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Ukraine-Krieg Wie einst in Stalingrad und in Vietnam: Kampf gegen die Invasoren im Untergrund

Russische Soldaten in Mariupol
Russische Soldaten beim Häuserkampf in Mariupol Mitte März.
© Alexander Nemenov / AFP
Das Gelände in Mariupol ist wie gemacht für Verteidiger: Quadratkilometer voll mit Eisenbahnschienen, Lagerhäusern und Tunneln. Für die russischen Angreifer bedeutet dies schlechte Sicht und Hindernisse. Für beide aber werden sich die Kämpfe hinziehen.

Die Eroberung der seit Wochen belagerten südostukrainischen Stadt Mariupol durch die russischen Streitkräfte scheint unausweichlich. Die verbleibenden Verteidiger der Hafenstadt könnten die Kämpfe jedoch in die Länge ziehen. Der Industriekomplex, in dem sie sich verschanzt haben, ist gut zu verteidigen. In ihre Karten spielt auch die großzügige Untertunnelung des Gebietes.

Gelände wie gemacht für Stadtguerilla

Die Kämpfe in Mariupol konzentrieren sich seit einiger Zeit auf den weitläufigen Industriekomplex der Asow-Stahl - und Asowmasch-Werke. Das Gelände ist wie gemacht für eine Stadtguerilla: Mehrere Quadratkilometer voller Eisenbahnschienen, Lagerhäusern, Koksöfen und Schornsteinen. Für Angreifer bedeutet dies schlechte Sicht, Löcher, Hindernisse und potenzielle Fallen auf Schritt und Tritt, auch wegen der zahlreichen Tunnel.

Nach Angaben, die nicht unabhängig verifiziert werden können, verlaufen unter dem Fabrikgelände bis zu 30 Meter tiefe unterirdische Gänge mit einer Gesamtlänge von mehr als 20 Kilometern. "Es ist eine Stadt in der Stadt, und es gibt mehrere unterirdische Ebenen aus der Sowjetzeit", sagte der Vertreter der in Mariupol kämpfenden pro-russischen Separatisten, Eduard Basurin.

Beispiele der äußerst effektiven militärischen Nutzung von Tunneln finden sich zuhauf: die Cu-Chi-Tunnel des Vietkong bei Saigon, die Tunnel der Hamas bei Kämpfen gegen die israelische Armee oder die Tunnel der IS-Miliz beim Kampf um Mossul im Irak.

Auch bietet sich ein Vergleich mit der Schlacht um Stalingrad im Zweiten Weltkrieg an. Damals konzentrierten sich die Kämpfe in der Stadt auf ein Industriegebiet rund um das Stahlwerk "Roter Oktober". "Die Sowjets haben die unterirdischen Gänge, die Kanalisation und die Tunnel benutzt, um hinter die deutschen Linien zu gelangen", sagt ein französischer Militärvertreter.

"Man muss unterirdisch aufräumen"

Auch 80 Jahre später und trotz moderner Militärtechnik hat der Untergrund für Verteidiger seine Vorzüge nicht eingebüßt. Angriffe aus der Luft genau wie Scharfschützen und Satellitenüberwachung sind weitgehend nutzlos, wenn sich der Gegner unter der Erde versteckt. "Es ist nicht möglich, von oben zu bombardieren, man muss unterirdisch aufräumen", sagt der Militärvertreter Basurin über die Lage in Mariupol. "Das wird Zeit brauchen."

Für die russischen Streitkräfte ist es "unmöglich", in die Tunnel einzudringen, sagt Alexander Grinberg, Analyst am Jerusalem Institute for Security and Strategy (JISS). Sie "können es versuchen, aber dann werden sie massakriert, weil die Verteidiger der Tunnel den absoluten taktischen Vorteil haben".

Die Probleme der Tunnel-Verteidiger sind allerdings ebenfalls dieselben wie vor 80 Jahren: die schwierige Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Munition, die erschwerte Kommunikation, die Gefahr von Einstürzen. Den ukrainischen Soldaten in Mariupol fehlt es wahrscheinlich auch an technischer Ausstattung wie Nachtsichtgeräten.

Die russischen Angreifer könnten versuchen, die Tunnel zu fluten. Auch der Einsatz von Gas oder anderen Chemikalien ist denkbar. Basurin hatte vergangene Woche bereits erwogen, sich "an chemische Truppen zu wenden, die einen Weg finden werden, die Maulwürfe in ihren Löchern auszuräuchern".

nik AFP

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