HOME

Terrorexperte über IS-Anschläge: "Solche Anschläge können auch in Deutschland passieren"

Warum passiert es immer wieder in Frankreich? Und was bedeuten die Anschläge von Paris für die Flüchtlingsdebatte? Im Interview erklärt Terrorexperte Peter R. Neumann, warum der IS seine Strategie wechselt und wie groß die Gefahr für Europa ist.

Ein Interview von Jan Rosenkranz

Frankreich betrauert die Toten von Paris

Frankreich trauert um die Opfer der Anschläge

"Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung", heißt es in einem Bekennerschreiben des IS. Ist das der Beginn einer neuen Terror-Offensive im Herzen Europas?

Davon müssen wir leider ausgehen. Niemand kann sagen, wann und wo, aber ich habe immer gesagt, dass das Risiko weiterer Anschläge sehr hoch ist. Dafür spricht allein die Tatsache, dass sich aus allen europäischen Ländern mehr als 5000 Kämpfer dem "Islamischen Staat" angeschlossen haben. Viele von ihnen sind bereits zurückgekehrt, dazu kommen Tausende von Sympathisanten, die im Internet IS-Propaganda verbreiten. Insofern waren die Anschläge von Paris leider absehbar.

Für wie glaubhaft halten Sie das Bekennerschreiben des IS?

Es besteht gar kein Zweifel daran, dass der IS der Urheber ist. Dafür sprechen das Layout, die Formulierungen und die Kanäle, über die das Bekennerschreiben verbreitet wurde. Die Quelle ist das "Al Hayat Media Center", die Propaganda-Zentrale des Islamischen Staates.

Hat der Islamische Staat damit die Rolle von Al-Qaida übernommen?

Diese Frage wird unter Experten seit einiger Zeit heftig diskutiert. Es scheint einiges dafür zu sprechen, dass der IS die Rolle Al-Qaidas zu übernehmen versucht. Der IS hatte, bedingt durch große Erfolge, enormen Zulauf erhalten. Al-Qaida steht dagegen seit längerem unter Druck. Womit auch ich nicht gerechnet habe, ist, dass der IS bereits nach so kurzer Zeit in der Lage dazu ist, solche logistisch aufwendigen, orchestrierten Anschläge zu verüben. Das setzt ein großes Unterstützernetzwerk voraus.

Bislang hat sich der IS auf sein Kerngebiet in Syrien und im Irak konzentriert. Warum dieser offensichtliche Strategiewechsel?

Der Strategiewechsel liegt ein Jahr zurück. Seit die internationale Gemeinschaft den Kampf gegen den "Islamischen Staat" ausgerufen hat, fordert der IS seine Anhänger zu Anschlägen in ihren Heimatländern auf. Sie sollten als einsame Wölfe Terrorakte verüben. Was wir jetzt beobachten, ist eher ein Wechsel der Taktik. Die Anschläge sollen davon ablenken, dass er selbst unter Druck geraten ist. Er hat in den vergangenen Monaten herbe Niederlagen und große Gebietsverluste hinnehmen müssen.

Im Januar der Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift "Charlie Hebdo", im Juni die Attacke in einer Gasfabrik bei Lyon, im August ein Anschlagsversuch auf einen Schnellzug nach Paris. Warum trifft es immer wieder Frankreich?

Grundsätzlich können solche Anschläge überall in Europa passieren, auch in Deutschland. Der aktuelle Anlass ist sicher die Beteiligung Frankreichs an Luftschlägen in Syrien. Das hat Frankreich insbesondere in den Fokus von Islamisten gerückt. Von den 5000 Kämpfern des IS, die sich aus Europa dem IS angeschlossen haben, stammen 1500 allein aus Frankreich. Aus Deutschland sind nur etwa halb so viele Dschihadisten in Richtung Syrien und Irak gereist.

Was läuft in Frankreich schief, wieso ist die islamistische Szene dort so aktiv?

Frankreich hat einen hohen Anteil von Migranten, deren Integration man jahrzehntelang vernachlässigt hat. Ganze Generationen fühlen sich vom "republikanischen Projekt" ausgeschlossen. Sie leben zu großen Teilen in Ghettos am Rande der Städte. Dort ist ein ausgeprägter Hass auf den Staat, die ganze französische Gesellschaft entstanden. Wenn Sie in Frankreich den falschen Namen tragen, haben Sie eine deutlich geringere Chance auf Teilhabe oder sozialen Aufstieg. In ihrer Perspektivlosigkeit erscheint vielen der "Islamische Staat" als sehr attraktiv. Ohne Ansehen der Person kann dort jeder innerhalb kürzester Zeit zum Helden werden.

Frankreichs Präsident Holland sagte, es handele sich um einen Angriff aus dem "Inneren". Inzwischen scheint klar, dass mindestens einer der Attentäter über Griechenland in die EU eingereist ist. Was bedeutet das für die Flüchtlingsdebatte?

Ein weiterer Attentäter stammt möglicherweise aus Kairo. Wenn sich das bewahrheiten sollte, bedeutet das sicher nichts Gutes für die aktuelle Debatte um Flüchtlingsströme. Eine Vermischung mit der Debatte um den islamistischen Terrorismus hielte ich aber für sehr gefährlich. Das hätte schwere Folgen für ganz Europa.

Die Tatsache, dass Tausende Flüchtlinge unregistriert ins Land strömen, bereitet auch in Deutschland vielen Menschen Sorgen. Wie groß ist Gefahr, dass auf diesem Weg Terroristen ins Land einsickern?

Ich habe bereits in der Vergangenheit davor gewarnt, dass dieser Zustand eine potenzielle Gefahr darstellt. Es lässt sich nicht ausschließen, dass der IS versucht, aus dieser Situation Kapital zu schlagen. Möglicherweise ist das im Falle von Paris geschehen. Für ein massenhaftes Einschleusen gibt es dagegen keinerlei Anzeichen. Die Sicherheitsbehörden müssen das genau beobachten, es besteht aber kein Anlass zur Panik. Man sollte in jedem Fall nicht die Flüchtlinge kollektiv für diese Situation verantwortlich machen. Viele von ihnen sind selbst gerade dem Terror des IS entkommen.