Stalins Russland Tod durch Überleben


Ein neues Buch belegt Stalins Schreckensherrschaft über die Sowjetunion: Selbst, wer Verhaftungen, Hungersnöte und Krieg überstand, lebte lebenslang in Panik. Das Trauma der Bespitzelungen und der Willkür ist nie aufgearbeitet worden - mit Folgen für das heutige Russland.
Von Matthias Lohre

Ilja Slawin glaubte, er habe großes Glück. Während um ihn herum Tausende verhaftet wurden, boten die Leningrader Genossen dem Juristen einen hohen Universitätsposten an. Ein bisschen Sicherheit mitten im "Großen Terror" des Jahres 1937. Slawin feierte mit seiner Frau und den Kindern, und euphorisch träumten sie von Urlaub am Schwarzen Meer. Nachts um ein Uhr war der Traum vorüber. Ein Geheimdienstoffizier stand in der Tür, Ilja war verhaftet. Beim Abschied wandte der Vater sich an seine Tochter Ida: "Meine Kleine, meine geliebte Tochter, es gibt Fehler in der Geschichte, aber vergiss nicht - wir haben etwas Großartiges begonnen." Es war Idas 16. Geburtstag. Sie sah ihren Vater nie wieder.

Die Beschreibung solcher Einzelschicksale machen "Die Flüsterer - Leben in Stalins Russland" zu etwas Bemerkenswertem. Auf tausend Seiten verwebt der britische Historiker Orlando Figes, 49, mit leichter Hand intime Szenen und politische Analysen. Dabei entsteht vor dem Auge des Lesers das Bild einer fremdartigen, Furcht erregenden Zeit. Die Ära des Diktators Josef Stalin, der die gewaltige Sowjetunion von 1924 bis 53 nach seinen Macht- und Wahnvorstellungen formte. Seine Herrschaft tötete nach vorsichtigen Schätzungen 20 Millionen Menschen und deformierte eine ganze Gesellschaft. Die Überlebenden lernten, niemandem zu vertrauen und sich sogar vor ihren eigenen Kindern zu verstellen.

"Wir wohnten in einer Flüsterwohnung"

Über den Alltag der rund 140 Millionen Sowjetbewohner gab es bislang wenig Literatur. Figes hat das geändert. Gemeinsam mit der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" hat der Professor an der Universität von London hunderte von Tagebüchern und Fotoalben gesammelt und Interviews mit Zeitzeugen geführt. In "Die Flüsterer" kommen Menschen zu Wort, die die Furcht ihrer Kindheit und Jugend nie verlassen hat. Viele Alte, berichtet Figes, versteckten ihre persönlichen Aufzeichnungen unter dem Bett. Sie hatten noch nach Jahrzehnten Angst, die schreckliche Zeit könne wiederkehren.

Schon der Buchtitel zeigt, welche Deformationen der jahrzehntelange Terror hervorbrachte. Flüsterer, das waren zu Stalins Zeiten zum einen jene, die Persönliches nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagten. In den Erinnerungen einer Lehrerin an ihre Kindheit heißt es: "Wenn meine Eltern über etwas Wichtiges sprechen mussten, verließen sie stets das Haus und flüsterten miteinander. (...) Kein einziges Mal stritten sie sich über die Sowjetmacht oder kritisierten sie - obwohl es viel zu kritisieren gab -, zumindest kein einziges Mal in unserer Gegenwart. (...) Wir wohnten in einer Flüsterwohnung." Zum anderen waren Flüsterer das Heer der Spitzel, die den Behörden vermeintlich "Konterrevolutionäres" zutrugen. Viele von ihnen wollten dem schier allmächtigen Regime ihre Loyalität beweisen oder erhofften sich einen persönlichen Vorteil. Doch viele glaubten an die Ideale der Revolution und der kommunistischen Propaganda, die immer neue "Konterrevolutionäre" ausmachte.

Die Partei hatte immer Recht.

