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Thailands Ex-Premier Thaksin Shinawatra: "Meine Anhänger erwarten meinen Input"

Thailand hat ein neues Parlament gewählt und wird wohl mit Yingluck Shinawatra erstmals eine Premierministerin bekommen. Ihr Bruder Thaksin, umstrittener Ex-Regierungschef, sagt im Interview mit stern.de, wie er gedenkt, aus seinem Exil Einfluss zu nehmen.

Herr Thaksin, im Dezember heiratet Ihre Tochter in Thailand. Werden Sie an der Feier teilnehmen?
Das hoffe ich sehr, aber wer kann schon voraussagen, ob ich zurückkehren darf. In Thailand ist die Politik unvorhersehbar.

Vor fünf Jahren hat das Militär Sie aus dem Amt geputscht, seitdem leben Sie im Exil.
Freunde hatten mich gewarnt, dass es zum Coup kommen könnte. Ich wollte das natürlich nicht glauben, meinem Land ging es ja gut. Als ich für zehn Tage im Ausland unterwegs war, unter anderem bei der Generalversammlung der UN in New York, ist es passiert.

Im vergangenen Jahr hat die Regierung in Bangkok einen großen Teil Ihres Vermögens beschlagnahmt. Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten sich während Ihrer Amtszeit persönlich bereichert.
Vor meinem Amtsantritt als Außenminister 1994 hatte ich ein Vermögen von 2,2 Milliarden Dollar, die Zahl stammt übrigens vom Magazin Forbes. 1,4 Milliarden hat die Regierung mir dann weggenommen. Eine Milliarde Dollar konnte ich behalten. Heute bin ich ärmer als vor meinem Einstieg in die Politik.

Angeblich hat sich ihr Vermögen in fünf Amtsjahren verdreifacht.
Das liegt vor allem an den Aktienkursen, die damals in Thailand sehr schnell gestiegen sind. Mein Vermögen ist nicht schneller gewachsen als der Aktienindex. Alle Anschuldigungen sind nichts als Halbwahrheiten.

Bei den Wahlen Anfang Juli kandidiert Ihre Schwester Yingluck Shinawatra als Premierministerin. Im Moment liegt sie bei den Umfragen vorn. Hauptsache einer von der Familie kommt wieder an die Macht?
Wir haben uns um einen außen stehenden Kandidaten bemüht, doch viele haben sich nicht getraut. Ich wollte eigentlich niemanden aus meiner Familie aufstellen, aber es gab sonst keine passenden Kandidaten. Und meine Schwester war die ideale Wahl, sie ist politisch nicht vorbelastet, unter ihr kann die Versöhnung des Landes beginnen ...

Nur politische Erfahrung hat Ihre Schwester nicht. In einem Interview haben Sie Yingluck als Ihren "Klon" bezeichnet. Sehr demokratisch klingt das nicht.
Sie ist eine erfolgreiche Managerin und Geschäftsfrau und kann sehr gut mit Menschen umgehen. Mit dem Wort "Klon" meine ich, das wir den gleichen Gencode teilen. Yingluck hat in meiner Firma gearbeitet, ich habe sie trainiert, sie kümmert sich bis heute um unsere Familiengeschäfte.

Und wenn Ihre Schwester gewinnt, werden Sie die thailändische Politik aus Dubai fernsteuern?
Ich werde sie nicht kontrollieren. Aber meine Anhänger erwarten meinen Input, ich darf sie jetzt nicht im Stich lassen. Die Menschen kämpfen für mich. Und sie vermissen mich.

Ihre Partei, die Pheu Thai, wirbt ernsthaft mit dem Slogan "Thaksin denkt, Pheu Thai handelt..."
Das ist meine Idee von Politik.

Wird das Militär verhindern, dass der Thaksin-Clan wieder an die Macht kommt?
Die Menschen in Thailand müssen lernen, den Willen des Volkes zu akzeptieren. Das gilt besonders fürs Militär. Nur so kann der Versöhnungsprozess beginnen. Sonst können wir gleich auf Wahlen verzichten und die Verfassung abschaffen. Wir werden weiter für Demokratie und Gerechtigkeit kämpfen!

