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Präsidentenwahl in Argentinien: "Cristina Presidenta!"

Die Umfragen prophezeiten es schon lange - trotzdem ist es eine Sensation: Cristina Fernández de Kirchner ist die erste gewählte Präsidentin Argentiniens. Die bisherige First Lady wird am 10. Dezember ihren Mann, Néstor Kirchner, im Amt ablösen.

Von Karen Naundorf, Buenos Aires

Gerade mal elf Prozent der Stimmen sind ausgezählt, als Cristina Fernández de Kirchner kurz nach 22 Uhr siegessicher vor die Kameras tritt: "Gracias, ich danke Euch allen, dass wir gewonnen haben." Cristina - ganz Argentinien nennt sie beim Vornamen - spricht wie immer frei und routiniert, es schneit Papierschnipsel in den argentinischen Nationalfarben weiß und hellblau. Ihre Anhänger feiern schon seit Stunden, rufen: "Cristina Presidenta!" Vor dem Hotel, in dem sie spricht, haben sie zwei aufblasbare, acht Meter hohe Pinguine aufgestellt, pinguino und pinguina. Sie stehen für Néstor und Cristina, die die Basis für ihre Politkarriere in der Provinz Santa Cruz legten, im Süden von Argentinien, berühmt für seine Gletscher. Und für die Pinguine.

Welche Themen Cristina als Präsidentin als erstes angehen wird, ist noch nicht klar: Die Kandidatin präsentierte kein Programm für die ersten hundert Tage. Sie sagte alle Fernsehduelle ab. Gab keine Pressekonferenzen und so gut wie keine Interviews. Nichtmal die Journalisten, die sie auf Reisen wie etwa nach Deutschland begleiteten, durften ihr Fragen stellen.

Klar ist trotzdem, dass diese Wahl in die argentinischen Geschichtsbücher eingeht: Zum ersten Mal ist ein Präsident, der Chancen auf eine Wiederwahl hatte, aus freien Stücken nicht mehr angetreten. Zum ersten Mal wird ein Präsident seiner eigenen Frau die Präsidentenschärpe umlegen. Zum ersten Mal traten die beiden großen Parteien im Team an: Mit Julio Cobos wird ein Vertreter der Radikalen Partei (UCR) Vizepräsident unter der peronistischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Die vielleicht größte Überraschung überhaupt ist aber, dass 66,43 Prozent der Argentinier eine Frau gewählt haben: Cristina gewann mit 43,40 Prozent und auf dem zweiten Platz landete ebenfalls eine Frau, die bürgerliche Elisa Carrió, mit 23,03 Prozent. Der ehemalige Wirtschaftsminister Roberto Lavagna bekam nur 17,74 Prozent der Stimmen.

Ohne Stempel später keinen Pass

Wahlmüdigkeit erlaubt die argentinische Verfassung übrigens nicht: Wer nicht wählt, dem fehlt später ein kleiner runder Stempel im Ausweis, als Beleg für die erfüllte Bürgerpflicht. "Ohne diesen Stempel kann man Schwierigkeiten bekommen, wenn man sich einen Reisepass ausstellen lässt", sagt der Leiter des Wahlamtes, Alejandro Tullio. Trotzdem gaben diesmal nur 73,76 Prozent der über 27 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme ab.

Vielleicht lag es daran, dass sich Cristina ohnehin seit Monaten benimmt, als sei sie längst die Präsidentin. Sie hat schon seit langem ein Büro in der Casa Rosada, dem Regierungsgebäude, flog mit dem Präsidenten-Helikopter zu Wahlterminen, vertrat ihren Mann bei öffentlichen Ansprachen. Jettete um die Welt und ließ sich mit Nicolas Sarkozy, Angela Merkel und Carlos Slim, dem reichsten Mann der Welt, fotografieren. Der Sprecher des Präsidenten koordinierte einen Teil der Wahlkampagne und die öffentlichen Fernsehsender übertrugen ihre Ansprachen live, egal wie lange sie dauerten.

