VG-Wort Pixel

Krieg in der Ukraine Putin feiert in Moskau, während seine Truppen gerade den Krieg verlieren

Ukraine
Kiews Panzer haben den Oskil überquert.
© Yasuyoshi Chiba / AFP
In Moskau feiert Putin eine opulente Annexionsparty, doch sie ist nur ein Beweis für die Parallelwelt, in der der Kremlherrscher inzwischen lebt. Tatsächlich gehen die Gebiete, die er sich einverleiben will, in schneller Folge verloren. Moskaus Truppen droht in den nächsten Wochen eine weitgehende Niederlage in der Ukraine.

Die entscheidende Frage in diesen Tagen ist, ob es Putin gelingt, das besetzte Lyman zu halten – wenn die Stadt verloren geht, ist das ein deutliches Zeichen, dass Russland den Krieg am Boden verliert. Warum ist das Städtchen so bedeutend? Die Ukraine hat die Stadt weitgehend eingekreist. Noch ist es kein realer Kessel, der komplett von ukrainischen Truppen umstellt ist. Aber beinahe ein taktischer Kessel, das bedeutet, dass die Zufahrtsstraßen vom Feuer der ukrainischen Truppen beherrscht werden.

Hier könnte Kiew das erste Mal in diesem Krieg im großen Maßstab russische Gefangene machen. In der vorhergehenden Offensive ließen die Russen ihr Material in einer fluchtartigen Absetzbewegung zurück, sie konnten aber ihre Soldaten evakuieren. Die Bilder von endlosen Gefangenenkolonnen würden der Sache Kiews weiter Auftrieb geben und die Moral bei Putins Soldaten und an der russischen Heimatfront noch weiter sinken lassen.

Ukraine-Krieg: Drohnenvideo zeigt Panzer-Duell auf engstem Raum

Kreml-Propaganda am Ende

Dazu würde der Fall von Lyman beweisen, dass die russische Propaganda wirre Scheinweisheiten verkauft. Russland versucht die Niederlage im Osten von Charkow in etwa so zu erklären: "Ja, es ist richtig, dass Kiew große Gewinne gemacht hat, aber ihre Truppen verbluten in nutzlosen Angriffen auf unsere Stellungen." Bemerkenswert ist dabei die Ähnlichkeit dieses Narrativ mit den Versuchen Goebbels', den Zusammenbruch der deutschen Fronten 1944 und 1945 schön zu reden. Dazu passen die Gerüchte, dass der Nichtmilitär Putin inzwischen die operative Kriegsführung bestimmt.

Tatsächlich wäre der Fall von Lyman der Beweis, dass es den Russen nicht gelingt, die Front nördlich des Donbass zu stabilisieren. Die Erfolge der ersten Charkow-Offensive konnte man noch versuchen wegzudiskutieren. In etwa so: Man sei auf russischer Seite zu sorglos gewesen, habe sich überraschen lassen und die Ukraine habe Glück gehabt und einen schwachen Abschnitt gefunden.

Doch das kann Wochen später nicht als Erklärung dienen. Die in diesem Abschnitt eingesetzten Truppen waren schon vor der Offensive schwach und abgekämpft. Nun, nach Flucht und Verlust eines großen Teils des Materials, sind sie noch viel schwächer. Gleichzeitig hat sich die Frontlinie, die geschützt werden müsste, durch die Ausbuchtungen der ukrainischen Vorstöße stark verlängert. Moskau ist offensichtlich nicht in der Lage, neue kampfkräftige Großverbände heranzuführen, die die Lage stabilisieren beziehungsweise, die die Ukrainer zurückdrängen können. Pro-russische Aktivisten wie "WarGozno" zeigen die Ohnmacht des russischen Militärs, etwa wenn zentrale Städte nur von leicht bewaffneten Freiwilligenformationen gehalten werden sollen.

Die letzte Chance sollte in der Mobilisierung liegen. Damit hätte Putin der Front Hunderttausende von Soldaten zuführen können. Doch auch hier hat der Putin-Staat alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Hunderttausende sind aus dem Land geflohen, um der Einberufung zu entgehen. Dass Männer sich dem Dienst entziehen wollen, war zu erwarten, aber diese Menge zeigt deutlich, wie wenig Vertrauen die Russen in die oberste Führung haben.

Zu spätes Gegensteuern im Ukraine-Krieg

Der Kreml-Herrscher hat mit der unpopulären Entscheidung so lange gewartet, bis es zu spät war. Nun müssen die neuen Soldaten sein Zaudern mit ihrem Blut bezahlen. Es mehren sich die Berichte, dass die Rekruten eben nicht geordnet bestehende Verbände auffüllen sollen, sondern ohne Einweisung, ohne vollständige Ausrüstung und Ausbildung an die Front geworfen werden. Solche Methoden der Roten Armee haben schon 1941 den Gegner nicht aufhalten können, sie konnten die deutschen Operationen nur verlangsamen. Dem deutschen Volkssturm gelang später nicht einmal mehr das. Im heutigen von Technik dominierten Krieg haben diese zusammengestoppelten Einheiten keine Chance, einen Angriff abzuwehren. Oder gar Gegenangriffe durchzuführen, um die Frontbeule bei Lyman zu entsetzen.

Wenn die an sich unbedeutende Stadt fällt, wird die mörderische Fehlkalkulation des Kremls offenbar. In dem Kessel würden weitere Truppen verloren gehen. Dass sie den Gegner lange binden könne, so wie die ukrainischen Verteidiger in Mariupol, ist kaum zu erwarten. Kiew wird das Momentum nutzen und die Front weiter nach Osten schieben. Über den Fluss Oskil wurden mehrere Übergänge gesichert. Ad-hoc zusammengestellte Alarmeinheiten werden sie dort nicht aufhalten können. Im Gegenteil: Je schlechter die Verbände sind, die Moskau der ukrainischen Armee entgegenstellt, umso mehr werden die Moral und das Selbstbewusstsein von Kiews Soldaten steigen. Wenn Putin diesen Vormarsch nicht stoppen kann, werden alle Positionen der russischen Armee in der besetzen Ukraine ins Wanken geraten. Mit konventionellen Mitteln wäre die Niederlage kaum noch abzuwenden.

Mehr zum Thema

Newsticker