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Polizeiausbildung in Afghanistan: Zweiter Bildungsweg

Deutschland ist verantwortlich für die Ausbildung der Polizei in Afghanistan. Und blamiert sich damit seit Jahren: Die Lehrstoffe sind weltfremd, die Zahl der Absolventen ist zu gering. Doch nun haben die Ausbilder endlich etwas gelernt.

Von Joachim Zepelin

Abdul Rahim Ahak duckt sich. Vorsichtig lugt er um die Hausecke, dann huscht er über die Straße. Fünf Polizisten in graublauen Uniformen schleichen hinterher. Schmächtige Gestalten, sie umklammern ihre Waffen, schauen sich um. Der Tross sucht nach Verbrechern, Terroristen. Plötzlich taucht an der Seite hinter einem Erdhaufen eine Gestalt auf. Und wieder machen die Polizisten denselben Fehler, wieder gibt der Mann, der den Unbekannten entdeckt hat, die Nachricht nicht sofort an die Folgenden weiter. Wieder halten alle ihre Holzgewehre in dieselbe Richtung, schauen nur nach vorn.

"Das kann euch im Ernstfall das Leben kosten", sagt Thorsten Schwarz, "ihr braucht 360 Grad Sicherheit." Er bildet Polizisten für diesen Ernstfall aus, der im vergangenen Jahr 1200 Polizisten in Afghanistan das Leben kostete. "Wir müssen hier ganz von vorn anfangen", sagt Schwarz. Schon, gleichzeitig zu laufen und die Waffe richtig zu halten, falle vielen schwer. "Die haben nie in ihrem Leben Sport gemacht."

Vom Bauer zum Polizisten

Wie auch? Der 28-jährige Ahak hat vor acht Wochen noch mit seiner Familie die Felder in der nordafghanischen Provinz Farjab bestellt. Dann kam der Aufruf des Gouverneurs, er suche 500 Polizeirekruten. Ahak verließ die Lehmhütte, in der er mit den Eltern und zwei Brüdern lebte. "Die Familie ist stolz, dass ich eingestellt wurde", sagt der Rekrut. Für die meisten Bewerber ist es die letzte Chance. Sie sind verarmte Bauern oder Handwerker. Wie viel er als Polizist verdient, weiß er noch nicht, umgerechnet rund 80 $ im Monat, hieß es. Eine Familie kann man davon nicht ernähren.

Seit November läuft der Lehrbetrieb auf dem 500 mal 1000 Meter großen Gelände in einer Wüstenlandschaft. So lange ist auch Hans-Jörg Barth in Masar-i-Scharif. Der 51-jährige Polizeioberrat aus Göppingen ist der oberste deutsche Polizist in Nordafghanistan. Ein Jahr wird er bleiben und hat viel vor: Er will einen Hindernisparcours und eine Schießbahn bauen lassen, dazu Unterkünfte und Lehrgebäude, sodass man 400 statt bisher 200 Polizeischüler gleichzeitig ausbilden kann. Es gibt viel zu verbessern.

Lehrstoffe aus dem Schwabenland

Seit 2002 ist Deutschland der internationale Chefausbilder für Polizisten in Afghanistan. Und dabei hat es sich tüchtig blamiert: zu viel Bürokratie, zu wenig Investitionen, dazu Lehrstoffe, die eher ins Schwabenland passen als nach Kabul. Allein die Zahl der Ausgebildeten ist eine Farce: 7000 Polizisten - von 134.000, die nach der Vorstellung der Bundesregierung gebraucht werden. Als ausgebildet gilt dabei jeder, der mal ein Klassenzimmer gesehen hat und sei es für eine Woche. Diese Versäumnisse des Chefausbilders Deutschland hatten sich zu einer weiteren Gefahr für die allgemeine Sicherheit in dem Land ausgewachsen.

Die Deutschen setzten zunächst auf eine Führungsakademie in Kabul, in der Afghanen studieren können und lernen, wie man kriminalistisch ermittelt und den Verkehr kontrolliert. Kurz: großer Aufwand, wenig Absolventen, falsche Kenntnisse. Auch lehrten die Deutschen keine militärischen Inhalte, was in Afghanistan nötig ist.

"Wir haben eine Kaderschmiede geschaffen, aber vollkommen ignoriert, was am Boden läuft", gibt ein deutscher Diplomat zu. Und die wenigen praktischen Kurse, die deutsche Ausbilder anboten, standen 2007 vor dem Scheitern: Deutschland versuchte, die Aufgabe an die EU-Mission Eupol zu übergeben. Doch kaum jemand in Europa wollte den afghanischen Polizisten etwas beibringen. Also fingen die Deutschen noch einmal ganz von vorn an: neue Inhalte, mehr Schüler, mehr Ausbilder. 100 sind es derzeit, im nächsten Jahr doppelt so viele.

"Für die meisten wie Urlaub"

Das vierwöchige Grundtraining in Masar-i-Scharif ist für Ahak ein Ausflug in eine andere Welt. Täglich drei Mahlzeiten, saubere Zimmer mit sechs Doppelstockbetten - "das ist für die meisten wie Urlaub", sagt Barth. Doch am besten findet Ahak seine deutschen Trainer: "Die halten sich an die Regeln, die schlagen uns nicht."

