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Terroranschläge: Großrazzia in London

Die Suche nach den Urhebern der zweiten Londoner Anschläge geht schnell voran. Die Polizei hat in einer U-Bahn-Station einen Verdächtigen ausfindig gemacht und erschossen. Unter starken Sicherheitsvorkehrungen finden Durchsuchungen statt.

Eine Anti-Terroreinheit der Londoner Polizei hat am Freitagnachmittag eine Wohnung durchsucht. Es sei zunächst niemand festgenommen worden, sagte ein Sprecher von Scotland Yard. Schwer bewaffnete Polizisten hatten die Wohnstraße Harrow Road zuvor abgesperrt. Ein BBC-Reporter berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen, Scotland Yard untersuche zur Zeit mehrere Londoner Wohnungen. Alle Aktionen stünden in Verbindung mit den neuen Bombenexplosionen an diesem Donnerstag. Augenzeugen berichteten, sie hätten Scharfschützen und Spezialgeräte zur kontrollierten Explosion von Bomben gesehen. Die Polizisten forderten Anwohner der Harrow Road nahe Paddington auf, in ihre Wohnungen zu gehen. Anwohner Houst Monfaradi sagte dem Fernsehsender BBC: "Es sieht aus, wie ein Fahrzeug zur Bombenräumung, gepanzert, und darum herum stehen mehrere bewaffnete Beamte." In der gesamten Umgebung seien viele Polizisten im Einsatz. Eine andere Anwohnerin der Harrow Road erzählte im Fernsehen, sie habe sechs Schüsse gehört.

Am Vormittag hat die Polizei einen mutmaßlichen Attentäter erschossen. Nach Darstellung von Scotland Yard-Chef Ian Blair hatte sich der Terrorverdächtige am Vormittag in der U-Bahnstation Stockwell geweigert, auf Anweisungen der Polizei stehen zu bleiben. Der Fernsehsender "Sky News" berichtete, die Schüsse seien gefallen, als der Mann daraufhin versucht habe, einen Zug zu besteigen. Zwei Linien der Untergrundbahn seien gesperrt und die Station Stockwell evakuiert worden, teilte die Polizei am Freitag weiter mit.

Fünf Schüsse auf einen Verdächtigen

Eine Spezialeinheit von Scotland Yard habe den Verdächtigen seit der Nacht beschattet und gehofft, dass er sie zu seinen Komplizen führen werde. Als er jedoch die U-Bahnstation Stockwell betreten habe, hätten die Polizisten einen neuen Selbstmordanschlag befürchtet, da der Mann einen dicken Mantel getragen habe. Ein Augenzeuge sagte dem Fernsehsender BBC, die Polizisten hätten Zivilkleidung getragen. Nach Berichten von Fahrgästen rannte der Mann, der als Südasiate beschrieben wurde, in den Wagen eines Zuges. Polizisten hätten ihn verfolgt. Als der Mann stolperte, hätten die Polizisten gedacht, dass er nun seine Bombe zünden wolle. "Sie drückten ihn auf den Boden und schossen fünf Mal auf ihn. Er ist tot", berichtete Augenzeuge Mark Whitby dem Sender BBC. Scotland Yard bestätigte vorerst nur, dass bewaffnete Polizisten einen Verdächtigen erschossen hätten.

Kurz danach umstellten bewaffnete Polizisten mit Spürhunden vorübergehend eine Moschee im Osten Londons und forderten Passanten auf, sich fern zu halten. Dort war ein verdächtiger Gegenstand gefunden worden. Der Bombenalarm habe sich jedoch als falsch herausgestellt, teilte die Polizei mit. Der Dachverband der britischen Muslime forderte Scotland Yard auf, schnell die Hintergründe des Vorfalls offen zu legen. In der muslimischen Gemeinschaft herrsche große Unruhe.

"Eine enorme, landesweite Jagd"

Eine BBC-Reporterin sagte, es sei eine "enorme, landesweite Jagd" auf die verhinderten Selbstmordattentäter vom Donnerstag im Gange. Spezialisten untersuchten die vier zurückgelassenen Rucksackbomben, die nicht richtig gezündet hatten. Experten sagten im Fernsehen, diese Sprengsätze seien so etwas wie ein "detaillierter Steckbrief" des Bombenbauers. Sie enthielten zahlreiche Hinweise auf seine Arbeitsweise. Unter anderem prüften die Experten, ob der verwendete Sprengstoff zur selben Quelle wie die Bomben vom 7. Juli gehörte. Außerdem wertete die Polizei die Filme Dutzender Überwachungskameras aus U-Bahnstationen aus, um die geflüchteten Täter zu identifizieren. Einer der Attentäter soll überrascht aufgeschrien haben, als sein Sprengsatz nicht explodierte. Der U- Bahn-Passagier Abisha Moyo erzählte, er habe einen Knall gehört, sich umgedreht und einen Mann mit ausgestreckten Armen "in Jesus-Haltung" auf dem Boden des Waggons liegen sehen. Zunächst habe er gedacht, der Mann sei angeschossen worden, doch dann habe er bemerkt, dass der etwa 20-jährige auf einem Rucksack lag, aus dem Rauch kam. Wenig später sei der Mann über die Gleise der U-Bahn geflüchtet.

Zu den jüngsten Anschlägen in London hat sich am Freitag im Internet eine mit dem Netzwerk al Kaida in Verbindung stehende Organisation bekannt. Die Erklärung der Gruppe Abu Hafs al Masri-Brigade erschien auf einer islamistischen Website. Allerdings gehöre sie nicht zu denen gehören, die sonst für diese Zwecke genutzt werden, heißt es. Die Brigade hatte sich bereits zu den Anschlägen vom 7. Juli bekannt, bei denen 52 Menschen und die vier Attentäter getötet wurden. Die Authentizität der Erklärung konnte zunächst nicht überprüft werden. Bei der Explosion der vier Sprengsätze am Donnerstag in U-Bahnen und einem Doppeldeckerbus wurde niemand verletzt, eine Person erlitt lediglich einen Asthmaanfall.

Weitere Verhaftungen in Pakistan

Bei neuen Großrazzien in Pakistan haben Sicherheitskräfte mindestens 100 weitere mutmaßliche muslimische Extremisten festgenommen. Der pakistanische Innenminister Aftab Ahmed Khan Sherpao sagte der Nachrichtenagentur IANS am Freitag, zu den Festnahmen sei es in der Nacht zuvor in verschiedenen Landesteilen gekommen. Die Razzien würden fortgesetzt. Islamisten kündigten Proteste gegen die Festnahmen nach dem Freitagsgebet an. Seit Beginn der Razzien vor wenigen Tagen wurden rund 400 mutmaßliche Extremisten festgenommen.

In einer Ansprache an die Nation hatte der pakistanische Präsident Pervez Musharraf seine Landsleute am Donnerstagabend um Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus und Extremismus gebeten. Auf die von Medien berichtete Festnahme des Hintermannes der Londoner Terroranschläge vom 7. Juli war er nicht eingegangen. Die pakistanische Regierung hatte zuvor dementiert, dass die Razzien mit den Londoner Attentaten in Verbindung stünden. Drei der vier Attentäter der ersten Anschläge stammten aus Pakistan und waren noch im vergangenen Jahr in das südasiatische Land gereist.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters