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Schriftstück im Denkmalsockel: Österreichs Nazi-"Sensation"

74 Jahre lang wurde im Sockel des Wiener Kriegerdenkmals ein Nazi-Pamphlet vermutet. Es existiert tatsächlich. Und noch mehr: Forscher fanden daneben auch einen pazifistischen Aufruf.

Von Sophie Albers

Das Gerücht hielt sich seit Jahrzehnten, und Neonazis haben es immer wieder benutzt, um am Fuße der Skulptur des "Unbekannten Soldaten" in der Wiener Krypta das Ende des Nazi-Reiches zu betrauern. Im Dezember 1938, neun Monate nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland, rühmte sich der österreichische Bildhauer Wilhelm Frass in einem Brief an den Kunsthistoriker Karl Hareiter folgender Geschichte: 1935, als damals illegaler Nationalsozialist, habe er bei der Einweihung des von ihm geschaffenen Denkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs "einen unbeobachteten Augenblick" genutzt, um ein Nazi-Manifest im Sockel zu versenken. "An dem Tag, an dem der Führer das erste Mal den Kranz vor dieser Figur im Heldendenkmal legte, hatte sich mein Wunsch erfüllt", zitiert "Die Presse" aus dem Schreiben an Hareiter. Das hatte Hitler gleich zwei Tage nach der Annexion erledigt.

77 Jahre nach Einweihung des Denkmals und 74 Jahre nach dem Brief an Hareiter ist Österreich dem Gerücht des Nazi-Briefes - vor allem dank der Beharrlichkeit eines Grünenpolitikers - auf den Grund gegangen und hat nachgesehen. Gefunden wurden im Sockel hinter rotem Marmor allerdings zwei Schriftstücke. Neben Frass' Wunschzettel, dass "der Herrgott (…) unser herrliches Volk einig im Zeichen des Sonnenrades dem Höchsten" zuführe, lag das Schreiben eines gewissen Alfons Riedel. Der fand ganz andere Wort: "Ich wünsche, dass künftige Generationen unseres unsterblichen Volkes nicht mehr in die Notwendigkeit versetzt werden, Denkmäler für Gefallene aus gewaltsamen Auseinandersetzungen von Nation zu Nation errichten zu müssen." Norbert Darabos (SPÖ), der bei der Sockelöffnung anwesende österreichische Verteidigungsminister, erklärte auf der anschließenden Pressekonferenz: "Wir können mit Fug und Recht von einer Sensation sprechen."

Krypta geschlossen

Heidemarie Uhl, Historikerin und in der Militärhistorischen Denkmalkommission, drückte sich vorsichtiger aus, denn außer der Authentizität der Schriftstücke gab es vorerst kaum etwas zu bestätigen. Über den Verfasser des "pazifistischen Aufrufs" sei wenig bekannt, und sie könne "fast nichts außer Hypothesen" aufstellen, wie Riedels Worte zu denen von Frass gefunden haben. Womöglich sei er ein Assistent gewesen. Immerhin wisse man, dass der mit roter Tinte geschriebene Brief "offensichtlich in Eile" verfasst wurde, zitiert der ORF die Wissenschaftlerin.

Die Metallhülse, in der sich beide Papiere befanden, Riedels obenauf, wurde nach einer ersten Untersuchung unter notarieller Aufsicht und vor laufender Kamera wieder verschlossen und versiegelt. Nach weiterer Expertise sollen die Schriftstücke dem Heeresgeschichtlichen Museum übergeben werden, so das Onlineportal "oe24.at". Die Krypta bleibt bis zum österreichischen Nationalfeiertag am 26. Oktober, an dem an diesem Ort bisher offiziell der Gefallenen der beiden Weltkriege gedacht wurde, geschlossen.

Große Chance

Denn schon vor dem Fund der so unterschiedlichen Sockelnachrichten stand die Krypta am Heldenplatz im Brennpunkt der Debatten um das Gefallenengedenken in Österreich. Hier wird auch der Soldaten gedacht, die Nazi-Deutschland "verteidigt" haben, darunter auch SS-Männer. Genau vor einem Monat hatte Heidemarie Uhl in einem Aufsatz mit dem Titel "Die denkwürdige Leere der Krypta" die Zukunft des Gedenkraumes zum Thema gemacht. "Der Bruch mit dem bisherigen Gedenken" sei gerade sichtbar geworden. "Alle Objekte der militärischen Traditionspflege wurden entfernt. Wo sich bislang Gedenktafeln, Standarten, Kranzschleifen, Ehrenzeichen und die Totenbücher für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs befanden, sind leere Wände und Vitrinen zu sehen." Das sei ein Ausdruck für die "gewachsene Sensibilität". Uhl spricht sich aus gegen eine unter anderem geforderte Schließung: "Damit würde die öffentliche Diskussion vorzeitig abgebrochen." Sie befürwortet die schon länger geplante Neugestaltung des Heldenplatzes und des Denkmals.

Eine Entfernung des Denkmals sei nicht zwingend notwendig, zitiert "oe24.at" Minister Darabos. Es gebe schließlich auf der ganzen Welt viele Denkmäler von Künstlern, deren politische Gesinnung man heutzutage nicht mehr korrekt findet.

Womit wir bei Alexander Kluge wären, der bereits 1961 fragte, wieviel Brutalität im Stein eigentlich bleibt.