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Roma in Serbien ohne Perspektive Wenn nur das Müllsammeln bleibt


Nur eine Flugstunde von Deutschland entfernt leben Menschen in Siedlungen wie Slums. Bewohnt werden sie von den Ärmsten unter den Roma in Serbien. Die EU tut sich schwer mit den Roma vom Balkan.

Wenige Schritte von schicken neuen Hochhäusern in Belgrad entfernt leben Menschen in Hütten aus Wellblech, Holzresten und Pappe an einem Bahndamm. Berge von Schrott und Abfall türmen sich dazwischen auf - sie sind die Lebensgrundlage der Roma hier. "Man holt sich alles aus dem Müll, was man finden kann", sagt Sejfedin. Der 38-Jährige zählt zu den letzten Bewohnern der berüchtigten Siedlung mit dem wohlklingenden Namen Belvil.

Sejfedin lebt mit seiner sieben Jahre jüngeren Frau und fünf seiner Kinder in einem Dauerprovisorium auf schlammigem Boden. Die fünf älteren Kinder sind im Kosovo zurückgeblieben, als sie während des Kriegs 1999 von dort flohen. Die Menschen von Belvil sammeln Müll und machen ihn in ihrer Siedlung zum Verkauf an private Wertstofffirmen fertig. Mit einem schwarzen, alten Feuerofen beheizen Sejfedin und seine Frau ihre Hütte. "Wenn es nachts kalt ist, muss immer einer von den Eltern wach bleiben, um Holz nachzulegen", sagt er.

"Es ist bedrückend, wenn man in der Nachbarschaft zu Deutschland Slums sieht", sagt die Grünen-Chefin Claudia Roth, die derzeit zur Erkundung der Lage der Roma den Balkan bereist. Rund 400.000 Menschen zählt die Minderheit allein in Serbien offiziell - Alteingesessene sowie Flüchtlinge.

Zwischen den Fronten von Serben und Albanern

Zu den Ärmsten zählen zehntausende Roma aus dem Kosovo. Vielfach können sie nicht zurück, erzählen, dass sie dort während des Kriegs enteignet worden seien und heute in Serbien diskriminiert würden. "Diese Menschen sind zwischen die Fronten von Serben und Albanern gekommen", sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, Romani Rose. Viele hätten sich in den 80er Jahren eine Existenz in Deutschland aufgebaut. Dann folgte die Rückkehr in den Kosovo. "Heute sind sie total entwurzelt."

In Berlin und Brüssel ist die Debatte wieder hochgekocht, ob die Visafreiheit für Menschen vom Balkan eingeschränkt werden soll. Vor allem im Winter waren Roma verstärkt nach Deutschland gekommen und hatten teils Asyl beantragt. Den Menschen, die derzeit in Belvil anzutreffen sind, geht es vor allem darum, von dort wegzukommen. Rund 50 von einst 200 Familien leben noch in der teils geräumten Müllsiedlung. Doch was ist die Perspektive?

Rund 600 Roma-Siedlungen gibt es in Serbien, davon mehr als 100 allein in Belgrad, einige davon Slums. Die Stadt hat sauberere Ausweichquartiere errichtet, Siedlungen aus Wohncontainern. Hier bekommen viele überhaupt erst einmal Papiere. 3,6 Millionen Euro kommen von der EU. Damit werden Sozialwohnungen in Serbien gebaut. Doch oft gibt es Probleme, wie Menschenrechtsorganisationen und offizielle Stellen des Landes berichten. Roma als Nachbarn sind alles andere als beliebt. Und wer bisher sein Geld mit dem Verwerten vom städtischen Wohlstandsmüll verdiente, will nicht weg aus dem Zentrum.

Arbeitslosenquote in Serbien bei 25 Prozent

Und was wird aus den Menschen, wenn sie in bessere Häuser kommen? Die Arbeitslosenquote in Serbien liegt bei 25 Prozent. Rund 40.000 Menschen drängen jedes Jahr nach Belgrad, um in Serbiens Wirtschaftszentrum irgendwie ihr Glück zu versuchen. Und erst allmählich besuchen viele Roma-Kinder regelmäßig eine Schule.

Sejfedin sitzt auf einem Plastikhocker neben seiner Hütte. Heute ist ein guter Tag, die Sonne scheint, es wird Frühling. Wenn es regnet, weicht der Schlamm zwischen den Hütten von Belvil noch mehr auf. Was es in den nächsten Tagen zu essen gibt in seiner Familie, weiß er noch nicht. Aber der Vater lächelt: "Manchmal reicht es sogar für ein bisschen Fleisch."

Basil Wegener, DPA DPA

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