Taliban-Stellungen bombardierten und selbst das Zittern der Detonationen für uns noch spürbar war. Aber es war eine bizarre Situation. Fernab von Schulen, Strom, Fernsehen, nur mit einem batteriebetriebenen Radio gelegentlich mit Nachrichten versorgt, rätselte die kleine Hirtenrunde über Herrn Obama, dessen Bild sie noch nie gesehen hatten, nicht wussten, ob er weiß, schwarz, jung oder alt war oder welcher Partei er angehörte. "Aber wird er noch mehr Truppen herschicken?", fragten sie besorgt: "Im Radio kam, dass er noch mehr Soldaten zu uns schicken will. Kommen die dann auch zu uns?", auf die Hochalm Lamponichaltek, fünf Steinhütten, ein Misthaufen, leider keine Wasserstelle. Einer lachte, dass die amerikanischen Soldaten dann ja vielleicht eine Wasserleitung zur Quelle am nächsten Hang spendieren würden. Aber die anderen waren besorgt.

Je mehr Soldaten kamen, desto mehr Krieg gab es

Denn die praktische Erfahrung der letzten Jahre ließ auf eine schlichte Wechselwirkung schließen: Je mehr Soldaten aus Amerika kamen, desto mehr Krieg gab es. "Als Bush anfing", erzählte ein Hirte, der aussah, als könne er jedes Casting für "Rübezahl" oder "Die sieben Zwerge" gewinnen, "da konnten wir mit den Kühen noch über das Waigal- und Mazar-Tal, das Kurangal-Tal bis zu den Bergen an der pakistanischen Grenze ziehen". Aber Jahr um Jahr sei der Krieg westwärts gewandert, hätte Tal um Tal im Teufelskreis versinken lassen: "Erst kommen die Amerikaner oder die Taliban, dann kommen die anderen. Und wir leiden!" Ob Obama gut für ihre Kühe sei?

Selten ist eine US-Präsidentschaftswahl in der gesamten Welt mit solchem Interesse schon lange im Vorfeld verfolgt worden. Noch seltener allerdings waren selbst die isoliertesten Bergstämme Afghanistans so sehr im Detail davon betroffen, was Amerika demnächst tut. Oder eher: ihnen antut. Im ganzen Land, den kargen Steppen des Südens, den fruchtbaren Hügeln des Nordens, in der Hauptstadt Kabul rätseln die Menschen, was die USA eigentlich vorhaben. Sie haben seinerzeit Hamid Karzai als Präsidenten durchgesetzt, sie stellen mehr als 20.000 Soldaten, pumpen Milliarden US-Dollars ins Land. Aber was sie damit eigentlich vorhaben, bleibt den meisten Afghanen im Lichte der Ereignisse schleierhaft: Denn je mehr und härter die US-Truppen gegen die Taliban kämpfen, desto mächtiger werden die, angestachelt von Wut und Rache der Bevölkerung. "Mullah Omar", der Gründer und geistige Führer der Taliban, "ist doch längst in New York oder so", erzählen vom Taxifahrer bis zum Milizführer viele in Kabul.

Die Taliban nur erfunden?

Es müsse eine gigantische Verschwörung geben: Dass Washington die Taliban erfunden habe, um damit ihren Krieg und ihre Besatzung zu rechtfertigen. Warum sonst würden sie laufend die Falschen bombardieren, Zivilisten umbringen und damit die gesamte Bevölkerung gegen sich aufbringen?

Das Konstrukt der Verschwörungsidee ist einerseits die Fortführung der alten, nun gänzlich abwegigen These, die CIA hätte die Türme am 11.September 2001 selber gesprengt, um damit die kommenden Kriege rechtfertigen zu können. Doch die fatalen Ergebnisse der aktuellen amerikanischen Kriegsführung sind echt: 2008 allein hat es mehrere Fälle gegeben, in der Provinz Nangahar im Osten, in Helmand im Süden und sogar in ansonsten eher ruhigen Provinz Herat im Westen, dass Dörfer bombardiert wurden und die amerikanische Militärführung gebetsmühlenhaft von getöteten Terroristen sprach - bis lokale Journalisten Bilder von toten Kindern, Frauen, von staatlichen Krankenhausangestellten und anderen Menschen zeigten, die schwerlich Taliban gewesen sein konnten. Daraufhin hieß es, nun werde man eine Kommission einsetzen, die Vorwürfe zu prüfen. Bis dann, meist Monate später, eine dürre Meldung erscheint, dass man vielleicht doch die Falschen getroffen habe.

"Diese Verschwörungen mögen Unsinn sein", sagt Borhan Younus, ein afghanischer Journalist aus der Taliban-Hochburg Ghazni südlich von Kabul, "aber nichts nützt den Taliban mehr als die Brutalität der US-Truppen. Die Menschen sind wütend, wollen sich rächen, sehen auch in Karzais Regierung nichts als Lakaien der Amerikaner. Also helfen sie den Taliban. Oder kämpfen gleich mit."

Auch, dass Washington offiziell dem Opiumanbau den Kampf angesagt habe, die größten Anbauer und Schmuggler aber beschütze, solange sie nur ihre Verbündeten seien, hinterlässt Verwirrung. "Warum wollen sie meine Felder zerstören", klagte schon 2005 ein Bauer aus der Opium-Zentralprovinz Helmand, die alleine bald ein Drittel der weltweiten Produktion erwirtschaftet, "aber lassen die Plantagen von Gouverneur Akhundzada unangetastet?"

Akhundzada wurde 2006 von den Briten abgesetzt, die im Rahmen der Isaf das Kommando in Helmand übernahmen und neun Tonnen Opium im Büro des Gouverneurs sicherstellten. Die Amerikaner wollten ihn halten und hatten keine Einwände, als der Mann zur Entschädigung für den Gouverneursjob zum Senator im Oberhaus des afghanischen Parlaments und sein Bruder zum Vize-Gouverneur ernannt wurden.

Wer ist John McCain?

Was also wollen die Amerikaner? Dass auch John McCain im - mittlerweile unwahrscheinlichen Fall - seiner Präsidentschaft mehr Truppen nach Afghanistan schicken wollte, beruhigte die Hirten von Lamponichaltek im Urwald von Darah-i-Nur schon deswegen nicht, weil sie weder von dem Mann, noch von seiner Partei gehört hatten und überhaupt irritiert waren, wieso die Nachfolge von diesem Bush noch nicht geklärt sei. Dass, wie wir ihnen erzählten, jeder kommende amerikanische Präsident tausende Soldaten mehr nach Afghanistan schicken wolle schürte bei allen die Sorge vor den kommenden Jahren. "Schon jetzt laufen hier manchmal Taliban durch den Wald auf dem Weg nach Westen", erzählten sie, "wir mögen die nicht, aber es werden immer mehr."

Über uns kreiste sirrend irgendwo in den Wolken eine Drohne. Eines jener mörderischen überdimensionierten Modellflugzeuge mit Kameras und Raketen der Amerikaner, die alles im Auge behalten, es aber nicht verstehen.