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Strenge Ausreisekontrollen Türkei holt Beamtin aus Deutschland zurück: "Weiß nicht, was mich erwartet"

Präsident Recep Tayyip Erdogan und Premierminister Binali Yildirim vor Flaggen der Türkei
Holen Akademiker und Beamte zurück in die Türkei: Präsident Recep Tayyip Erdogan und Premierminister Binali Yildirim
© DPA
Es ist nur ein Schicksal von vielen: Eine junge türkische Beamtin, die seit Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, muss sofort zurück. Ohne besondere Erlaubnis darf kein Akademiker und Staatsbediensteter

Noch vor wenigen Wochen wurde intensiv über Visumfreiheit für türkische Bürger bei der Einreise in die EU diskutiert. Im Moment scheint diese Debatte aus einer anderen Zeit zu sein. Die Türkei hat vielmehr als Reaktion auf den gescheiterten Putschversuch ihren Bürgern selbst das Reisen enorm erschwert. Für die Ausreise vor allem von Staatsbediensteten gelten derzeit strenge Kriterien. Dienstreisen ins Ausland wurden erschwert und Akademiker aus Auslandsaufenthalten zurückbeordert.

So wie eine türkische Beamtin, die sich in offizieller Mission in Deutschland befindet. Wie "Focus online" berichtet, wurde die Frau, die seit mehreren Jahren in einer deutschen Großstadt lebt und in einem geisteswissenschaftlichen Fach promoviert, von ihrem Dienstherrn zurückgerufen. "Ich wurde aufgerufen, schnellstmöglich in die Türkei zurückzukehren", berichtet die Beamtin "Focus online". Also werde sie sich in ein Flugzeug nach Istanbul setzen. "Aber ich weiß nicht, was mich dort erwartet und ob mir etwas passieren wird", zitiert der "Focus" die Frau.

Furcht vor einer Hexenjagd in der Türkei

Zumindest steht zu befürchten, dass sie ihre Promotion in absehbarer Zeit nicht wird abschließen können. Denn während des derzeit geltenden Ausnahmezustands können Staatsbedienstete nicht ohne weiteres aus der Türkei ausreisen. Sie müssen eine Bescheinigung ihrer Behörde vorlegen, in der ausdrücklich erwähnt wird, dass ihrer Ausreise nichts im Wege steht. Das gilt auch für ihre Ehepartner und Kinder. Andere Beschäftigte müssen nachweisen, dass sie im Privatsektor tätig und somit keine Staatsbediensteten sind. Wann diese Regelungen wieder gelockert werden, ist derzeit nicht absehbar.

Es beschäftige sie sehr, was gerade in ihrer Heimat geschehe, berichtet die zurückbeorderte junge Beamtin "Focus online". "Natürlich bin ich gegen einen Militärputsch gegen eine legitime Regierung", sagt sie, "aber die Situation jetzt in der Türkei ist schrecklich." Jeder verdächtige jeden. Die Massenverhaftungen machten sie stutzig, Aktionen in einem solchen Umfang müssten vorbereitet gewesen sein. Als Akademikerin könne sie nicht sicher sein, dass nicht auch sie in den Fokus der Säuberungstruppen von Präsident Recep Tayyip Erdogan gerate. "Ich befürchte eine Hexenjagd - und das wäre das Schlimmste, was passieren kann."

Keine Reisen mehr nach Zypern und Georgien

Wie groß das Misstrauen in der Türkei offenbar bereits ist, lässt sich an den verschärften Ausreisekontrollen ablesen. Diese sollen verhindern, dass sich Menschen mit Verbindungen zum Putschversuch ins Ausland absetzen können, heißt es zur Begründung. Generell geht die Erdogan-Regierung davon aus, dass die staatlichen Stellen durch Anhänger des Predigers Fetullah Gülen "unterwandert" seien. Gülen wird bezichtigt, Drahtzieher des Putschversuchs zu sein. Der Islam-Gelehrte selbst streitet jede Verbindung zu dem Aufstand ab.

Türkische Medien berichteten, von Studenten könne bei der Ausreise eine Studienbescheinigung verlangt werden. Rentner und Arbeitslose benötigten einen Nachweis der Sozialversicherung. Aus deren Nummer ist erkennbar, ob die Person im Staatsdienst tätig ist oder nicht. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, Staatsbedienstete dürften generell nicht mehr nach Nordzypern oder Georgien ausreisen, für die kein Reisepass benötigt wird.

Am Abend erklärte die Türkei die Pässe von 10.000 Menschen für ungültig.

dho/mit Agentur

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