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Viktor Janukowitsch: Der Sieg des Zwei-Meter-Mannes

Der Verlierer der Orangenen Revolution von 2004, Viktor Janukowitsch, ist bei den Wahlen in der Ukraine als Sieger hervorgegangen.

Gerne erzählt der 59-jährige Viktor Janukowitsch, wie er als Kind barfuß durch die Straßen lief und von seiner Großmutter in bitterarmen Verhältnissen aufgezogen wurde. Seitdem ist viel geschehen, bis die politische Laufbahn des Zwei-Meter-Mannes am Wochenende ihre Krönung fand: die Wahl Janukowitschs an die Spitze des ukrainischen Staates. Im Jahr 2004 wähnte er sich schon einmal am Ziel. Doch dann brach die Orangene Revolution los, Zehntausende zogen durch Kiew, das Wahlergebnis wurde vom Verfassungsgericht kassiert - und Janukowitschs Rivale Viktor Juschtschenko zog in den Präsidentenpalast. Nun liegt die Orangene Revolution in Trümmern und Janukowitsch kann triumphieren.

Ein großer Teil des seit Jahren währenden Machtkampfs in der Ukraine erklärt sich aus den Gräben zwischen Ost und West, zwischen pro-russisch und pro-westlich. In diesem Kampf steht Janukowitsch eindeutig für die Revanche der pro-russischen Kreise im industriellen Osten des Landes. Am 9. Juli 1950 wurde er nahe Donezk geboren, seinen allmählichen Aufstieg absolvierte er im Osten. Aus den Niederlagen während der Orangenen Revolution hat die Frühwaise Janukowitsch zwar die Lehre gezogen, dass er nicht eindeutig auf die russische Karte setzen darf. Dennoch sagt sein Gefolgsmann Anatoli Blisniuk, der Präsident des Regionalparlaments von Donezk, auch heute noch: "Russland - das sind unsere Brüder, wir müssen an den Prinzipien der guten Nachbarschaft festhalten."

Janukowitsch hat viele Umwege gemacht, bevor er in Kiew an die Macht gelangte. Am peinlichsten sind ihm offenbar seine gewalttätigen Anfänge. Ende der 1960er Jahre wurde er wegen Diebstahls und eines Raubüberfalls zweimal verurteilt und inhaftiert. Aber Ende 1978 ließ er diese Jugendsünden aus dem Strafregister löschen. Zwei Jahrzehnte arbeitete er als Transport-Manager in Donezk, erst Anfang der 90er Jahre ging er in die Politik, 1997 wurde er Gouverneur der Region Donezk. Wer an diese Region denkt, denkt an Fabrikschlote und Schlackehalden, vielleicht auch an zwei andere Politiker, die ebenfalls aus dem Osten der Ukraine stammten - die früheren Sowjetführer Nikita Kruschtschow und Leonid Breschnjew.

Bei aller Hartnäckigkeit, die er selbst aufbrachte, war Janukowitsch auf Förderer angewiesen. Da ist zum einen der Geschäftsmann Rinat Achmetow, der den Fußballverein Schachtar Donezk besitzt. "Achmetow brauchte damals zuverlässige Leute, um seine Unternehmen entwickeln zu können", sagt der Online-Journalist Sergi Garmach aus Donezk. "Er hat dafür gesorgt, dass Janukowitsch Gouverneur wurde." Die Zusammenarbeit hat sich für beide Seiten ausgezahlt, Achmetow ist heute der reichste Mann der Ukraine. Zweiter namhafter Förderer des Mannes aus dem Donezk-Becken ist der frühere Präsident Leonid Kutschma, der Janukowitsch 2002 als Ministerpräsidenten einsetzte und 2004 am liebsten als Nachfolger gesehen hätte.

Janukowitsch hat seit der Orangenen Revolution in mancher Hinsicht dazugelernt. Im Parlaments-Wahlkampf 2006 kopierte er die Methoden seiner Gegner. Janukowitsch engagierte US-Kampagnenexperten und zog begleitet von Rockbands durch seine Hochburgen. Auch bemüht sich Janukowitsch um eine Sprache der Versöhnung. "Wir müssen in der Politik und in unserem Land nicht nach Feinden suchen", sagte er am Montag, dem Tag der Siegesfeiern. "Wir müssen uns zusammenschließen und Feinde wie Armut, Verantwortungslosigkeit und Korruption bekämpfen." Was Janukowitsch allerdings wohl nicht mehr lernen wird, ist eine geschliffene Rhetorik. Weder auf Russisch noch auf Ukrainisch versteht Janukowitsch es, die Menschen sprachlich mitzureißen. Und auch echte Schnitzer sind ihm nicht fremd. So verbuchte er den russischen Dramatiker Anton Tschechow kürzlich schlicht als ukrainischen Dichter.

Alexander Osipovich, AFP / AFP