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OPERATION »SCHUTZWALL«: Schüsse aus finsterem Himmel

Soldaten senden Pornofilme, ein Haus wird verwüstet, ein Junge angeschossen - traumatischer Alltag im besetzten Palästina.

Für das Vogelgezwitscher hat die 41-jährige Salua Daibis in Ramallah kein Ohr mehr. Dafür achtet sie jetzt auf andere Geräusche: die knatternden Propeller der Apache-Kampfhubschrauber, das Kreischen der F-16-Kampfjets und den dumpfen Rückstoß von Panzerkanonen, die in ihrer winzigen Zweizimmerwohnung die Wände erbeben lassen.

Ein Windzug schlägt die Küchentüre zu, und ihre zehnjährige Nichte Dschuman flüchtet sich in ihre Arme. Ihre Augen sind vor Schreck geweitet. Sie hat längst erfahren, was Todesangst bedeutet. Seit ein israelischer Soldat lange mit dem Gewehr auf ihren schwarzhaarigen Kopf zielte, ist sie verstummt.

Schüsse ohne erkennbaren Anlass

Später sah sie, wie der 14-jährige Kindi von nebenan schwer verletzt wurde. Das war während der ersten Aufhebung der Ausgangssperre, als die 160000 Bewohner von Ramallah für drei Stunden auf die Straße durften. Die Schüsse fielen ohne erkennbaren Anlass, aus zornigem, nicht aus heiterem Himmel. Drei Stunden musste der blutende Junge warten, bis der Krankenwagen durchgelassen wurde.

Salua Daibis weiß nicht mehr genau, wann die Armee das erste Mal ihr Haus durchsuchte, wann die Tore zum versperrten Nachbarhaus aufgebrochen wurden, wann die Soldaten drohten, ihre Mutter zu erschießen, wann die Festplatte aus ihrem Computer genommen wurde, wann sie darum betteln musste, ihr Handy behalten zu dürfen. Sie weiß nur noch, dass in einer anderen Pause der Ausgangssperre ihre Mutter kreidebleich zu ihr kam: »Sie haben mein Haus geschändet.« Die Bilder der Großeltern lagen zersplittert am Boden. Die Möbel waren zertrümmert.

Der Dauerbefehl der israelischen Armee für Hausdurchsuchungen lautet klipp und klar: »Die Einrichtung ist in keinem Fall zur Eigennutzung erlaubt.« Nicht einmal das Sitzen auf einem Stuhl wäre demnach gestattet. Aber ein General räumt im Hintergrundgespräch ein: »Es gibt keine sterilen Kriege. Betreten Soldaten in schwerer Kampfausrüstung ein Haus, dann sind sie eben wie Elefanten im Porzellanladen.« Allein am vergangenen Wochenende wurden in Dschenin und Nablus mindestens 43 Häuser zerstört.

Unheilbare Traumata

Pierre Poupard, der Unicef-Direktor für die besetzten Gebiete, ist alarmiert: »Nicht nur von den jetzigen Ereignissen, sondern auch von den Folgen. Vor allem für die Kinder. Denn wie werden wir diese Traumata jemals heilen können?«

Und wie verarbeiten Soldaten ihr Gefühl der Macht, wenn sie in der Operation »Schutzwall« sogar Acht- und Sechsjährige mit erhobenen Händen an die Mauer stellen, um sie nach Waffen abzutasten?

Wie werden sich 18-jährige Soldaten entwickeln, die sich in Ramallah den zynischen Spaß gönnten, eine Porno-Cassette im lokalen Kabelfernsehen auszustrahlen. Kaum eine andere Maßnahme der Besatzer hat die Palästinenser in ihren religiösen Gefühlen je stärker verletzt.

Doch die Willkür geht weiter. Bei Stephanie Khoury in Ramallah drohten die Israelis so ganz nebenbei während der dreistündigen Hausdurchsuchung, die Katze zu töten und fragten interessiert, ob die US-Bürgerin Ganzkörpermassagen gebe.

Selbst Urlauber bekamen den Krieg zu spüren. Der Arzt Nabil Bushnaq besuchte mit seiner Tochter Abir seine Mutter. Er stammt aus Tulkarem im Westjordanland, lebt nun in Deutschland. Als die israelische Armee ihre Aktion begann, saß er plötzlich in der Kampfzone fest. Per Telefon musste er seine wartenden Patienten im sauerländischen Olsberg vertrösten.

Am Wochenende verschärfte die Armee ihren Einsatz, um die Operation »Schutzwall« vor dem Eintreffen von US-Außenminister Colin Powell noch schnell abzuschließen. Sprunghaft stieg die Zahl der Todesopfer auf beiden Seiten an. Israelische Soldaten hätten seit dem 29. März 200 Palästinenser und elf Israelis getötet, bestätigte Armeechef Schaul Mofas.

Anna-Patricia Kahn

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