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Pakistan: Taliban kidnappen hunderte Menschen

In ihrem Kampf gegen die pakistanische Regierung greifen die Taliban jetzt zu einem neuen Mittel: Massen-Kidnapping. Die radikalen Islamisten entführten in der umkämpften Grenzregion zu Afghanistan mehrere hundert Menschen aus einer Jungenschule.

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer haben im unruhigen Nordwesten Pakistans mindestens 400 Menschen verschleppt. Die Extremisten hätten Schüler und Dozenten der Jungenschule Rasmak Cadet sowie deren Angehörige in ihre Gewalt gebracht, erklärte die Polizei am Montag.

Die Menschen seien auf der Flucht von dem Schulgelände in Nord-Waziristan überfallen worden, sagte ein Polizeisprecher unter Berufung auf einen Augenzeugen. Ein Anrufer habe den Schülern zuvor nahegelegt, zu fliehen und sich dabei offenbar als Behördenvertreter ausgegeben. Zahlreiche Islamisten stoppten und entführten demnach etwa 30 Busse und Autos. Sie trugen nach Augenzeugenberichten automatische Waffen, Granaten und Panzerfäuste bei sich. 17 Menschen aus einem Fahrzeug gelang nach eigenen Angaben die Flucht.

Nord-Waziristan gilt als Hochburg der Taliban, insbesondere in den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze. Die Polizei stehe in Verhandlungen mit den Entführern, erklärte Regierungsberater Mirza Mohammad Jihadi. Er ging von 500 Verschleppten aus.

Das Rote Kreuz zeigte sich unterdessen einen Monat nach Beginn der Großoffensive der Streitkräfte gegen die Taliban im Swat-Tal tief besorgt. Die Zivilbevölkerung sei seit Wochen von der Außenwelt abgeschnitten und es gebe weder fließendes Wasser noch Strom, erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari stellte am Montag Soforthilfe in Höhe von 500 Millionen Rupien (4,3 Millionen Euro) für die inzwischen drei Millionen Flüchtlinge bereit.

Die Streitkräfte meldeten am Wochenende die Rückeroberung der größten Stadt im Swat-Tal, Mingora, und Verteidigungsminister Syed Athar Ali erklärte die Offensive für weitgehend abgeschlossen. Die Region werde "in den nächsten zwei bis drei Tagen" gesichert sein, sagte der Minister. Bei den Kämpfen wurden nach Militärangaben mehr als 1200 Extremisten getötet. Die Gefechte weiteten sich am Wochenende offenbar auf eine weitere Region aus: In Süd-Waziristan im Grenzgebiet zu Afghanistan kamen nach Militärangaben mindestens 25 Aufständische und sieben Soldaten ums Leben. In der einst 375.000 Einwohner zählenden Stadt Mingora hoben die Streitkräfte am Sonntag vorübergehend das Ausgehverbot auf, damit sich die rund 20.000 verbliebenen Einwohner auf die Suche nach Lebensmitteln machen konnten. Ein Einwohner erklärte, er habe sein Haus seit 25 Tagen nicht verlassen. "Ich wusste nie, wer kämpft und wer getötet wurde."

Beobachtern zufolge könnte die breite Unterstützung in der pakistanischen Bevölkerung für die Militäroffensive schwinden, wenn das Flüchtlingsproblem nicht schnell gelöst wird. Fast 200.000 Menschen leben in Lagern im Grenzgebiet. Zudem haben die Taliban zur Vergeltung mit Terrorangriffen gedroht. Bei Bombenanschlägen in Lahore und Peshawar wurden in der vergangenen Woche mindestens 44 Menschen getötet.

AP / AP