Vom Saulus zum Paulus Gianfranco Fini, Berlusconis Widersacher


Ein offenes Zerwürfnis zwischen Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi und seinem früheren Verbündeten, Parlamentspräsident Gianfranco Fini, hat die Regierung des Landes vor eine Zerreißrobe gestellt. Wer ist Gianfranco Fini, dieser Mann, den Berlusconi am liebsten aus seiner Partei werfen würde? Ein Portrait seiner wechselhaften politischen Karriere.

Spätestens Anfang Dezember 2009 hat auch die Öffentlichkeit von Gianfranco Finis Unmut über den italienischen Regierungschef und dessen Führungsstil erfahren. Ein vergessenes, aber eingeschaltetes Mikrofon bei einer Versammlung zeichnete auf, wie er Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Gespräch mit einem Vertrauten "absolutistische" Züge bescheinigte. Was damals noch nach einem lockeren Gespräch klang, schaukelte sich in den nachfolgenden Monaten zu einem offenen Disput zwischen Fini und Berlusconi hoch. Am Donnerstag eskalierte der Streit: Berlusconi forderte seinen einstigen Verbündeten auf, seinen Posten als Parlamentspräsident zu räumen.

Fini sagte damals im leisen Gespräch mit einem Staatsanwalt, Berlusconi leite aus seiner Regierungsvollmacht eine Art "Immunität gegenüber allen Kontrollorganen ab" und meinte damit etwa die Justiz und das Parlament. Doch Berlusconis hitziger Führungsstil ist nur ein Punkt auf der langen Liste von Differenzen, die die seit Mitte der 90er Jahre verbündeten Politiker zunehmend entzweiten. So forderte Fini wiederholt mehr Offenheit und Kritikfähigkeit innerhalb der Regierungspartei PDL (Volk der Freiheit) und mahnte vor allem an, die Belange des Südens stärker zu berücksichtigen. Auch die mit Berlusconi verbündete fremdenfeindliche Lega Nord war ein Dauerstreitpunkt - Fini warf Berlusconi vor, sich zu stark von ihr beeinflussen zu lassen.

Dabei hat Fini selbst ganz persönliche Erfahrungen mit den Themen Absolutismus und Rechtsradikalismus. Der 1953 im norditalienischen Bologna geborene BerlusconisPolitiker, studierter Psychologe und Journalist, löste sich selbst erst vor rund 15 Jahren vom Post-Faschismus. Fini war Chef der früheren Partei Nationale Allianz (AN). Die rechtskonservative AN war Mitte der 90er Jahre aus der postfaschistischen Italienischen Sozialbewegung (MSI) hervorgegangen, der Fini schon im Alter von 17 Jahren beitrat. Mit der Umbenennung in AN und dem Zusammenschluss mit Politikern vom rechten Flügel der früheren Christdemokraten wollte Fini das rechtsradikale Image loswerden. Im März 2009 löste sich die AN auf, um sich Berlusconis Partei anzuschließen.

Noch 1992 hatte Fini den faschistischen Diktator Mussolini als "größten Staatsmann des 20. Jahrhunderts" bezeichnet - gut zehn Jahre später wollte er nichts mehr davon wissen. Als er 2003 Israel besuchte, brandmarkte er den Faschismus als das "Böse schlechthin" und bezeichnete Mussolinis Republik als "schmachvolle Ära in der Geschichte Italiens".

Fini selbst, stets korrekt gekleidet und um ein ruhiges und souveränes Auftreten bemüht, mauserte sich im Laufe der Jahre zudem zu einem Verfechter der europäischen Idee und zum erklärten Verteidiger der Verfassung. Erst kürzlich forderte er mehr Moral in der Politik - angesichts zahlreicher Korruptionsaffären, in die auch Vertraute des Regierungschefs verstrickt waren. Mit seiner Aussage, alle Politiker, die von der Justiz verfolgt würden, müssten ihren Posten räumen, sorgte der 58-Jährige zusätzlich für Aufregung. Fini ist seit 1983 Abgeordneter, zwischen 2004 und 2006 war er Außenminister.

Nach jahrelanger enger Verbundenheit zwischen Berlusconi und Fini gerieten die beiden Politiker im April 2010 schließlich in offenen Streit und lieferten sich auf einer Veranstaltung heftige Wortgefechte. Auslöser waren angebliche Pläne Finis, seinen eigenen Parteiflügel zu gründen. "Ein Parlamentspräsident darf keine politischen Erklärungen abgeben", sagte Berlusconi damals. Auf Berlusconis Aufforderung vom Donnerstag, er möge zurücktreten, fiel Fini aber auch ein Merkmal seines Postens ein: Der Job des Präsidenten der Abgeordnetenkammer stehe Berlusconi "nicht auf Abruf zur Verfügung".

AFP AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker