US-Reaktionen auf Rauswurf des Agenten "Deutschlands Ärger ist gekünstelt"


Immerhin: Nach dem Rauswurf des Geheimdienstchefs disktutieren einige US-Medien die NSA-Affäre in Deutschland. Die Tonlage jedoch bestimmen die Hardliner - und nicht die wenigen Deutschland-Versteher.
Von Mareike Enghusen

Das offizielle Washington schweigt. Stoisch.

Aber immerhin - die Nachricht vom Rauswurf des US-Geheimdienst-Chefs aus Deutschland dringt in die amerikanische Öffentlichkeit vor. Große Webseiten halten diese so untypisch robuste deutsche Maßnahme für wichtig genug, um ihr Platz - oder wenigstens ein Plätzchen - einzuräumen. Das ist nicht selbstverständlich: Frühere Enthüllungen zur NSA-Affäre, die hierzulande für Aufregung sorgten, wurden von US-Medien weitgehend ignoriert.

An diesem Freitag jedoch ist die verkappte Ausweisung des Top-Agenten der am häufigsten angeklickte Artikel auf der Webseite der New York Times. Das linksliberale Blatt spekuliert, die Affäre könnte die US-Geheimdienste dazu bewegen, ihre Kosten-Nutzen-Rechnung beim Ausspähen befreundeter Staaten zu überdenken.

Scharfer Kommentar im "Wall Street Journal"

Ganz anders urteilen andere große Zeitungen. Die konservativere "Washington Post" zitiert einen ungenannten früheren US-Geheimdienstoffizier, der Deutschland kaum verhohlen droht: "Es wird Leute in der Geheimdienst-Community geben, die sagen werden: Das war's jetzt [mit der Kooperation zwischen deutschen und US-Diensten]." Im selben Artikel äußert sich John A. Rizzo, der über 30 Jahre für die CIA gearbeitet hat: "In meiner Erinnerung ist es noch nie vorgekommen, dass ein befreundeter Dienst jemanden entfernen musste. Die Deutschen müssen sich dazu aus politischen Gründen genötigt sehen. Denn es gibt sicher andere Wege, jemandem seinen Ärger mitzuteilen, ohne diesen öffentlichen Schritt zu tun."

Das "Wall Street Journal", das die Affäre in seiner aktuellen Ausgabe kommentiert, dreht den Spieß sogar um - und fordert indirekt eine Strafe für die Bundesregierung. Die Amerikaner, schreibt der ungenannte Autor, "sollten fragen, warum sogar unsere Freunde nun denken, sie könnten einen US-Offiziellen ausweisen und dafür keinen Preis zahlen". Natürlich müssten US-Agenten auch in Deutschland spionieren, schließlich unterhalte die Bundesrepublik vergleichsweise gute Beziehungen zu den US-Kontrahenten Iran und Russland. Und überhaupt: "Der meiste Ärger der Deutschen ist gekünstelt, denn die Deutschen wissen natürlich, dass sich sogar befreundete Nationen gegenseitig ausspionieren."

"Die Deutschen sind auch schuldig"

Diese Haltung teilt ein Großteil der amerikanischen Leser. Jemand aus Los Angeles schreibt online: "Und es gibt keine deutschen Spione in den USA, in Frankreich, Russland oder Großbritannien? Zeit für das FBI, ebenfalls ein paar Leute zu verhaften." Ein User aus Boston stimmt zu: "Die Deutschen sind genauso schuldig, wie wir es sind - sie haben sich bloß nicht erwischen lassen." Ein Dritter wütet: "Wäre Deutschland bereit, mehr Belastungen auf sich zu nehmen, fänden Geheimdienstchefs Spionage vielleicht weniger nötig!"

Etliche Leser nehmen die Affäre zum Anlass, die US-Regierung generell zu kritisieren. "Es wäre interessant, was diese Komiker [die Agenten] gesucht haben... Was für eine Verschwendung von Steuergeld und eine Schande für unsere nationale Reputation", schreibt ein User. Ein Leser aus Florida fragt: "Wann wird eine große Zahl hochrangiger NSA-Mitarbeiter ein US-Gefängnis von innen sehen?" Manche lassen gar Mitleid für die Deutschen erkennen: "Sie [die Deutschen] haben fast 70 Jahre ihren Wert als Verbündeter bewiesen - lasst uns das anerkennen."

Der letzte Ausweg

Manche fürchten, dass die USA noch ihre letzten treuen Verbündeten vergraulen könnten. "Noch vier Jahre, und wir werden keinen einzigen Freund mehr übrig haben", schreibt einer. Ein Gleichgesinnter flüchtet sich in Sarkasmus: "Wir verlieren jeden Tag Freunde… aber hey, wer zur Hölle braucht schon den Rest der Welt? Es gibt ja auch noch das das Weltall."


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