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Flüchtlinge in Mittelamerika: Ihre Kinder verschwanden. Darum zogen sie los. Der stern hat sich unter die Migranten-"Karawane" gemischt

Zu Abertausenden ziehen Menschen aus Mittelamerika Richtung USA, vertrieben von Gewalt und Elend. Neben großen Trecks sind viele kleine unterwegs. Der stern hat einen davon begleitet: Mütter auf der Suche nach ihren Kindern.

Von Mittelamerika in die USA – der stern hat die Karawane begleitet

Eine Flüchtlingsgruppe aus dem mittelamerikanischen Honduras hat es bis in die Stadt Mexicali geschafft, im Norden Mexikos und nicht weit von der US-Grenze. Die verbissene Entschlossenheit der Migranten und ihre ständig wachsende Zahl lässt auch die Feindseligkeit der Mexikaner wachsen. Angela Orellana (l.) steht am Grab ihrer Tochter Karen, die 1999 umkam.

Pilar Escobar erinnert sich gut an den Tag, an dem ihre Tochter Olga verschwand. Es war ein nebliger Morgen im Oktober, der Kühlschrank war leer, und im Schlafzimmer brüllte einer von Olgas zweijährigen Zwillingen, die noch die Brust bekamen.

Olga, 28, sagte, sie gehe wie üblich zur Arbeit, in die "Maquila", eine dieser Großfabriken, in denen Honduraner Elektrogeräte für US-Unternehmen produzieren – zu einem Stundenlohn von 65 Cents. Genug, um nicht zu verhungern, aber zu wenig für ein Leben mit fünf Kindern und Mutter.

Mittelamerika flüchtet vor Mord

Die Aussichtslosigkeit war ein Grund für Olgas Flucht nach Amerika – genauso wie für Tausende Flüchtlinge der Karawane, die gerade in der mexikanischen Großstadt Tijuana an der Grenze zu den USA ankommt.

Was Olga ihrer Mutter nicht sagte: Ein Gangmitglied aus ihrem Viertel hatte am Vortag angekündigt, sie zu töten, weil sie Zeugin eines Raubüberfalls geworden war.

Das war ein weiterer Grund ihrer Flucht – und der Hunderttausender verzweifelter Mittelamerikaner: die mörderische Gewalt in ihren Heimatländern.

Pilar Escobar vermisst ihre Tochter Olga, die sich bereits 2009 aus Honduras aufgemacht hatte

Pilar Escobar vermisst ihre Tochter Olga, die sich bereits 2009 aus Honduras aufgemacht hatte

Olgas Mutter Pilar steht am Herd ihrer baufälligen Steinhütte am Rand von El Progreso, der fünftgrößten Stadt von Honduras. Ihr Viertel Colonia Carlos Roberto Reina, ein Erdhügel aus leichten Behausungen und engen Gassen, ist so etwas wie das Ground Zero der Flucht. Hier kommen viele der 500.000 Flüchtlinge her, die sich jedes Jahr Richtung USA aufmachen. Nur etwas mehr als die Hälfte schafft es bis zur Grenze.

Pilar ist eine sehnige, schon altersschwache Frau, 61, die ein Zimmer mit ihren fünf Enkeln teilt, Olgas Kindern. "Seit ihrem Verschwinden bin ich Oma, Opa, Mutter, Vater in einem", sagt Pilar. "Und Aufpasserin. Meine Enkel lasse ich nicht raus, das ist zu gefährlich."

Monatelange Asylverfahren

Wie zum Beweis patrouillieren vor ihrer Tür Mitglieder der Gang MS-13, die den Besuch von Fremden im Viertel genau überwachen. Pilar blickt kurz ängstlich auf, backt auf einer Grillplatte aber weiter Tortillas, die sie gemeinsam mit ihren Enkeln verkauft. "Von den wenigen Einnahmen – 200 Dollar im Monat – muss ich noch 50 als Schutzgelder an die Banden abgeben", sagt sie verbittert. Es ist das Geschäftsmodell der organisierten Kriminalität in Honduras: nicht die wenigen Reichen ausnehmen, sondern die vielen Armen.

Es ist zugleich der dritte Grund für die Flucht der Menschen. Sie sind eben nicht Kriminelle, wie Donald Trump behauptet. Sie fliehen vor den Kriminellen.

In einer Notunterkunft im mexikanischen Guadalajara befragen sie geflüchtete Landsleute

In einer Notunterkunft im mexikanischen Guadalajara befragen sie geflüchtete Landsleute

Nach dem Backen macht sich Pilar Escobar auf den Weg ins Zentrum zur Organisation Cofamipro – Komitee der Familien verschwundener Migranten. Sie trifft dort auf andere Mütter, die ein ähnliches Schicksal erleiden. Da ist Leticia Martínez, 60, deren Tochter Merza schon vor 14 Jahren auf dem Weg in die USA entführt wurde. Und Angela Arande, deren Tochter Hilda ebenfalls auf der Flucht verschwand.

Solche Schicksale sind der Hauptgrund, warum Flüchtlinge derzeit zusammen unterwegs sind – im Schutz einer großen Gruppe, einer Karawane.

