Mark Rutte Das laute Schweigen des Nato-Chefs im Grönland-Streit

Mark Rutte und Donald Trump schütteln sich lächelnd die Hand
US-Präsident Donald Trump (l.) und Nato Generalsekretär Mark Rutte bei einem Treffen im November 2024
© Erik Luntang/Nato / DPA
Im Streit um Grönland zeigt sich Nato-Generalsekretär Mark Rutte erstaunlich schweigsam. Dabei könnte er jetzt seinen besonderen Draht zu US-Präsident Donald Trump nutzen.

Die immer neuen Vorstöße der US-Regierung unter Präsident Donald Trump in der Grönland-Frage stellen das ohnehin stark angespannte transatlantische Verhältnis vor die Zerreißprobe. Ein Mann hat sich bisher zur geplanten Einverleibung der Arktisinsel durch die USA kaum geäußert: Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Dabei liegen auf dem als Trump-Flüsterer bekannten Niederländer viele Hoffnungen, den Konflikt zu lösen – und damit die größte Krise in der Geschichte der westlichen Allianz beizulegen.

Am Dienstag erhielt diese Hoffnung erstmals seit Zuspitzung des Konflikts neue Nahrung. Trump erklärte, er habe während eines "sehr guten" Telefonats mit Rutte einem "Treffen der verschiedenen Parteien" am Rande des Weltwirtschaftsforums diese Woche in Davos zugestimmt. Neben Trump und Rutte nehmen zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus aller Welt an der jährlichen Veranstaltung in den Schweizer Alpen teil.

Mark Rutte und der Grönland-Konflikt 

Nach Ansicht von Guntram Wolff vom Institut Bruegel kann Rutte jedoch den Konflikt zwischen den USA und den europäischen Ländern "nicht grundsätzlich" lösen. Als Nato-Generalsekretär befinde er sich in einer "unmöglichen Situation". Es sei nicht Ruttes Aufgabe, klare Grenzen zu setzen, sagt Wolff. "Das muss von den Mitgliedsländern kommen."

Nach seiner Überzeugung müsste die Nato als Bündnis den USA zeigen, dass sie Verantwortung für die Sicherheit in der Arktis übernimmt. Dabei könne an die jüngste Erkundungsmission mehrerer Nato-Mitglieder auf Einladung Dänemarks angeknüpft werden. So könnte Trumps "scheinheiligen Argumente" entlarvt werden, er müsse Grönland aus Sicherheitsgründen an die USA anschließen. Es gebe keine "akute Bedrohung" durch Russland oder China in der Arktis, sagt Wolff.

Bleibt die Frage, was wirklich hinter diesem Vorwand steckt. Sollte es das Ziel Trumps sein, als erster US-Präsident seit Jahrzehnten das Territorium der USA zu vergrößern, "kann man relativ wenig machen", sagt der Analyst. Die EU müsse dennoch "Kante" zeigen und den Preis für Trump im Zollstreit erhöhen, auch wenn das für beide Seiten schmerzhaft werde.

Am Ende könnten nur die heimische Opposition und die "normalen Konservativen" im US-Kongress den Präsidenten stoppen. Dafür müssten die Kosten sichtbar und das Sicherheitsargument entkräftet werden.

Nutzt der besondere Draht zu Donald Trump?

Dennoch hat Rutte offenbar einen besonderen Draht zum US-Präsidenten, den er einst als "Daddy" der Weltpolitik bezeichnete. Am Montag veröffentlichte Trump in seinem Onlinedienst Truth Social eine Textbotschaft Ruttes, in der der Nato-Generalsekretär dem US-Präsidenten zu dessen diplomatischen Bemühungen in Syrien gratulierte und schrieb: "Ich bin entschlossen, bei Grönland einen Weg vorwärts zu finden."

Wie das aussehen könnte, ist unklar. Bisher scheint Rutte vor allem dadurch Zugang zu Trump gefunden zu haben, dass er ihn hofiert und überschwänglich für seine Errungenschaften lobt. Starke Worte gegenüber dem US-Präsidenten dürften sind in der Grönland-Frage nicht von ihm zu erwarten. Vielmehr dürfte Rutte versuchen, auf persönlicher Ebene Einfluss auf Trump auszuüben, um zu einer gesichtswahrenden Lösung für alle Seiten zu kommen.

Einer von Ruttes Vorgängern, der ehemalige dänische Ministerpräsident und spätere Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen forderte gegenüber AFP ein Ende der "Schmeicheleien". Europa müsse stattdessen "Kraft, Stärke und Einheit" demonstrieren. Das sei das einzige, was Trump respektiere.

Ist der Dialog zwischen den USA und Europa noch möglich?

Als Ausweg aus der existenziellen Krise der Nato sehen sowohl Rasmussen als auch Wolff dennoch den Dialog. So wäre eine Überarbeitung des 1951 getroffenen Abkommens zwischen Kopenhagen und Washington über die US-Truppenpräsenz auf Grönland denkbar. Zudem könnten US-Unternehmen der Zugang zu Rohstoffen erleichtert werden. "Wir können alle seine Wünsche erfüllen, bis auf einen", fasste Rasmussen zusammen. Grönland sei nicht zu verkaufen.

Sollten die USA am Ende ihre Soldaten ohne Zustimmung Grönlands auf die Insel verlegen und die dortige Regierung absetzen, wäre das nach Ansicht der Experten das Ende der Nato. Er könne sich nicht vorstellen, wie die Nato in einem solchen Falls weiter existieren könne, sagt Wolff. Auch für Rasmussen wäre ein US-Angriff auf Grönland "de facto das Ende der Nato".

AFP
tkr / Martin Anton

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