Für die Regierung in Bangkok sind Sie einer der Drahtzieher hinter den Demonstrationen vor einem Jahr. Sie sind als Terrorist angeklagt, Ihnen droht im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Welche Rolle haben Sie wirklich gespielt?
Es gibt ein Foto von damals. Als in Bangkok demonstriert wurde, war ich mit meiner Tochter bei Louis Vuitton in Paris shoppen. Ein Terrorist bei Louis Vuitton? Das ist lächerlich, nichts als politisch motivierte Anschuldigungen der Regierung.

Für die Taxifahrer und Arbeiter, die auf Bangkoks Straßen protestierten, muss das Foto bei Louis Vuitton eine Überraschung gewesen sein. Sie fliegen im Privatjet um die Welt und sind einer der reichsten Männer Thailands. Trotzdem sehen die Arbeiter und Reisbauern in Ihnen einen Verbündeten. Wieso?
Ich bin auf dem Land geboren, ich komme doch selbst aus dem Nichts. Meine Wurzeln habe ich nicht vergessen, auch nicht zu meiner Regierungszeit. Außerdem habe ich eine Menge für die Menschen getan. Trotz meines Vermögens fühle ich mich nicht wie ein Teil der Elite, ich bin ein Thai.

Sie werden von der einen Hälfte Ihres Landes geliebt und von der anderen gehasst. Thailand steckt fest in einem fünf Jahre alten Konflikt. Sind Sie selbst nicht das größte Hindernis auf dem Weg zur Versöhnung?
Wer mich hasst, ist falsch informiert. Ich war zu beliebt. Vor mir ist noch nie ein Premierminister wiedergewählt worden. Und es gab einflussreiche Strippenzieher im Hintergrund, die falsche Informationen über mich verbreitet haben, gegen die ich nichts unternehmen konnte.

Welche Rolle sollte das Königshaus spielen?
Ich traue mich nicht, der Krone Vorschläge zu machen. Aber sie weiß, was zu tun ist.

Viele Rothemden scheinen das Vertrauen in die Monarchie zu verlieren.
Bei den Aufständen 1992 ist der König aufgestanden und hat die Krise beendet ...

... es gibt ein berühmtes Foto von damals: Die Anführer beider Seiten knien vor dem König, der sie zu Ordnung ruft und den Frieden wieder herstellt.
Ja, das ist vielen Menschen bis heute in Erinnerung geblieben. Und sie hatten gehofft, dass der König jetzt wieder eingreift. Doch vielleicht fühlte er sich nicht gut, vielleicht weil er im Krankenhaus lag.

In den letzten Jahren sind hunderte Menschen wegen Majestätsbeleidigung verhaftet worden. Kann man in Thailand offen über die Probleme der Monarchie sprechen?
Die Gerichte haben sehr schwere Strafen verhängt, manche Menschen sind sogar härter bestraft worden als Mörder. Das will auch Seine Majestät nicht, das hat er mir zu meiner Zeit als Premierminister selbst gesagt. Man kann nicht ständig mit der Eisernen Faust zuschlagen, ich habe den Fehler selbst gemacht.

Sie meinen den Anti-Drogenkrieg 2003, bei dem 2500 Menschen erschossen wurden?
Das stimmt nicht!

Die Zahl stammt von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die von "außergerichtliche Erschießungen" spricht.
Die haben ihre Informationen von den Zeitungen abgeschrieben, vor allem aus der "Nation", die sich die Zahlen komplett ausgedacht hat. Die haben einfach jeden Toten aus der Zeit mitgezählt.

Welche Zahl wäre denn richtig?
Es gab damals ungefähr hundert Tote, aber keine außergerichtlichen Erschießungen. Die meisten Toten sind den Drogenhändlern zum Opfer gefallen, die ihre Spuren verwischen wollten. Ich habe nie angeordnet, jemanden erschießen zu lassen.

Janis Vougioukas