Getrennt nach Geschlechtern

Die Wahlen seien "beispielhaft" verlaufen, verkündete der Innenminister, obwohl der Wahltag mit Komplikationen gespickt war: Die Opposition klagt über Wahlbetrug, die Stimmzettel ihrer Kandidaten hätten an manchen Orten gefehlt. Zwei Männer starben an einem Herzinfarkt, während sie in den langen Schlangen vor den Wahllokalen standen. In Nordargentinien brachte eine 35-jährige Frau im Wahllokal ein Kind zur Welt - mit Hilfe der Wahlhelfer und eines Polizisten. Erst nachdem sie ihre Stimme abgegeben hatte, wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Eine Hochzeitsgesellschaft musste sich direkt nach der Zeremonie in zwei Gruppen teilen, denn Männer und Frauen stimmen in Argentinien getrennt ab. Das habe rein organisatorische Gründe, sagt Wahlamtsleiter Tullio: "Frauen haben in Argentinien zum ersten Mal 1952 gewählt, dafür wurde ein neues Register erstellt." Die Daten wurden nie zusammen gelegt, deshalb wählen Frauen und Männer bis heute an unterschiedlichen Tischen, die meisten sogar in verschiedenen Gebäuden, die auch mal zwanzig Fußminuten auseinander liegen können.

Laut Umfragen sind die größten Probleme in Argentinien die Unsicherheit und die Inflation, zu beiden Themen hat sich Cristina im Wahlkampf nicht geäußert. Das größte Problem der neuen Präsidentin sei allerdings ein anderes, sagt Meinungsforscher Jorge Giacobbe: "Was wird Néstor Kirchner in den nächsten vier Jahren machen, wird er sie regieren lassen? Wohin nur mit dem Elefant?"

Wohin mit dem Mann und Ex-Präsidenten?

"Cristina setzt sich durch, da mache ich mir keine Sorgen", sagt Journalistin Olga Wornat, die die erste Biografie über Kirchner geschrieben hat. Sie zweifelt nicht daran, dass Néstor und Cristina weiterhin politisch und privat eine Einheit bleiben: "Der eine existiert nicht ohne den anderen." Wornat beschreibt Cristina als absolutes Arbeitstier, mit Sauberkeitsfimmel, eine Person, der das eigene Erscheinungsbild extrem wichtig ist: "Sie ist sehr diszipliniert, macht jeden Tag Sport." Aber Cristina sei keine harte Frau: "Sie hat einmal vor mir geweint, als sie mir erzählte, dass sie sich mit ihrer Tochter Florencia nicht gut versteht. Es sind die typischen Probleme zwischen Mutter und Tochter, aber Cristina trifft das hart."

Immer wieder werden Néstor und Cristina mit einem anderen Polit-Pärchen verglichen: Bill und Hillary Clinton. Wie die Clintons, lernten Néstor und Cristina sich an der Uni kennen, als sie Jura studierten. Beide Paare begannen ihre Politiker-Karriere in der Provinz (Santa Cruz versus Little Rock, Arkansas). Beide Männer wurden Präsidenten, jetzt wollen ihre Frauen es werden. Wie Hillary Rodham Clinton entdeckte auch Cristina Fernández de Kirchner ihren Mädchennamen für den Wahlkampf.

Erste Blogs prophezeihen Kirchners Rückkehr

Doch, seit gestern hinkt der Vergleich: Cristina ist gewählte Präsidentin, Hillary muss erst noch die Primaries überstehen. Und Bill darf nicht mehr Präsident werden, das verbietet die Verfassung. Néstor dagegen kann wieder antreten, wenn Cristinas Amtszeit endet. Es gibt sogar schon ein Blog, das die Tage zählte, bis er 2011 wieder in das Regierungsgebäude, die Casa Rosada, einzieht: "The Penguin returns: 1502 Tage bis zur Wiederkehr von Néstor Kirchner."