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Umfrage in den USA: Snowden ein Held und kein Verräter

Die US-Regierung jagt Edward Snowden, weil sie ihm Verrat vorwirft. Doch die Menschen in den USA sehen das zunehmend anders. Für sie ist der flüchtige IT-Spezialist inzwischen beinahe ein Held.

Der Fall Edward Snowden hat in den USA für eine fundamentale Kehrtwende bei der Beurteilung der Arbeit der Geheimdienste gesorgt. Laut einer Umfrage der Quinnipiac Universität ist Snowden für eine Mehrheit der US-Bürger ein sogenannter "Whistleblower" mit einem legitimen Anliegen. 55 Prozent der befragten registrierten US-Wähler gestehen ihm inzwischen diesen Status zu. Nur 34 Prozent halten ihn für einen Verräter.

Die Umfrage belegt ferner, dass inzwischen eine große Zahl der US-Bürger die Arbeit der Geheimdienste kritisch beurteilt. 45 Prozent sind der Meinung, dass die Behörden mit ihrer Datensammelwut unter dem Deckmantel der Anti-Terror-Politik zu weit gehen. 40 Prozent hingegen tolerieren die Einschränkung der Bürgerrechte noch.

Fundamentale Kehrtwende im Vergleich zu 2010

Wie groß der Meinungsumschwung in der US-Bevölkerung durch den Fall Snowden ist, belegt ein Vergleich mit Zahlen aus dem Jahr 2010. Damals erklärten 63 Prozent der Befragten, dass die Geheimdienste gar nicht weit genug gehen könnten, um das Land vor terroristischen Angriffen zu schützen. Nur 25 Prozent widersprachen damals dieser Ansicht.

Wie ist dieser massive Umschwung zu erklären? Peter Brown, Assistent am Forschungsinstitut der Quinnipiac Universität, das die Umfrage durchgeführt hat, versucht sich an einer Begründung: "Es ist der Schock über das erst jetzt bekanntgewordene Ausmaß, mit dem die Regierung versucht, zukünftige Terrorattacken zu verhindern."

Die Beurteilung Snowdens als "Whistleblower" und nicht als Verräter ist einhellig - über alle Alters-, Bildungs- und Geschlechtergrenzen hinweg. Einzige Ausnahme sind die Afro-Amerikaner. 43 Prozent von ihnen sehen in Snowden eher einen Verräter. Und auch die Republikaner sehen in der Mehrzahl (46 Prozent) Snowden als den bösen Buben.

Whistleblower Ellsberg verteidigt Snowden

Bemerkenswert dabei: "Das Empfinden der Bevölkerung, dass Snowden kein Verbrecher ist, steht der Einschätzung der Politik diametral entgegen", sagt Wissenschaftler Peter Brown. John Boehner etwa, Sprecher des Repräsentantenhauses, hatte Snowden in einem offiziellen Statement klipp und klar als Verräter gebrandmarkt. Eine Einschätzung, die inzwischen von seinen Landsleuten offensichtlich nicht mehr geteilt wird.

Auch Daniel Ellsberg, 82, der bis dato als wichtigster Enthüller der US-Geschichte gilt, sieht in Snowden einen Bruder im Geiste. Ellsberg wurde 1971 als Spion angeklagt, weil er die sogenannten "Pentagon Papers" kopiert und an Zeitungen ausgehändigt hatte. Dabei handelte es sich um geheime Unterlagen, die belegten, dass das amerikanische Volk von seiner Regierung systematisch getäuscht und in den Vietnam-Krieg hineingetrieben wurde.

Ellsberg schreibt in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung" unter anderem, dass er hoffe, "dass Snowdens Enthüllungen eine Bewegung anstoßen, die unsere Demokratie rettet".

Auf dem Sprung nach Venezuela

Snowden soll sich seit mehr als zwei Wochen im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo aufhalten. Der 30-Jährige besitzt kein russisches Visum, zudem haben die USA seinen Reisepass annulliert. Snowden hatte unter anderem enthüllt, dass der US-Nachrichtendienst NSA mit seinem Spähprogramm "Prism" weltweit in ungeahntem Ausmaß die Kommunikation per E-Mail und Telefon ausspähe. Die USA werfen dem IT-Spezialisten Landesverrat vor und fordern seine Auslieferung. Inzwischen hat Venezuela erklärt, dass es bereit ist, ihm Asyl zu gewähren.

Volker Königkrämer
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