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Ungarns Präsident verliert Doktortitel: Pal Schmitt sagt offizielle Termine ab

Der Druck auf den ungarischen Präsidenten Schmitt wächst. Die Semmelweis-Universität hat ihm nun wegen nachgewiesenen Plagiierens den Doktortitel aberkannt. Rücktrittsforderungen werden laut. Der Präsident sagte als Reaktion alle offiziellen Termine ab.

Dem ungarischen Staatspräsidenten Pal Schmitt ist wegen erwiesener Plagiatsvorwürfe der Doktortitel aberkannt worden. Diese Entscheidung traf der Senat der Budapester Semmelweis-Universität für Medizinwissenschaften (SOTE) am Donnerstag. Schmitts Dissertation aus dem Jahr 1992 entspreche "nicht den Kriterien einer nach wissenschaftlichen Methoden verfertigten Arbeit", erklärte SOTE-Rektor Tivadar Tulassay am Abend vor Journalisten. 33 Mitglieder des Gremiums stimmten für, nur 4 gegen die Maßnahme. Schmitt war am Donnerstagabend auf der Rückreise von einem Besuch in Südkorea und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sein Rücktritt erscheint nun nicht mehr ausgeschlossen.

Einen Tag nach der Aberkennung des Doktortitels hat Schmitt für Freitag angesetzte offizielle Termin abgesagt. Sein Büro nannte dafür keine Begründung. Schmitt sollte unter anderem den slowenischen Außenminister empfangen.

Die Plagiatsvorwürfe gegen das Staatsoberhaupt waren zu Jahresbeginn von Online-Journalisten des Wochenmagazins "HVG" erhoben worden. Sie hatten die entsprechenden Quellenwerke ausfindig gemacht und das Plagiat durch Textvergleiche identifiziert. Schmitt soll demnach 197 von 215 Seiten seiner Arbeit über die Geschichte der olympischen Bewegung abgeschrieben haben. Als Grundlage dienten die französische Fassung einer Monographie des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolaj Georgijew und eine Studie des Hamburger Soziologen Klaus Heinemann.

Schmitts Schicksal liegt in Orbans Händen

Eine Untersuchungskommission der SOTE war am Dienstag nach zweimonatigen Recherchen zu praktisch derselben Schlussfolgerung gelangt. Zugleich hatte aber das Gremium Schmitt von eigenem Verschulden freigesprochen, weil seine damalige Hochschule - die heute in die SOTE integrierte Universität für Körperkultur - die Arbeit nicht hätte annehmen dürfen. Schmitt, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in Seoul aufhielt, wertete dies als "Persilschein". Er sehe in dem Gutachten sogar "eine Art Genugtuung", hatte er am Mittwoch erklärt. An einen Rücktritt denke er "keinen Augenblick".

Wissenschaftler, die Regierungspartei FIDESZ (Bund Junger Demokraten) nahe stehen, forderten den Rücktritt des Staatspräsidenten. Die dem rechts-konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orban nahestehende Tageszeitung "Magyar Nemzet" stieß in ihrer Donnerstag-Ausgabe ins selbe Horn. "Herr Präsident, überlegen Sie sich's noch mal!" übertitelte sie den entsprechenden redaktionellen Leitartikel. Das Blatt legte Schmitt nahe, den Rücktritt zu erklären.

Das weitere Schicksal des schwer bedrängten Staatsoberhauptes liegt nun nach Ansicht von Beobachtern in Orbans Händen. Der Regierungschef hatte Schmitt, der schon im Kommunismus hoher Sportfunktionär war, im Sommer 2010 gegen Widerstände in Teilen des FIDESZ für das Staatspräsidenten-Amt vorgeschlagen. Bei der Wahl im Parlament setzte sich die Parteidisziplin durch: Schmitt erhielt im ersten Wahlgang die geschlossene Zustimmung der FIDESZ-Fraktion und damit die erforderliche Zweidrittelmehrheit.

In den darauffolgenden 20 Monaten unterzeichnete Schmitt ohne Widerrede mehr als 360 von der FIDESZ-Mehrheit verabschiedete Gesetze. Nach Ansicht von Kritikern trug ein Gutteil davon - darunter das auch international umstrittene Mediengesetz - dazu bei, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Ungarn abzubauen. Orban äußerte sich nach Bekanntwerden des SOTE-Gutachtens zunächst nicht zu der Affäre.

Zuletzt hatten Plagiate deutscher Politiker für Aufsehen gesorgt. 2011 trat Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zurück, nachdem aufgeflogen war, dass zahlreiche Passagen in seiner Doktorarbeit nicht aus seiner Feder stammen.

kave/DPA/Reuters / DPA / Reuters