Im PTC, dem Police Training Center, lernt er, wie man einen Checkpoint aufstellt, wie man auf Patrouille geht und Waffen führt. Theorie und Taktik werden mit bunten Bildern vermittelt, in Afghanistan kann nur jeder fünfte Polizist lesen und schreiben. Ein Ausbilder stellte einen Checkpoint auch schon mit Playmobil nach.

Neben dem Grundkurs bieten die Deutschen auf Bitten der Amerikaner jetzt eine neue Ausbildung an: das Focussed District Development (FDD). Mit diesem Konzept soll in Afghanistan eine Polizeistation nach der anderen generalüberholt werden.

Seit zwei Jahren arbeiten die Amerikaner mit dieser Idee. Sie haben bei der Polizeiausbildung die Führung übernommen, aus Frust über die Partnerländer. Von 2005 an haben die USA 7 Mrd. $ in die afghanische Polizei investiert, der offizielle Chefausbilder Deutschland seit 2002 nur 160 Mio. Euro. Trotzdem lobt das Auswärtige Amt auf seiner Website: "In allen Bereichen wurde erheblich investiert und vieles erreicht."

Ein kleines Wunder

In den Polizeistationen im Norden des Landes, wo Deutschland das Kommando der Internationalen Schutztruppe stellt, ist davon wenig zu sehen. Als Polizeioberrat Barth im Winter in die Provinz Balch ging, um das FDD-Konzept zu beginnen, fand er bei seiner ersten Gemeindestation vor den Toren der Großstadt Masar-i-Scharif eine Polizei, der alles fehlte: Uniformen, Autos, Benzin und überhaupt die Lust, mal rauszufahren und Präsenz zu zeigen - es sei denn, um sich schmieren zu lassen.

Es ist ein kleines Wunder, was in dieser Gemeinde mit dem Namen Dedadi seither geschah. Zwei Monate waren die Polizisten zum Training in dem Ausbildungszentrum. Ihre Arbeit übernahmen Bereitschaftspolizisten aus Kabul. Als die 55-köpfige Truppe Ende Mai heimkehrte, standen die 500 Bewohner der Gemeinde mit Plastikblumen Spalier. Es wurden Schafe geschlachtet, man feierte die Absolventen, die ihre Uniformen, Waffen und Fahrzeuge vorzeigten.

Ein kleiner Sieg für Barth. Zum Kern des FDD-Konzepts gehört es, innerhalb eines Jahres mit der Polizei auch deren Beziehung zur Gemeinde zu erneuern. Darum werden die Bürgermeister, Mullahs und Stammesältesten einbezogen. Man setzt Zeichen wie die neue - von den USA bezahlte - Ausrüstung; oder Investitionen in die Infrastruktur. In Dedadi wurden Mauern um Mädchenschulen gebaut und die Polizeistation renoviert, in der die Polizisten leben. Der Polizeichef bekam Lebensmittel, die er in der Gemeinde verteilte. "Das macht ihn zum Helden", sagt Barth, und das dient dem Vertrauen. Nur so erfährt man, wenn sich etwa Extremisten verstecken. Darum gehört zum Lehrstoff auch, wie man mit den Bürgern spricht, wie man ihnen hilft.

"Sicherheitslage ist nicht so toll"

"Wir waren gut, aber jetzt sind wir noch besser", sagt einer der Polizisten, Mohammed Bajan, der seit 25 Jahren im Beruf ist. Viel habe er gelernt, wovon er nie gehört hatte, Menschenrechte etwa oder Erste Hilfe. Er sitzt in seinem Kellerbüro an einem sehr massiven und sehr leeren Schreibtisch. Ab und an legt er sich beim Gespräch aufs Bett. "Wir fühlen uns jetzt wohl in unserem Haus." Und auch mit dem, was vor der Tür steht, ist er zufrieden: fünf Polizeiwagen mit Sommer-, Winterreifen und Sprit. Wer das FDD-Training absolviert hat, bekommt sogar einen höheren Sold. "Alle bewundern uns, jetzt wollen die anderen Stationen auch bei dem Programm mitmachen."

Zehn Distrikte der Provinz sollen in diesem Jahr mit dem FDD-Training beginnen, im kommenden 20. Dann wäre man in fünf Jahren mit den 122 Distrikten im Norden durch. Dafür wird ein weiteres Trainingscenter gebaut, ein drittes erweitert.

Ob die Ausbilder ganz am Ende dann in Dedadi wieder anfangen müssen? Damit die alten Sitten nicht gleich wieder einreißen, bleiben deutsche Mentoren für zehn Monate vor Ort. Doch, so bisher die Erfahrung der Amerikaner, nach zwei Jahren ist die Hälfte der Polizeihelden wieder weg. Manche sterben im Einsatz; die meisten gehen zu Sicherheitsfirmen oder Warlords.

Polizeischüler Abdul Rahim Ahak aber will durchhalten. "Bei uns in Afghanistan ist die Sicherheitslage nicht so toll", sagt er. "Ich dachte, es könnte besser werden, wenn ich das übernehme."

FTD