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Very British: Offiziell unverdächtig

Beinahe 500 Tage nach dem Verschwinden der kleinen Madeleine McCann gelten ihre Eltern nicht mehr offiziell als Verdächtige. Doch die Einschätzung der Polizei teilen viele nicht: In Internetforen gibt es wilde Schuldzuweisungen und ganze Verschwörungstheorien über die Schuld der McCanns.

Von Cornelia Fuchs, London

447 Tage nach dem Verschwinden von Madeleine McCann hat die portugiesische Polizei die Ermittlungen eingestellt. Die Eltern werden nicht mehr als "arguidos" oder Verdächtige geführt. Und es wird nun auch offiziell bestätigt, was seit Monaten zu erahnen war inmitten der Gerüchte, der Dementi und der anonymen Stellungnahmen im Falle Maddie: Was mit dem kleinen Mädchen geschah, weiß niemand. Auch, wenn es viele zu wissen glauben.

Die McCanns sind nun offiziell unschuldig. Und wurden doch schon längst schuldig gesprochen. Das Tribunal wird vor allem im Internet gehalten, auf Diskussions-Seiten wie the3arguidos.net. In der Welt des 3arguidos-Forums sind die McCanns schon seit Monaten überführt, werden Verschwörungstheorien gewälzt über ihre Medienmanipulation-Strategien, über Absprachen mit der Regierung, mit dem europäischen Parlament. Jedes Wort jedes einzelnen Zeugen wird gewendet und gedeutet und wieder gewendet, jede Fernsehminute über und mit den McCanns analysiert, in Standbilder zerlegt und diskutiert.

Im Internet streiten McCann-Gegner und -Befürworter

Seit Monaten streiten sich wie auf dieser Internetseite auch in Leserbrief-Ecken, bei Debatten und Dinner-Einladungen die Lager der McCann-Gegner und McCann-Unterstützer. Bei einer Podiums-Diskussion über die Medienberichterstattung im Fall McCann brüllten McCann-Gegner alle Menschen nieder, die nicht ohne Vorbehalte in die Forderung einstimmen wollten, die McCanns müssten wegen Kindesmisshandlung auch in England angeklagt werden.

Der Sun-Kolumnist Kelvin MacKenzie, bekannt für seine kompromisslose Schreib- und Sichtweise, gab zu, dass das Bombardement von zehntausend Emails seiner Leser sogar ihn zum Nachdenken gebracht hätten - sie alle verdammten ihn für seine zu nachsichtige Behandlung vor allem von Kate McCann. Sie alle schütteten eine unglaubliche Menge an Geifer und Galle aus über diese Eltern. Als sei es gar keine Frage, dass die McCanns nicht nur ihre Kinder allein gelassen hatten in dem Ferienappartement. Sondern, dass sie auch persönlich beteiligt waren am Verschwinden und möglichen Tod ihrer Tochter. Es wirkt manchmal, als wollten sich die Eiferer mit ihrem Hass auf Madeleines Eltern schützen vor dem Schicksal, das diese ereilt hat. Jeder selbstgerechte Hinweis auf die Fahrlässigkeit der McCanns ein Talisman gegen eigene Unzulänglichkeiten, jede Schuldzuweisung ein Fernhalten eines Risikos, die eigenen Kinder zu verlieren.

Die Sofa-Detektive sind sich sicher

Es ist erstaunlich, wie all diese Sofa-Detektive sich ihrer Sache so sicher sein können - in einem Fall, in dem anscheinend auch die Polizei in all den Monaten ihrer Ermittlung nie auch nur in die Nähe einer heißen Spur gekommen zu sein scheint. In dem vorläufigen Abschlussbericht der Ermittlungen, der auch stern.de vorliegt, wird deutlich, dass die 14 Monate seit dem Verschwinden von Madeleine McCann neben vielen, vielen Stunden aufwändiger und am Ende sinnloser Polizeiarbeit vom Durchsuchen von über 440 Häusern bis zum Überprüfen tausender falscher Hinweise vor allem aus einem bestand: Missverständnissen.

Da waren die berühmten DNA-Proben, die angeblich von Madeleine stammten und unter anderem im Mietauto der Familie gefunden wurden. Tatsächlich hatte das forensische Labor in Birmingham in einem ersten Bericht diese Proben Madeleine zugeschrieben. Erst ein zweiter Bericht relativierte diese Angaben und führte aus, dass die DNA auch von den Geschwistern oder sogar von der Mutter stammen könne. Da hatte die portugiesische Polizei aber die Eltern schon längst als Verdächtige vernommen. Aus England ist nun zu hören, dass dies kein Fehler des Labors sei, sondern ein Interpretations-Fehler der portugiesischen Beamten, die diese Ermittlungsergebnisse auswerteten. Aus Portugal heißt es, das Labor habe seine Angaben erst auf Nachfragen korrigiert.

Portugiesische und britische Polizei streiten

Zu "arguidos" wurden die McCanns vor allem, weil ein englischer Blut- und ein Leichenhund an mehreren Stellen im Ferienappartement, am Mietauto und an Kleidungsstücken von Kate und Madeleine McCann angeschlagen hatten. Sie haben damals die McCanns auch aufgrund "des geringsten Hinweises" auf einen Kontakt mit einer Leiche zu Verdächtigen erklären müssen, schreiben die Ermittlungsbeamten. Ohne eindeutige DNA-Spuren wertet die Polizei diesen "geringsten Hinweis" heute nicht mehr als eindeutigen Beweis gegen die Eltern - eine Erkenntnis, zu der, so die britische Polizei, die Portugiesen schon früher hätten kommen können. Was diese bestreiten.

57 Seiten ist der Abschlussbericht lang und am Ende ist nur eines sicher: Es gibt keinerlei verwertbare Hinweise, wo Madeleine McCann geblieben ist, wer sie hat verschwinden lassen und noch viel weniger, warum sie verschwunden ist. Gerry und Kate McCann sagen, sie wollen weiter nach ihrer Tochter suchen.