Südafrika Aus Pretoria wird "Wir sind alle gleich"


Frankfurt, Hamburg, Bordeaux und Verona - eine Fahrt durch Südafrika mutet für Ausländer oft an wie ein Streifzug über die heimische Landkarte. Nun ist in dem Post-Apartheid-Staat auch geographisch das Ende einer Ära in Sicht.

Ratlose Touristen in Südafrika: Die nach weißen Siedlern oder Apartheid-Politikern benannten Städte und Regionen werden afrikanisiert. So soll die Hauptstadt Pretoria nach einer Entscheidung des Stadtrats von Montagabend künftig Tshwane heißen. Nur im Zentrum wird es noch einen Stadtteil Pretoria geben. Und auch dort wird nichts mehr so sein wie es bisher in den Reiseführern steht: vielen Straßennamen steht die Umbenennung bevor.

Gut ein Jahrzehnt nach der demokratischen Wende am Kap beginnt der Post-Apartheid-Staat nun ernsthaft damit, seine afrikanische Identität auch auf der Landkarte auszudrücken. Er gehört damit zu den Spätentwicklern unter den Reformstaaten. Anders als etwa in Osteuropa war dem Fall des Regimes zunächst keine größere Umbenennung von Städten oder Regionen gefolgt - es gab Wichtigeres. Nur die Änderung der westlich klingenden Vornamen in afrikanische kam bei der schwarzen Bevölkerung in Mode.

Anleihen bei europäischen Heimatorten

Nun ist auch geographisch das Ende einer Ära in Sicht. Nach der mit Zwei-Drittel-Mehrheit gewonnenen Wahl im April 2004 hat Präsident Thabo Mbekis Afrikanischer Nationalkongress (ANC) die Umbenennung aller größeren Orte angekündigt. So wie das Ende des kommunistischen Weltreichs aus Karl-Marx-Stadt die Stadt Chemnitz oder aus Leningrad wieder St. Petersburg machte, trennt sich Südafrika nun von alten Zöpfen. Wie kaum ein anderes Land hat es in der Tat seine weiße Vergangenheit auf der Landkarte verewigt und Orte oder Regionen nach weißen Machthabern benannt. Oft machten Siedler auch Anleihen bei ihren europäischen Heimatorten.

Eine Fahrt durch den Kap-Staat mutet für Ausländer daher oft an wie ein Streifzug über die heimische Landkarte. In Johannesburg liegen Fontainebleau und Bordeaux nicht weit von La Rochelle und Verona, der Sachsenwald nicht weit von Windsor, Denver oder Sandhurst oder Heidelberg. Neben Berlin, Potsdam, Frankfurt und Hamburg, Wartburg oder Underberg ziert selbst das Neue Deutschland in seiner englischen Variante "New Germany" Südafrikas Landkarte.

Schon in der Vergangenheit hatte die Umbenennung begonnen. Die frühere Nord-Provinz wandelte sich in die nach einem Grenzfluss benannte Limpopo-Provinz. Aus dem alten Namen der Regionalhauptstadt Pietersburg wurde Polokwane. Die öffentlichen Proteste vor allem bei weißen Südafrikanern sind längst erlahmt - auch wenn sie im Falle Pretoria noch einmal aufbrausten. Sie fürchten einen Angriff auf ihr Kulturerbe und führen die mit der Umbenennung verbundenen Kosten ins Feld. Soll man wirklich Millionen für neue Ortsschilder und Briefbögen ausgeben in einem Land, in dem dringend Geld für soziale Bereiche benötigt wird, lautet ihre Frage.

"Wir sind alle gleich"

Für viele schwarze Südafrikaner dagegen ist der Name der Stadt, die nach dem weißen Burengeneral Andries Pretorius benannt ist, untrennbar mit der Apartheid-Zeit und dem "Pretoria-Regime" verknüpft. Die ANC-Regierung hatte zunächst einen pragmatischen Ansatz verfolgt: Der Name der Hauptstadt und auch der Hafenmetropole Durban war zunächst erhalten geblieben, der Großraum dagegen schon vor Jahren in Tshwane oder Ethekwini (Durban) umgetauft worden. Tshwane ist der Name eines Häuptlingssohns, der vor dem Eintreffen weißer Siedler in der Region lebte und "Wir sind alle gleich" bedeutet. Auch in Port Elizabeth, wo der VW-Konzern Jettas und Golfs zusammenschraubt, griff man aufs dieses Konzept zurück. Der gefundene Name: Nelson-Mandela-Metropole.

Ralf E. Krüger/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker