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Terror in London: Wie vier junge Briten zu Selbstmordattentätern wurden

Alle vier Attentäter von London waren britische Staatsbürger, sie lebten angepasst und unauffällig wie Millionen andere auch. Doch von einem Tag auf den anderen änderte sich ihr Leben.

In der Londoner U-Bahn vergraben sich die Pendler an diesem Donnerstagmorgen während der Rush Hour noch tiefer als sonst in ihre Zeitungen. Die Terroranschläge sind genau eine Woche her. Auf den Titelseiten von "Times" und "Sun" prangt ein Bild des Selbstmordattentäters Mohammad Sidique Khan,30. Auffällig viele Leute schauen sich dieses Foto an: Kein fanatischer Blick, kein Taliban-Look - nein: Ein Lehrer im Klassenzimmer ist da zu sehen, mit Bleistift in der Hand, aufmerksam und verständnisvoll zuhörend.

Khan war ein Hilfslehrer für besonders schwierige Schüler und sehr beliebt. Einmal wurde er sogar von der "Times" interviewt, sprach über die Förderung benachteiligter Kinder. Seine Schwiegermutter macht viel Freiwilligenarbeit und wurde als Zeichen der Anerkennung kürzlich von der Queen im Buckingham-Palast empfangen. Seine Frau ist gerade zum zweiten Mal schwanger.

Typische Briten

Auch die anderen Terroristen, alles gebürtige Briten aus pakistanischen Einwandererfamilien, sehen nicht aus, wie die britische Öffentlichkeit sie sich vorgestellt hat. Da ist der attraktive Shehzad Tanweer, 22, ein begeisterter Cricketspieler, dessen Zimmer voller Pokale steht. Der strenge Vater hat sich mit seinem Fish-and-Chip-Shop eine Existenz aufgebaut, fährt Mercedes. Shehzad ist "stolz darauf, Brite zu sein", sagt sein Onkel. Auch Hasib Hussain ,18, liebt Cricket und Fußball. Der Vierte, Ejaz Fiaz, ist ein stiller Familienvater. Typisch englische Reihenhaussiedlungen aus rotem Backstein sind der Schauplatz ihres Lebens.

Doch so angepasst sie auf den ersten Blick wirken, manchen fällt schon auf, dass sie sich verändern. Von einem Tag auf den anderen kommt Hasib Hussain nicht mehr in Jeans und T-Shirt in die Schule, sondern im traditionellen Gewand. Plötzlich sagt er nicht mehr "Hi", sondern "Salam". Shehzad Tanweer lässt sich einen "Mohammed-Bart" wachsen, rasiert ihn wieder ab, lässt ihn wieder wachsen: "Er konnte sich nicht entscheiden, was er sein wollte", sagt sein Onkel.

Der entscheidende Wendepunkt sowohl bei Hasib als auch bei Shehzad ist ein mehrmonatiger Aufenthalt in Pakistan. "Ich dachte, der hat eine Gehirnwäsche bekommen", erinnert sich Hasibs Cousin. Doch Hasibs Eltern freuen sich: Vor der Reise hatte er einen Ladendiebstahl begangen und war recht aufsässig gewesen - jetzt scheint er zu innerer Ruhe gefunden zu haben.

Ausbildungslager wie Jugendherbergen

Nach Vermutungen der Polizei haben die beiden in Pakistan Schulen besucht, die nach Einschätzung von Experten in der Nachfolge der afghanischen Trainingscamps von Osama bin Laden stehen: "Die Lager sehen heute eher wie Jugendherbergen aus", erfuhr die "Times" von einem ehemaligen Teilnehmer. "Die Organisatoren wollen keine Krieger mehr ausbilden, die im Schlaf eine Kalaschnikow abfeuern können. Sie wollen den Geist formen, so dass die Rekruten bereit sind, ihr Leben für die Sache zu geben."

In den letzten Wochen vor den Anschlägen werden die Attentäter von außen angeleitet. Die Polizei vermutet: Ein Hintermann mit Verbindungen zu El Kaida besucht sie, erklärt ihnen, wie sie die Sprengsätze handhaben müssen.

Was mögen sie gedacht haben, als sie mit ihrer Rucksackbombe zwischen den Füßen in der voll besetzten U-Bahn standen? Die "Times" hat den Palästinenser Nasra Hassan gefragt, der einmal versucht hat, einen israelischen Bus in die Luft zu sprengen. "Indem man den Detonationsknopf drückt, kann man sofort die Tür zum Paradies aufstoßen", sagt er. "Es ist der kürzeste Weg in den Himmel."

DPA / DPA
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