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Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung": Schweizer stimmen über Zuwanderung ab

Sonntag findet in der Schweiz eine Volksabstimmung "Gegen Masseneinwanderung" statt. Wenn die Initiative Erfolg hat, gäbe es wieder Zuwanderungsgrenzen - auch für EU-Nachbarstaaten wie Deutschland.

Ein Missverständnis ist Wilhelm Weber gleich am Anfang passiert: Ein Schweizer Bekannter will sich mit ihm zu einem Arbeitsfrühstück in einem Café treffen - um sieben Uhr früh. "Ich habe das für einen Scherz gehalten und ihm eine SMS geschrieben: "Alles klar"", erzählt der Baden-Württemberger, der sich vor einigen Jahren mit einem Unternehmen in Luzern selbstständig gemacht hat. Am nächsten Tag rief ihn der Bekannte an und fragte, wo er bleibe. "Er meinte das ernst. Die Schweizer sind Frühaufsteher."

Weber ist einer von rund 300.000 Deutschen, die in der Schweiz leben und arbeiten. 20.826 Menschen kamen allein 2012 aus der Bundesrepublik in die Eidgenossenschaft - damit bleibt die Schweiz nach den USA das beliebteste Auswanderungsland der Deutschen. Der größte Anteil kam laut Statistischem Bundesamt aus Baden-Württemberg (6588), gefolgt von Bayern (3038) und Nordrhein-Westfalen (2618). Doch nicht alle Schweizer sind davon begeistert: Die national-konservative Schweizerische Volkspartei (SVP) warnt vor einer "Massenzuwanderung" aus Deutschland und anderen Ländern. An diesem Sonntag stimmen die Schweizer über die Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung" ab.

Zahl der Deutschen hat sich verdoppelt

Sollte die SVP damit erfolgreich sein, müsste die Schweiz in Brüssel auf Änderung des 1999 unterzeichneten Abkommens über Personenfreizügigkeit dringen und wieder Obergrenzen für die Zuwanderung auch aus der EU festlegen. "Ich drücke die Daumen, dass alle mit Nein stimmen", sagt Weber. "Die Schweiz ist angewiesen auf Einwanderer." Er selbst ist 1997 vom Bodensee in die Schweiz gezogen, 2010 gründete er sein Unternehmen "Swiss Hospitality Solutions", das unter anderem Hotels berät.

Die Entscheidung, sich in der Schweiz selbstständig zu machen, habe er bewusst getroffen: "Die Rahmenbedingungen sind deutlich besser als in Deutschland", sagt der 36-Jährige. Weniger Bürokratie, niedrigere Steuern. "Und wir hatten gleich zu Beginn das Gefühl: Die wollen uns haben."

Die Zahl der Deutschen in der Schweiz ist in den vergangenen Jahren massiv angestiegen, wie Roland Scherer vom Institut für Systemisches Management und Public Governance an der Universität St. Gallen berichtet. "Von 2002 bis 2012 ist sie um 125 Prozent gestiegen, hat sich also mehr als verdoppelt."

Belastungen für die Wirtschaft

Beschäftigt sind Deutsche in nahezu allen Wirtschaftsbereichen der Schweiz - von der Medizin bis hin zur Gastronomie. Zudem kämen viele Deutsche mit guten geisteswissenschaftlichen oder technischen Ausbildungen, sagt der Geschäftsführer der Deutsch-Schweizer Handelskammer in Zürich, Ralf Bopp. Ihre Integration funktioniere "im Großen und Ganzen" gut. Allerdings dürfe man nicht denken, die Schweiz sei ein 17. Bundesland. "Dann ist die Gefahr groß, dass man Schwierigkeiten bei der Integration hat."

Er hoffe, dass die SVP-Initiative nicht angenommen werde, sagt Bopp. Denn die Schweiz suche auf wirtschaftlicher Ebene die Integration in den europäischen Binnenmarkt - vor allem über bilaterale Verträge. Dabei sei die Personenfreizügigkeit ein wichtiger Punkt. Sollte die Mehrzahl der Schweizer mit "Ja" stimmen, bestehe die Gefahr, dass diese Verträge gekündigt würden. "Das hätte erhebliche administrative Belastungen für die Wirtschaft zur Folge."

Der Schweizer liebt den "Düütschen" nicht

Schweizer Wirtschaftsverbände warnen ebenfalls vor einer Zustimmung. "Der Erhalt der Personenfreizügigkeit mit der EU und die Möglichkeit, Experten aus aller Welt in die Schweiz zu holen, sind absolut zentrale Voraussetzungen, damit die Schweiz in Forschung und Entwicklung international an der Spitze bleibt", sagte der Präsident der Branchenorganisation der chemischen und pharmazeutischen Industrie, Christoph Mäder, kürzlich der Schweizer Boulevardzeitung "Blick". Von den rund 65.000 Beschäftigten der Branche seien 45 Prozent EU-Bürger.

Wilhelm Weber hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Der Schweizer liebt den "Düütschen" sicher nicht. Aber es ist auch nicht so, dass man angefeindet wird. Es gibt die üblichen Frotzeleien, aber das ist ok." Das Land habe eben seine Eigenheiten. "Aber nicht mehr, als Deutschland auch." Beispielsweise gebe es in jedem Ort einen Recyclinghof. "Da fährt der Schweizer gerne am Samstag hin. Und dann stauen sich die Autos, während die Leute mit kleinen Tragetäschchen Glas sortieren." Am Anfang habe er darüber gelacht, sagt Weber. "Bis ich festgestellt habe: Man trifft sich dort. Da reiht man sich eben ein und sortiert mit."

Von Kathrin Streckenbach, DPA / DPA