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Suche nach Gaddafi Verschollen im Wüstensand

Es ist die spannendste Frage im Nahen Osten: Wo ist Gaddafi? Der Despot tönt zwar aus dem Off, hält aber geheim, wo das ist. Erst einmal liefert er Stoff für jede Menge Gerüchte.
Von Dirk Benninghoff

Er soll keine Haare mehr haben. Alles blank auf dem Schädel des Despoten. Zwar bietet Muammar al Gaddafis wirre Lockenpracht den Libyern Stoff für reichliche Witze (Sagt ein Assistent zu Gaddafi: "Führer, eine Luft-Lande-Operation ist im Gange" - Antwortet Gaddafi: "Ist es die Nato?" - Sagt der Assistent: "Nein, es sind Friseure "). Offenbar sind die Friseure wirklich gelandet - oder Gaddafi selbst hat zur Schermaschine gegriffen. Jedenfalls wird der Verschollene auf einem Fahndungsplakat ohne Haare gezeigt und ist kaum wiederzuerkennen. Das Geheimnis seines erfolgreichen Versteckspiels?

Während Kuh Yvonne wieder aufgetaucht ist, kann über Gaddafis Verbleib auch am Tag nach seiner Audiobotschaft nur spekuliert werden. Der abgesetzte Revolutionsführer sprach am Donnerstag aus dem Off, tönte in gewohnter Manier, dass "wir in jedem Tal, in jeder Straße, in jeder Oase und jeder Stadt kämpfen werden" und bezog sich mit dem Plural auf die ihm noch wohlgesonnnen Stämme in seiner Geburtsstadt Sirte und der Wüstenstadt Bani Walid gesagt. Dort wird er auch vermutet - wobei es für viel mehr als Vermutungen derzeit offenbar nicht reicht. Der libysche Übergangsrat hat jedenfalls das Ultimatum an Gaddafi, Sirte kampflos zu übergeben, um eine Woche verlängert.

Als heißer Tipp des Rates gilt aber vor allem Bani Walid. Ein Informant soll den Truppen des Rates gesteckt haben, dass Gaddafi dorthin geflohen sei, drei Tage nachdem die Rebellen seine Residenz erobert haben. Demnach ist der abgesetzte Oberst seit Ende vergangener Woche in Bani Walid. Der Ort liegt rund 150 Kilometer südöstlich von Tripolis.

Ihn aufzuspüren ist ein Fall für die Anti-Gaddafi-Fighter des Übergangsrates. Männer wie Offizier Bahsar Ali, den die Nachrichtenagentur Reuters in der Wüste begleitete. In der Einöde des libyschen Nordens fahnden Ali und seine Männer nach dem verhassten Diktator. "Wo ist die Ratte?", fragt der Offizier - und ist sich sicher: "Wir werden ihn greifen." Die Kämpfer warten, bis das Ultimatum ausläuft - oder sich Gaddafi und seine Getreuen ergeben. "Wir warten erst einmal ab. Sirte wird zuerst befreit, dann Bani Walid," sagte der Soldat Ibrahim Obaidr.

Ist Gaddafi wirklich in Bani Walid, und viel mehr Tipps als die Wüstenstadt und seinen Geburtsort gibt es offiziell nicht, so werden Ali und seine Männer nicht im sprichwörtlichen Heuhaufen stochern müssen. Wie viel Menschen dort genau leben, darüber kursieren zwar unterschiedliche Angaben. Doch ob 50.000, 70.000 oder 80.000 Einwohner - Bani Walid ist kein Moloch, auch wenn der Ort sich über eine recht große Fläche erstreckt.

Hart könnte aber der Widerstand werden. Die Kleinstadt wird von dem Stamm der Warfalla dominiert, der zu Gaddafis letzten Anhängern zählt, auch wenn es in der Vergangenheit Zerwürfnisse gegeben hat. So hatte Akram al-Warfelli, einer der führenden Vertreter des Stammes, dem arabischen Sender al-Dschasira Ende Februar gesagt: "Wir sagen dem Bruder, dass er nicht länger ein Bruder ist und dass er das Land verlassen soll." Offenbar eine Einzelmeinung: Die Getreuen Gaddafis wollen die Wüstenstadt gegen die Rebellen verteidigen, berichtet Al-Dschasira heute. Das Ultimatum interessiert sie offenbar wenig.

Zeit für Legenden

Lieber wäre Gaddafi wohl seiner Familie gefolgt, anstatt sich in der Provinz zu verstecken. Der Diktator habe versucht, den algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika telefonisch zu erreichen, doch dieser habe sich geweigert, den Anruf entgegenzunehmen, berichtete die algerische Zeitung "El-Watan". "Es ist nicht das erste Mal, dass Gaddafi und seine Gesandten versucht haben, mit dem algerischen Präsidenten in Kontakt zu treten", schrieb das Blatt unter Berufung auf Kreise des Präsidialamtes in Algier weiter. Die Zeitung hat einen anderen Tipp für die Fahnder auf Lager: Gaddafi halte sich in der Grenzstadt Ghadames versteckt und versuche von dort aus, weiter über seine Aufnahme in Algerien zu verhandeln.

So lange er versteckt bleibt, lassen sich erstklassig Legenden stricken. Eine geht so: Unter dem Druck der Nato-Luftangriffe wollte sich Gaddafi ausgerechnet mit Hilfe Israels aus der Affäre ziehen. Er versprach den Israelis Frieden und die Befreiung des von der Hamas in den Gazastreifen verschleppten Soldaten Gilad Schalit. Bedingung:Israel müsse die Nato zu einem Ende der Luftangriffe bewegen. Das behauptet jedenfalls der israelische Regierungspolitiker Ajub Kara, Vizeminister für die Entwicklung der Wüste Negev, in der arabischen Tageszeitung "Shark al-Awsat". Gaddafis Sohn Saif al-Islam habe einem Unterhändler erklärt, das libysche Regime habe gute Beziehungen zur Hamas-Führung und könne diese überzeugen, Schalit freizulassen. Israel habe ein schriftliches Dokument über diesen Vorschlag verlangt, dann aber die Kontakte abgebrochen, weil sich die Lage in Libyen weiter verschlechtert habe.

Doch als es zur Frage aller Fragen kam, war Kara auf einmal nicht mehr redselig: Ob die israelische Regierung den Aufenthaltsort Gaddafis kenne, wollte "Shark al-Awsat" wissen. Der Politiker ging darauf nicht ein.

mit Agenturen

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