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Terror-Anschläge in Mumbai: "Sie haben auf alles geschossen"

Die Terror-Anschläge im indischen Mumbai haben fast 200 Menschen das Leben gekostet. Ein Sprengsatz wurde auch ins belebte Café Leopold geworfen, in dem Benjamin M. saß. Im Interview mit stern.de erzählt er, wie er die schrecklichen Stunden erlebt hat und wie er nur knapp dem Tod entronnen ist.

Als gegen 22 Uhr eine Handgranate ins Leopold Café geworfen wurde, haben Sie den Ernst der Lage sofort begriffen?

Nein. Wir haben an einem Tisch in der Mitte des Cafés gesessen und wollten gerade die Rechnung bezahlen, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie etwas wenige Meter neben mir auf den Boden fiel und dort unter dem Tisch entlang rollte. Ich wunderte mich, was das sein könnte und da ging der Sprengsatz auch schon hoch. Ich wurde mit einer gewaltigen Wucht zu Boden gerissen. Sofort danach wurde von der Straße aus ins Leopold reingefeuert. Die haben mit Maschinengewehren auf alles und jeden geschossen. Es war wohl mein Glück, dass ich am Boden lag.

Wo war Ihr Bekannter zu dem Zeitpunkt?

Ich weiß es nicht. Ich konnte ihn nicht sehen, es ging ja auch alles so schnell. Es war totales Chaos. Wer konnte, versuchte über den Seitenausgang rauszukommen. Auf allen Vieren bin ich unter den Tischen hindurch auch in diese Richtung gekrochen.

Sie konnten sich glücklicherweise mit anderen Café-Besuchern ins Freie retten. Was haben Sie dann gemacht?

Die sind alle Richtung Taj-Hotel losgerannt, aber irgendwie habe ich geahnt, dass es vielleicht keine so gute Idee ist, mit der Masse mitzulaufen. Ich bin stattdessen in eine kleine Nebenstraße gerannt, musste aber bald feststellen, dass ich in einer Sackgasse gelandet war. Das war nun wiederum auch nicht gut. Denn wenn die Terroristen vielleicht auch flüchten und mich dort fänden…

Konnten Sie bei Passanten Hilfe finden?

Nein, die Straßen waren wie leer gefegt. Keine Menschenseele war zu sehen. Ich habe angefangen an jede Tür in dieser Straße zu pochen, bis mir eine indische Familie aufmachte. Sie haben mich sofort in ihre kleine Einzimmer-Wohnung gelassen und waren wahnsinnig hilfsbereit. Obwohl es draußen so gefährlich war, ist jemand sogar losgegangen, um mir eine Flasche Wasser zu besorgen. Das war wirklich Wahnsinn.

Wann haben Sie realisiert, dass Sie selbst verletzt sind?

Eigentlich erst, als ich dort in einen Spiegel schaute. Ich sah, dass ich Verletzungen im Gesicht hatte, und dass meine Hose zerrissen war. Außerdem war da jede Menge Blut an meiner Kleidung, aber das meiste war nicht meins. Im Vergleich mit vielen anderen sind meine Verletzungen Gott sei Dank eher gering. Ich habe ein paar Granatsplitter abgekommen. Einer steckt in meinem linken Fuß, einer im Oberschenkel, ein paar in der Hüfte und einer im Gesicht.

Wie lange hat es gedauert, bis Hilfe bei Ihnen eingetroffen war?

Ich hatte die Notrufnummer des deutschen Konsulats in meinem Handy gespeichert und die haben dann sofort jemanden zu "meiner" indischen Familie geschickt. Ich war scheinbar der erste Deutsche, der sich beim Konsulat gemeldet hatte. Der Mitarbeiter war nach zehn Minuten bei mir und brachte mich in seine Wohnung, die zwischen dem Taj-Hotel und Leopold liegt. Die Wohnung war sicher, aber durch die nahe Lage konnten wir natürlich jede Explosion im Taj-Hotel lautstark hören. Ich bin jedes Mal zusammengezuckt.

Waren mit Ihnen noch weitere Menschen in der Wohnung des Konsulatsbeamten?

Ja, außer mir waren noch zwei andere Ausländer dort untergebracht worden. In den späten Nachtstunden kamen eine deutsche Frau und ihre Tochter hinzu. Der Ehemann der Frau wurde am Donnerstagmorgen aus dem Taj-Hotel befreit. Ich bin später in ein Krankenhaus gefahren worden, wo meine Wunden behandelt wurden. In den Betten neben mir lagen weitere Opfer. Es war schrecklich. Nach einigen Stunden Aufenthalt und einem langen Polizeiverhör, wurde ich am Donnerstagnachmittag entlassen und konnte endlich in meine eigene Wohnung zurückkehren.

Angesichts dieser schockierenden Erlebnisse scheinen Sie sehr gefasst…

Ja, ich fühle mich eigentlich ganz okay. Ich glaube, jeder hat seine eigenen Mittel und Wege mit so etwas umzugehen.

Der Entsendevertrag mit Ihrer deutschen Firma läuft noch bis 2011. Haben Sie vor zu bleiben oder denken Sie an eine verfrühte Heimreise?

Nein, ich werde ganz sicher bleiben. Ich finde Mumbai großartig, die Menschen sind unglaublich freundlich und ich habe mich hier seit Beginn meines Aufenthaltes sehr wohl gefühlt. Auch wenn die Anschläge unfassbar sind, sind sie für mich doch kein Grund das Land zu verlassen. Im Gegenteil, man darf sich von so etwas nicht einschüchtern lassen.

Interview: Andrea Röder, Mumbai
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