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Sturm auf das Kapitol Protest oder Aufstand? Ist Gewalt legitim? US-Republikaner und ihre zunehmend eigene Sicht auf die Welt

US-Kongress im Rückspiegel
Bye, bye US-Kongress: Immer mehr Konservative kehren der Politik den Rücken.
© Drew Angerer/Getty Images / AFP
Die Spaltung in den USA lässt sich auch an Umfragen ablesen. Für die meisten Amerikaner sind die Teilnehmer vom Kapitolsturm Randalierer, Republikaner nennen sie lieber Protestierende. Es ist nicht die einzige Art, anders auf die Welt zu blicken.

Gerade einmal zwei Republikaner waren zur Gedenkzeremonie an den 6. Januar des US-Kongresses erschienen, und das waren auch noch Tochter und Vater. Die Abgeordnete Liz Cheney und Dick Cheney, US-Vizepräsident unter George W. Bush. Ansonsten ließ sich niemand von den Konservativen blicken am Jahrestag der Erstürmung des Parlaments. Diesem schwarzen Tag für die amerikanische Demokratie. Das demonstrative Desinteresse mag viele enttäuscht haben, überraschend kommt es nicht. Jedenfalls nicht beim Blick auf die Seelenlage der Republikaner.

In ihrem wöchentlichen Umfragen-Rundumschlag hat die US-Politikstatistik-Seite "FiveThirtyEight" ein ganzes Bündel über den Blick der Amerikaner auf ihr Land zusammengetragen. Oder vielmehr Blicke, Mehrzahl. Denn selbst so gut dokumentierte Ereignisse wie die Einnahme des Kapitols vor einem Jahr, stellen sich nicht für jeden gleich dar. Immerhin ist sich die Mehrheit darüber einig, dass das Datum ein tragisches Ereignis für das Land sei: 70 Prozent der Amerikaner und 60 Prozent der Republikaner. Das aber war es schon mit der Übereinkunft, selbst bei rechtsstaatlichen Selbstverständlichkeiten wie der Untersuchung der Ereignisse durch einen Ausschuss, gehen die Meinungen auseinander: So wird sie von 59 Prozent der Konservativen schlicht abgelehnt.

Protestierende oder Aufständische?

Auffällig sind auch die Unterschiede in der Beschreibung der Teilnehmer des Kapitolsturms. So würden fast zwei Drittel den Ausdruck "Protestierende" verwenden, ein knappes Drittel "Randalierer" und zehn Prozent "Aufständische" – so aber sieht sie die Mehrheit der Amerikaner. Für 26 Prozent der Konservativen sind die Eindringlinge gar "Patrioten" und mehr als die Hälfte (56 Prozent) nennt ihr Vorgehen in Washington "Verteidigung der Freiheit".

Uneinigkeit herrscht auch bei der Beurteilung der Gewaltausbrüche. 64 Prozent aller Befragten gaben noch im Dezember an, die Erstürmung des Parlaments sei "extrem", zumindest aber "sehr" gewalttätig verlaufen, während diese Ansicht nur knapp 40 Prozent der Republikaner teilten. Die Hälfte war oder ist immer noch der Überzeugung, dass die Demonstranten "friedlich" gewesen wären und/oder sich "gesetzeskonform" verhalten hätten. Diese Sichtweise steht auch im Gegensatz zu der der Sicherheitsbehörden. Mittlerweile wurden mehr als 700 Teilnehmer des Kapitolsturms verhaftet, mehr als 70 verurteilt. Darunter auch Jake Angeli, der berühmte "QANon"-Schamane, er bereut seine Aktion von damals mittlerweile.

Überhaupt scheint politische Gewalt für immer mehr Konservative zu einem legitimen Mittel der Auseinandersetzung zu werden. Obwohl Regierungsvertreter wie US-Präsident Joe Biden versichern, dass sich so etwas wie die Attacke auf das Kapitol niemals wiederholen werde, fürchten 60 Prozent der Amerikaner genau das. Mehr noch: Rund ein Drittel der Republikaner stimmt der Aussage zu, dass "amerikanische Patrioten zum Mittel der Gewalt greifen sollten, um das Land zu retten". Die Frage des "Public Religion Research Institute" ist allerdings suggestiv gestellt, weil sie im Original mit der Behauptung beginnt, dass die "Dinge in den USA aus dem Ruder laufen".

Genug Gewaltbereite, "um besorgt zu sein"

Der Politologe Torben Lütjen sagte im stern über die US-Republikaner: "In gewisser Weise ist die Partei selbst Opfer ihres eigenen Populismus geworden. Man konnte nicht weit weg genug sein von konventioneller Politik; je verrückter desto besser. Aber dieser Populismus funktioniert nur, wenn man immer noch ein Brikett nachlegt."

Die Autoren von "FiveThirtyEight" weisen daher daraufhin, dass zurückhaltender formulierte Umfragen zu dem Thema auch zu anderen Ergebnissen kämen. Danach würden nur rund vier Prozent der Befragen Gewalt als politisches Mittel befürworten. Allerdings, so das Fazit, "entsprechen vier Prozent der US-Bevölkerung immer noch zehn Millionen Menschen. Genug, um besorgt zu sein."

Quellen: "FiveThirtyEight", "The Guardian", "Washington Post", CBS News, YouGov/UMassAmherst

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