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POSTRAUB: Von der Copa Cabana in den Knast

Nach mehr als drei Jahrzehnten auf der Flucht ist der legendäre britische Posträuber Ronald Biggs am Montag nach Großbritannien zurückgekehrt. Kurz nach der Landung wurde er noch im Flugzeug verhaftet.

Nach mehr als drei Jahrzehnten auf der Flucht ist der legendäre britische Posträuber Ronald Biggs am Montag nach Großbritannien zurückgekehrt. Kurz nach der Landung wurde er noch im Flugzeug verhaftet. Der inzwischen 71-jährige, von Schlaganfällen gezeichnete »Gentleman-Verbrecher« wurde mit großer Eskorte in eine Polizeiwache gebracht. Dort sollte er ärztlich untersucht und noch im Laufe des Tages dem Haftrichter vorgeführt werden. Verhaftet wurde Biggs von dem Mann, der ihn jahrelang jagte und dem er in der vergangenen Woche in einer E-Mail mitteilte, dass er nach Hause wolle: Scotland-Yard-Chef John Coles.

Biggs hatte mit dem nicht nur in Großbritannien zum »Raub des Jahrhunderts« stilisierten Überfall auf einen Postzug 1963 Kriminalgeschichte gemacht. Mit 14 Komplizen erbeutete er 2,6 Millionen Pfund. Dies entsprach damals 31 Millionen Mark, nach heutiger Kaufkraft jedoch fast 100 Millionen Mark. Alle wurden verhaftet, 1965 gelang Biggs als einzigem eine spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis. Mit einer Operation ließ er sein Aussehen verändern. Zunächst ging er mit seiner Familie nach Spanien, dann nach Australien, und 1970 erreichte er Brasilien. Den größten Teil seines Millionenanteils an der Beute soll er dafür ausgegeben haben.

»Sun« erhält Exklusivrechte

Biggs kehrte mit einem von der Boulevardzeitung »Sun« gechartertem Flugzeug nach England zurück. Dafür soll sie Exklusivrechte für Interviews mit dem nach Schlaganfällen kaum zum Sprechen fähigen Biggs erhalten haben, hieß es in Medienberichten. Biggs wurde von seinem 26-jährigen Sohn Michael begleitet.

In Brasilien hatte Biggs jahrelang das Image eines »Gentleman-Verbrechers« kultiviert, der nach eigenen Angaben nur zwei Dinge in seinem Leben bereute: Den Schlag auf den Lokomotivführer Jack Mills beim Postraub, der danach behindert blieb, und die

Trennung von seiner ersten Frau Charmaine. 1974 wurde er von Scotland Yard in Brasilien aufgespürt, es gab aber kein Auslieferungsabkommen. Als die damalige Militärregierung Schritte zur Auslieferung einleitete, zeugte er mit einer Brasilianerin ein Kind. Daran scheiterte das britische Auslieferungsbegehren. 1997 entschied der Oberste Gerichtshof Brasiliens, dass der Fall verjährt sei.

Millionenräuber inzwischen mittellos?

Dort war der Räuber inzwischen zur Touristenattraktion geworden. In seinem Haus veranstaltete er regelmäßig Grillfeste - Eintritt 50, später 60 Dollar. Zum Barbecue bei Biggs waren Räubergeschichten inklusive; zudem gab es T-Shirts mit der Aufschrift: »Ich war in Rio und habe Ronnie Biggs getroffen - ehrlich!«

Biggs muss in Großbritannien noch 28 Jahre Haft absitzen. Darüber, ob er die Strafe zumindest teilweise verbüßen oder begnadigt werden soll, ist ein heftiger Streit entbrannt. Die Meinung unter den Schaulustigen auf dem Luftwaffenstützpunkt Northolt bei London war geteilt: »Er ist doch nur zurück gekommen, weil ihm das Geld ausgegangen ist«, sagte der 52-jährige Brian Battams. In den Medien wird spekuliert, dass der Millionenräuber pleite sein könnte und sich auf Kosten des Wohlfahrtsstaates behandeln lassen will. Die 38-jährige Kathleen Farrell sprach sich für Gnade aus: »Er sollte in Frieden seinen Lebensabend verbringen dürfen«, sagte sie. »Es ist Verschwendung von Steuergeldern, ihn wieder ins Gefängnis zu stecken. Ich denke, er wird niemanden mehr überfallen.«