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Presseschau zur Präsidentenwahl Ägypter strömen in die Wahllokale


Nach einem stürmischen ersten Tag sind die Ägypter am Donnerstag erneut in großer Zahl zu den Urnen geströmt, um einen neuen Präsidenten zu wählen.

In Ägypten sind die Menschen den zweiten Tag in Folge #link;/branch/static_stern2/bilder/stern_5/politik/2012/KW21/aegypten_wahl.jpg;in die Wahllokale geströmt#, um erstmals in einer freien Abstimmung über ihren Präsidenten zu entscheiden. Am arbeitsfreien Donnerstag bildeten bereits am Morgen mehrere hundert Bürger eine Schlange vor einem der Abstimmungslokale in der Hauptstadt. ,

"Ich war gestern schon da, dann war es aber so voll, dass ich heute nochmals gekommen bin", sagte Chaled Abdu. "Ich muss an dieser Entscheidung über den Präsidenten teilnehmen und hoffe, dass das zu Stabilität und zu der Veränderung führt, die nötig ist." Der 25-jährige Ingenieur fasste damit eine Stimmung in Worte, die die Wahl bereits am ersten Tag geprägt hatte. Auch die internationale Presse kommentiert diese historischen Tage.

"Sud-Ouest" (Frankreich)

Die Zeitung "Sud-Ouest" aus dem südwestfranzösischen Bordeaux notiert zur Präsidentschaftswahl in Ägypten:

"Dass Ägypten wählt, ohne vorher den Sieger zu kennen, zeigt schon allein die Bedeutung dieser Wahl. Schon der erste Durchgang hat seit gestern 51 Millionen Wähler mobilisiert. Bisher waren die Ägypter an die Wahl eines zivilen Herrschers gewöhnt, der vorab vom Militär ausgesucht wurde. Und nun haben sie die Wahl unter zwölf Kandidaten, von denen mindestens vier ernsthafte Chancen auf einen Sieg haben. (...) Zunächst stellt sich die Frage, ob die Islamisten - die bei der Parlamentswahl zwei Drittel der Mandate errungen hatten - auch die Präsidentschaft für sich erobern können... Doch die wichtigste Frage ist, ob das krisengebeutelte Ägypten seine politischen Umwälzungen stabilisieren kann.

"La Charente Libre", Frankreich

Die Regionalzeitung "La Charente Libre" aus Angoûleme in Westfrankreich kommentiert die Präsidentschaftswahl in Ägypten:

"Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wählen die Ägypter seit gestern selbst einen Präsidenten, der nicht von vornherein ausgesucht wurde. (...) Das ist eine wirkliche Revolution, die die langen Schlangen von Menschen erklärt, die bereits am Morgen freudig auf die Öffnung der Wahllokale warteten. Doch diese Umwälzung ist weit davon entfernt, alle Utopien zu erfüllen, die die große Revolution auf dem Tahir-Platz erweckt hatte. Tatsächlich haben die Ägypter mittlerweile diesen naiven Enthusiasmus verloren, diese Brüderlichkeit in der Revolte, diese Zuversicht in die Zukunft. Heute glauben sie nicht mehr daran, dass auf den Arabischen Frühling unvermeidlich ein strahlender Sommer folgen muss."

"Dresdner Neuesten Nachrichten", Deutschland

Die "Dresdner Neuesten Nachrichten" befassen sich mit der Präsidentschaftswahl in Ägypten:

"Bei der Parlamentswahl gewannen die Muslimbrüder die Mehrheit, jetzt greifen die Islamisten mit der Präsidentschaftswahl auch nach dem wichtigsten Amt der Macht. Wiederholt sich die islamische Revolution im Iran? Der Vergleich mag auf den ersten Blick naheliegen, geht jedoch am Kern vorbei. Die Bewegung, die Mubarak stürzte, hat bis heute keine Führung. Eine charismatische Figur wie Ajatollah Chomeini gibt es in Ägypten nicht. Vor allem aber sind die Muslimbrüder weder politisch noch ideologisch so radikal, dass sie sich Reformen verweigern würden. Es ist deshalb nicht so wichtig, welcher der 13 Kandidaten das Rennen macht. Viel entscheidender wird sein, dass er über das Mandat der ersten freien Wahlen in Ägypten verfügt."

"Stuttgarter Zeitung", Deutschland

Die "Stuttgarter Zeitung" schreibt zur Präsidentenwahl in Ägypten:

"Das Land steht am Rande des Bankrotts, die Wirtschaft stottert, die Hälfte aller Bewohner ist bettelarm. Touristen und ausländische Investoren zögern weiter mit der Rückkehr. Und die Polizei macht kaum Anstalten, der wachsenden Kriminalität auf den Straßen Einhalt zu gebieten. Zudem weiß niemand, ob der neue Präsident die konträren politischen Lager wird zu einer friedlichen, nationalen Anstrengung zusammenführen können. Mit der Wahl des ersten demokratischen Staatschefs jedoch sind die Würfel endgültig gefallen. Für Ägypten gibt es kein Zurück mehr zur starren Stabilität eines Mubarak-Regimes. Mit ihrer Revolution haben die Menschen den Sprung ins unbekannte Wasser gewagt. Jetzt müssen sie schwimmen und vorankommen - mit langem Atem und wohl die meiste Zeit gegen den Strom."

"La Croix ", Frankreich

Die katholische französische Tageszeitung "Le Croix" schreibt am Mittwoch zu den Wahlen in Ägypten:

"Wer auch immer in Ägypten zum Präsidenten gewählt werden wird, ihn erwarten gewaltige Baustellen in einem 80-Millionen-Einwohner-Land, das demografischer und geografischer Pfeiler der arabischen Welt ist. Der neue Staatschef muss zwischen den widersprüchlichen politischen Hoffnungen und nationalen Identitäten der Bevölkerung vermitteln und die Wirtschaft ankurbeln, weil das Wachstum zu schwach ist, um die Arbeitslosigkeit und massive Unterbeschäftigung aufzufangen. Und er hat eine diplomatische Rollen im Nahen Osten zu spielen, wo die Kluft zwischen sunnitischen und schiitischen Führungen die Beziehungen belastet. Während sich in Kairo der Rausch der Revolution legt, wird der neue Präsident zudem für die Forderungen nach Justiz und Freiheit einstehen müssen, damit der Arabische Frühling dauerhaft Früchte trägt."

"Döbelner Anzeiger", Deutschland

Der "Döbelner Anzeiger" schreibt zu Ägypten:

Das Land braucht einen Präsidenten, der genügend Autorität besitzt, um sich gegen die Ansprüche des alten Mubarak-Klüngels zu behaupten. Einen Präsidenten, der über integrierende Kraft verfügt, um das Land über alle politischen und religiösen Lager hinweg zu einen. Dass er seine Befugnisse noch gar nicht kennt, gehört zu den Unsicherheitsfaktoren der kommenden Wochen. Erst wenn der Militärrat die Macht endgültig abgibt, könnte Ägypten zu Ruhe kommen.

kave/AFP/DPA DPA

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