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Tibets Tragödie: Angst vorm Vergessen

Nur spärlich sickern Informationen aus Tibet nach draußen, und wenn, sind sie für die Tibeter im Exil Angst einflößend. In Hamburg forderten rund 400 Tibeter und Menschenrechtsaktivisten die chinesische Regierung erneut auf, die Gewalt zu beenden und die politischen Gefangenen freizulassen.

Von Inga Niermann

Mit Reißzwecken tackert Puntsok eine tibetische Fahne auf seine Laptoptasche. Zusammen mit seinen Kollegen des tibetischen Restaurants Kham in Hamburg bereitet er sich auf eine Demonstration in der Innenstadt vor, um für die Freiheit Tibets und das Ende der chinesischen Gewaltherrschaft zu kämpfen. "Die Regierungen in Europa müssen endlich mehr Druck auf China ausüben. Man kann doch nicht in einem Land Wettkämpfe stattfinden lassen, während dort Menschen ermordet werden", sagt er entschlossen.

Puntsok ist 26 Jahre alt, er ist in Indien geboren und hat Tibet noch nie gesehen. Aber Geschichten über die Verfolgung von Tibetern, Gewalt gegen demonstrierende Mönche, schlimmste Foltermethoden in den Arbeitslagern von Lhasa und die Flucht des Dalai Lamas 1959 über die Berge nach Indien, kennt er, seit er denken kann.

Immer wieder haben sich die Tibeter seit dem Großen Volksaufstand gegen die Chinesen aufgelehnt. Seitdem besteht ihre Geschichte aus einer endlosen Aneinanderreihung menschlicher Tragödien. Was für viele Exil-Tibeter derzeit aber am schlimmsten wiegt, ist die Ungewissheit über die Situation in ihrem Heimatland. Seit dem 10. März sickern nur noch spärlich Informationen durch und wenn, flößen sie ihnen Angst ein.

Unter Tränen berichtet eine Mitarbeiterin des Restaurants, die ihren Namen nicht nennt, dass sie von ihrer Familie in Tibets Hauptstadt Lhasa seit zwei Wochen nichts mehr gehört hat. Die Frau ist aus politischen Gründen allein aus Tibet geflüchtet, und musste ihre Kinder, ihren Mann und ihre Familie zurücklassen. Sie konnte bisher regelmäßig mit ihnen telefonieren. "Wenn ich jetzt anrufe, geht ein Chinese ans Telefon, der sagt, dass ich mich nicht mehr zu melden brauche", sagt die Frau weinend.

Verzweifelt ist auch der tibetische Mönch Lobsang Jamyang, der seit dem 6. März keinen Kontakt mehr zu seinem Kloster in der Nähe von Kham im Osten Tibets hat. Von dort war er 2003 geflüchtet. Er hatte zusammen mit anderen Mönchen Handzettel verteilt, auf denen sie Freiheit für Tibet gefordert hatten. Die chinesische Polizei sei der Gruppe auf die Spur gekommen, ihm sei es aber noch rechtzeitig gelungen, über Nepal nach Deutschland zu flüchten.

Nur noch alte und kranke Mönche

Am 21. März seien Freunde zu seinem Kloster gegangen und hätten berichtet, dass von den 800 Mönchen nur noch die Alten und Kranken dort sind. "Bis zum Abend sind 17 Leichen gefunden worden, die anderen sind spurlos verschwunden", erzählt Jamysang. Er befürchtet, dass die Mönche von den Chinesen in ein Arbeitslager gebracht worden sind und dort misshandelt werden.

Die Frauen, die in dem Restaurant arbeiten, haben inzwischen ihre Arbeitskleidung gegen die traditionelle tibetische Kleidung gewechselt. Später stehen sie in der City mit Pappschildern um ihre Hälse, auf denen Fotos von gefolterten Tibetern zu sehen sind. Sie fordern von der chinesischen Regierung das Ende der Gewalt in Tibet und die Freilassung der politischen Gefangenen. Die tibetischen Männer haben sich in tibetische Fahnen gehüllt, die in ihrem Heimatland seit Jahrzehnten verboten sind. Genauso wie Darstellungen des Dalai Lamas und jegliche Form von Bekenntnis zur tibetischen Eigenständigkeit, Tradition und Kultur.

Immer wenn die Tibeter die Unterdrückung nicht hingenommen haben, hat die chinesische Regierung mit Gewalt geantwortet. Mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele erhoffen sich viele Tibeter nun deutlich mehr Druck auf Peking. Viele westliche Regierungen sind zwar weiterhin gegen einen Boykott der Olympischen Spiele, erwägen aber inzwischen, der Eröffnungszeremonie fern zu bleiben.

China hat bisher darauf nicht reagiert. Es spricht alles dafür, dass das Olympische Feuer wie geplant am 31. März die Grenze zu China passieren und auch durch tibetisches Gebiet getragen werden wird. Tibet-Aktivisten wollen deshalb diesen Tag für neue Protestaktionen nutzen. "Für die Tibeter ist es vielleicht die letzte Chance, etwas zu bewegen", sagte der politische Referent des Tibetischen Zentrums Hamburg, Andreas Hilmer, am Rande der Demonstration. „Die Aufmerksamkeit für uns wegen der Olympischen Spiele in Peking ist eine große Chance“, ergänzt Puntsok. "Unsere Tragödie darf jetzt nicht wieder untergehen."

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