Um dieses Doppelgesicht der Diktatur geht es dem Autor, der sich Ende der 90er Jahre mit seinem Buch "Die Tragödie eines Volkes" über die Epoche der russischen Revolution einen Namen gemacht hat. Wer Opfer war, konnte Täter werden - und umgekehrt. Treue Diener der Sowjetmacht landeten grundlos in einem der tausenden Arbeitslager irgendwo nördlich des Polarkreises. Die Hingabe vieler Bolschewiki wie Ilja Slawin ging so weit, dass sie die eigene Verhaftung befürworteten: Die Partei hatte ja immer Recht. Die eigene Vernichtung konnte daher kein Fehler sein, bestenfalls ein Opfer auf dem Altar der Revolution. In vielen Fällen mischten sich Opferkult und Resignation: In den Worten eines zum "Volksfeind" erklärten: "An die Gerechtigkeit Stalins zu glauben (…) machte es leichter, uns mit unserer Strafe abzufinden, und es nahm uns die Furcht.'"

Jeder Mensch in der Sowjetunion konnte stets zum Volksfeind werden. Die Verfolgungswellen brachen anfangs über Aristokraten, Geistliche und Bürgerliche zusammen, später über die große Bevölkerungsmehrheit des rückständigen Russlands: die 120 Millionen Bauern. Wer sich Ende der 20er Jahre gegen die Zwangskollektivierung wandte, wurde ermordet, vertrieben oder in ein Arbeitslager verfrachtet. Mitte der 30er Jahre wurden mindestens eine Million Menschen während des "Großen Terrors" verhaftet, gefoltert und erschossen, auch viele Revolutionäre der ersten Stunde. Niemand war geschützt. In den 40er Jahren jagten Stalins Schergen vermeintliche "faschistische Handlanger" und Deserteure, und noch kurz vor seinem Tod 1953 ordnete der Diktator eine Kampagne gegen Juden an. Die Überlebenden dieses schier endlosen Horrors waren charakterlich zerbrochen. Der Drehbuchautor Valeri Frid, der jene Zeit überlebte, schrieb darüber später: "Wir alle waren wie Kaninchen, die das Recht der Schlange, uns zu verschlingen, akzeptierten."

Selbst die Nazi-Herrschaft war weniger prägend

Figes gelingt in "Die Flüsterer" Großes: Nach fast einem Jahrhundert der systematischen Auslöschung gibt er den Millionen Opfern des Stalinismus ein Gesicht. Ähnliches hatten bislang wenige versucht, beispielsweise der vor kurzem verstorbene Alexander Solschenizyn mit seinem in 70er Jahren veröffentlichten Mammutwerk "Archipel Gulag" über den Horror der Lager. Doch so gründlich und zugleich anschaulich wie Figes hat bislang niemand die Folgen des Schreckens für die Psyche einer ganzen Nation beschrieben. Figes' Fazit fällt niederschmetternd aus: "Kein anderes totalitäres System hatte so tief greifende Auswirkungen auf das Privatleben seiner Untertanen, nicht einmal das kommunistische China." Aus Sicht des Briten war selbst die Nazi-Herrschaft weniger prägend, weil sie nicht so lange andauerte.

Dass dieses äußerst lesbare Buch gerade jetzt erscheint, ist kein Zufall. Figes' Werk ist auch ein Versuch, sich gegen die Restauration im heutigen Russland zu stemmen. In den 90er-Jahren geöffnete Archive geben ihre Unterlagen seit Putins Herrschaft wieder unwilliger her. Die Sowjetunion darf in der offiziellen Erinnerungskultur strahlen, und selbst Stalin verehren heute wieder viele als großen Staatsmann. Gleichzeitig sterben die letzten Zeitzeugen, die während des großen Schreckens meist noch Kinder waren. Die fehlende Aufarbeitung hat aus Figes' Sicht Folgen für das Russland von heute: "Eine sich in Stillschweigen hüllende konformistische Bevölkerung ist eine der dauerhaften Konsequenzen von Stalins Herrschaft."

Ida, die Tochter des 1937 verhafteten Ilja Slawin, erfuhr lange nicht, was mit ihrem Vater geschehen war. Über Jahrzehnte glaubte sie, er sei zwei Jahre später an einem Herzinfarkt gestorben. Erst 1991 las sie in KGB-Unterlagen die Wahrheit. Ihr Vater war nur drei Monate nach seiner Verhaftung erschossen worden. Seiner Tochter tischte der Geheimdienst die Lüge mit dem Herzinfarkt auf: "aus Gründen der Staatssicherheit".


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker