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US-Wahlkampf: McCain steht mit dem Rücken zur Wand

Glaubt man US-Wahlforschern, ist das Rennen um das Präsidentenamt schon gelaufen. Noch nie sei ein so hoher Rückstand aufgeholt worden, wie ihn Republikaner-Kandidat John McCain derzeit auf seinen Kontrahenten Barack Obama aufweist, heißt es. Nun steht das nächste TV-Duell an. McCain muss angreifen.

Barack Obamas Traum scheint zum Greifen nah: Der Demokrat, der zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt werden möchte, führt im längsten und teuersten Wahlkampf der US-Geschichte bei den Umfragen immer deutlicher. Vier Wochen vor der Wahl und kurz vor der zweiten von drei Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten am Dienstagabend in Nashville (Tennessee) scheint der Republikaner John McCain fast schon mit dem Rücken zur Wand zu stehen.

Die polemischen Ausfälle von McCains "Running Mate" Sarah Palin, die Obama "kameradschaftliche" Beziehungen zu Terroristen unterstellte, haben ein schrilles Schlaglicht auf die neue Strategie der Republikaner geworden. Mit Aggressivität und Offensive wollen sie noch im letzten Moment den Trend zugunsten Obamas kippen. "Dieser Wahlkampf ist noch offen für rasche Wechsel" meinte optimistisch Karl Rove, von Demokraten gefürchteter Ex-Chefstratege von Präsident George W. Bush, im US-Sender Fox.

Obama rechnet mit Schlammschlacht

Doch Obama, der Senator aus Illinois, schwimmt seit Ausbruch der Finanzkrise auf einer wachsenden Woge der Zustimmung und Popularität. Bei Umfragen - selbst in den besonders wichtigen "battleground states" - führt er inzwischen mit rund acht Prozent. "Im vergangenen halben Jahrhundert gibt es kein Beispiel für ein Comeback bei einem solchen Rückstand", meinte der Politologe Peter Brown von der Universität Quinnipiac (Connecticut) in der "Washington Times". Trübe Aussichten also für McCain. Obama muss aber angesichts der in die Defensive gedrängten Republikaner mit einer Schlammschlacht rechnen. "Senator McCain und seine Leute spekulieren darauf, dass sie euch mit Dreck verwirren können, anstatt über Inhalte zu reden", klagte Obama denn auch jetzt in Asheville (North Carolina) vor über 20.000 Anhängern. Der 47-Jährige verspottete die neue Wahlkampftaktik der Konservativen als "hilflos". Die Ablenkung vom zentralen Thema Wirtschaft und die Konzentration auf seine Person zeige nur, dass McCain den Kontakt zur Wirklichkeit verloren habe, "keine Ideen und keine Zeit mehr hat".

Republikaner verschärfen den Ton

Die Finanzkrise hat McCain trotz allerhand Aktionismus schwer geschadet, wissen doch die Amerikaner, dass er als guter Republikaner in erster Linie dem freien Markt und niedrigen Steuern vertraut. Bush aber hat genau mit diesem Rezept weder die Bankenmisere noch die Konjunkturkrise verhindern können. "Wir sind in der schwersten Wirtschaftskrise seit der großen Depression und McCain möchte sich anderen Themen zuwenden", lästert Obama über die fast verzweifelten Versuche seines Gegners, das Blatt doch noch zu wenden.

Der Ton der Republikaner wird zusehends schärfer: "In den letzten vier Wochen wird es darum gehen, ob das amerikanische Volk willens ist, die wirtschaftliche und nationale Sicherheit in die Hände Barack Obamas zu legen, eines Mannes mit wenig Erfahrung, fragwürdiger Urteilskraft und Beziehungen zu radikalen Figuren und reuelosen Terroristen wie William Ayers", so McCains Sprecher Tucker Bounds. Konservative Gruppen wollen mit einer Welle neuer, aggressiver Fernsehspots Obamas angebliche Verstrickung in radikale Kreise offen legen. Auch McCain will in seinen TV-Kampagnen vor allem Obama in den Mittelpunkt stellen. "Wir müssen zeigen, wer Obama wirklich ist", meinte McCain-Berater Greg Stimple. Obamas "extrem liberale Stellung" müsse aufgezeigt werden, und wie "riskant" es für Amerika wäre, ihn zu wählen.

Vor allem Obamas Kontakte zu dem wegen illegaler Finanzgeschäfte verurteilten Immobilienhai Tony Rezko sowie zu dem früheren Linksradikalen Ayers sollen helfen, den Demokraten zu diskreditieren. Während die Kontakte zu Ayers, der heute Professor in Chicago ist, relativ harmlos scheinen, gab es zwischen Obama und Rezko tatsächlich intensive Zusammenarbeit. Der zu einer Gefängnisstrafe verurteilte Rezko hat Obama große Summen gespendet und ihm einen äußerst günstigen Grundstückskauf ermöglicht.

McCain zur Offensive gezwungen

Die politischen Schwächen Obamas sollen offenbar nur eine geringe Rolle spielen - schließlich verfügt Obama über keinerlei Erfahrung in Regierungs- oder Amtsgeschäften. Der junge Jurist hat seine politischen Positionen desöfteren gewechselt - und kaum eine Initiative im Senat oder in seinem Heimatstaat Illinois verbindet sich mit seinem Namen.

Nun könnte McCain vor vielen Millionen Zuschauern wieder etwas Boden gut machen, zumal die Fernsehdebatte als eine Art Bürgerversammlung stattfindet - was McCain besonders liegt. Die Strategien sind klar: Der Republikaner ist zur Offensive gezwungen - Obama muss lediglich Patzer vermeiden. McCain wird in jedem Fall alles versuchen, die drohende Niederlage abzuwenden.

DPA / DPA