Spanien Offensive der "Theo-Kons"


Zwei Monate vor den Parlamentswahlen in Spanien mischt sich die katholische Kirche in die Polik ein: Auf einem Kirchentreffen kritistierten konservative Bischöfe Ministerpräsident Zapatero scharf. Seine Partei konterte.

Auf Homosexuelle ist Bernardo Alvarez nicht gut zu sprechen. Diese seien krank und ebenso schlimm wie Päderasten, meinte der Bischof der Kanaren-Insel Teneriffa kürzlich in einem Interview. Und er ging noch weiter: Es gebe minderjährige Knaben, die sexuellen Missbrauch zuließen und diesen sogar wünschten. "Wenn Du nicht aufpasst, provozieren sie Dich auch noch."

Der 58 Jahre alte Geistliche wird zum ultrakonservativen Kreis des spanischen Klerus gezählt. Als "Theo-Kons" werden dessen Mitglieder von Experten in Anlehnung an die Neokonservativen in der Politik bezeichnet. In der katholischen Kirchenführung Spaniens geben sie den Ton an. Und rund zwei Monate vor den Parlamentswahlen demonstrieren sie nun auch öffentlich ihren Einfluss - was zu einer heftigen Konfrontation mit der sozialistischen Regierung geführt hat.

Grußbotschaft von Benedikt XVI.

Konservative Laienorganisationen hatten am vergangenen Wochenende mit Unterstützung der Bischofskonferenz in Madrid ein Kirchentreffen veranstaltet, inklusive Grußbotschaft von Papst Benedikt XVI. live vom Petersplatz in Rom. Es ging um die Verteidigung der traditionellen christlichen Familie als Grundlage der Gesellschaft. Dass dabei die vor zwei Jahren in Spanien eingeführte Homo-Ehe, die per Gesetz ermöglichte Schnellscheidung oder das Abtreibungsrecht verurteilt wurden, überraschte niemanden.

Doch was einige Redner dann vor rund 200.000 Menschen von sich gaben, ging der Regierung dann doch zu weit. So prangerte der Erzbischof von Valencia, Kardinal Agustín García-Gasco, den "radikalen Laizismus" (die Trennung von Kirche und Staat) von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero an. Dieser sei eine Bedrohung für die Demokratie. Der Erzbischof von Madrid, Kardinal Antonio María Rouco Varela, der als treibende Kraft der "Theo-Kons" gilt, schlug in die gleiche Kerbe. Der einst aussichtsreiche Kandidat für die Nachfolge von Papst Johannes Paul II. sagte, mit ihrer Familienpolitik missachte die sozialistische Regierung die Erklärung der Menschenrechte.

Zapatero hielt sich zurück

Ohne die Bischöfe direkt zu nennen, kritisierte Zapatero die "apokalyptischen Botschaften" aus dem konservativen Lager. Doch seine Sozialistische Partei (PSOE) konterte mit einer - von ihm abgesegneten - Erklärung, in der die Kirchenführung aufgefordert wird, ihre Kritik zurückzunehmen. "Dies ist ein noch nie dagewesener, extrem schwerwiegender Angriff der Kirche auf die demokratischen Institutionen Spaniens", sagte die "Nummer zwei" der Partei, José Blanco.

Deutlicher wurde Justizminister Mariano Fernàndez-Bermejo: "Der Nationalkatholizismus ist an der Hand der reaktionärsten Kräfte der Kirchenhierarchie und der politischen Rechten in den Wahlkampf eingetreten." Gemeint ist damit die oppositionelle Volkspartei (PP), die die Linie der Bischöfe teilt und von deren Offensive politisch zu profitieren hofft. Die Konservativen werfen Zapatero ihrerseits vor, den Streit hochzuspielen und aus wahltaktischen Gründen alte Feindbilder auszugraben.

90 Prozent der Spanier sind katholisch

Die Sozialisten halten die Angriffe dagegen für ungerechtfertigt, weil Zapatero der Kirche durchaus entgegengekommen sei. So sei deren Finanzierung über Steuergelder verbessert, sensible Vorhaben wie eine Lockerung des Abtreibungsrechts oder die Einführung eines Sterbehilfegesetzes seien auf Eis gelegt worden.

Einige Kommentatoren meinen indes, für die Bischöfe könne der Schuss nach hinten losgehen. Denn laut Geburtsurkunde sind zwar 90 Prozent der Spanier katholisch. Der Anteil der tatsächlich praktizierenden Katholiken geht aber schon seit Jahren zurück und liegt bei nur noch 30 Prozent. In einer Gesellschaft, die weitaus fortschrittlicher eingestellt sei, als es der Klerus wahrhaben wolle, drohe der Kirche eine zunehmende Isolation.

Jörg Vogelsänger/DPA DPA

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