Die Nachrichten von den Karawanen machen den Müttern Mut. Die Flüchtlinge, von denen sie einige kennen, haben offenbar ohne große Zwischenfälle die Grenze erreicht. Nun brauchen sie Geduld, um das monatelange Asylverfahren durchzustehen.

Stille

Ihre eigenen Töchter hatten das Glück nicht. Drei Wochen nach Olgas Aufbruch im Oktober 2009 erhielt Pilar einen Anruf: "Mama, ich bin in Tapachula, im Süden Mexikos. Ich musste gehen, die Gang wollte mich töten. Ich konnte dir nichts sagen, um dich nicht zu gefährden. Ich arbeite hier, um die Flucht in die USA zu bezahlen. Ich schicke euch Geld."

"Das war ihr letzter Anruf", erzählt Pilar. "Zwei Monate lang schickte sie Geld. Danach: Stille."

Auch Leticia Martínez erhielt noch eine Nachricht ihrer Tochter Merza, aber sie war noch rätselhafter: "Mama, ich bin in Veracruz, Mexiko. Los Zetas haben mich." – "Ich wusste nicht mal, was die Zetas sind", sagt Leticia. "Erst da fand ich heraus: ein Drogenkartell, das zudem Flüchtlinge zur Prostitution zwingt."

Rosa Nelly Santos leitet in der Stadt El Progreso die Organisation Cofamipro, das Komitee der Familien verschwundener Migranten

Rosa Nelly Santos leitet in der Stadt El Progreso die Organisation Cofamipro, das Komitee der Familien verschwundener Migranten

Auch Angela Arande erfuhr etwas von ihrer Tochter Hilda, jedoch ebenso kryptisch: "Ich bin im Gefängnis, Mama. Sie halten mich für eine Schwerverbrecherin."

Die Mütter fanden heraus, dass viele Migranten auf mysteriöse Weise verschwinden, 580 allein aus dem Großraum El Progreso. Insgesamt sind seit 2006 zwischen 70.000 und 120.000 verschwunden. Sie erfuhren zudem, dass es keine Hilfe von Konsulaten oder der Polizei gibt, dass sie nur eine Chance haben: Sie müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Zwangsprostitution

So beschlossen sie: Wir bilden eine eigene Karawane, um gemeinsam unsere Kinder zu suchen. In der Gruppe sind wir stärker und sicher. Sie trieben Spenden auf, charterten einen Bus und gaben der Suche einen Namen: Karawane der Hoffnung. 4000 Kilometer durch Mexiko. Zehn Bundesstaaten. 22 Städte. 38 Mütter und zwölf Väter. Und eine große Frage: Wie finden wir im Narco-Staat Mexiko unsere verschwundenen Kinder?

Es ist ein sonniger Tag im November, als die Mütter Mexico City erreichen. Die Hauptstadt erschlägt sie, 2250 Meter Höhe, 20 Millionen Einwohner. Sie ist zu gewaltig, als dass sie ihre Kinder finden könnten; zu verwirrend das Labyrinth der Gassen, zu endlos die Möglichkeiten. Dennoch binden sie sich Plakate um den Körper. Sie verteilen Handzettel mit Fotos und Namen ihrer Kinder. Sie klappern Flüchtlingsunterkünfte ab.

Leticia Martínez hat vom Roten Kreuz erfahren, dass ihre Tochter Merza unter dem Namen Sofia im Rotlichtviertel La Merced womöglich als Zwangsprostituierte arbeitet. Die Zetas hätten ein Z in ihre Haut geritzt – als Kennzeichen, dass sie ihnen gehöre. Es ist das Schicksal vieler weiblicher Flüchtlinge: vergewaltigt von Banden und Polizisten, gehalten als Sexarbeiterinnen in Bordellen und Kellern.

María Inés hält ein Bild, das sie und ihren Sohn René zeigt. Er floh 2013 aus El Salvador.

María Inés hält ein Bild, das sie und ihren Sohn René zeigt. Er floh 2013 aus El Salvador.

"Ich kann es mir nicht vorstellen", sagt Leticia. "Merza war ein so gutes Mädchen, immer hilfsbereit, sie arbeitete in einer Nähfabrik und teilte das Gehalt mit mir. Sie wollte, dass es uns besser geht, deshalb die Flucht. Ich stimmte zu und wollte derweil ihre drei Kinder großziehen."

Ins Rotlichtviertel begleitet das Rote Kreuz Leticia nicht – zu gefährlich. La Merced, so findet sie heraus, ist ein Gewühl aus Marktständen und Bars, mit Prostituierten aller Klassen und jedes Alters, wie auf einem Viehmarkt, kontrolliert von Gangs und korrupten Polizisten. "Ich werde sie an den Augen erkennen", sagt Leticia. "Jede Mutter erkennt ihre Tochter."

Von Polizisten gefoltert

Doch in die Bordelle wird sie nicht reingelassen, die Zuhälter sind feindselig. Sie muss sich schnell eingestehen: "Es ist ein Lebenswerk, sie zu finden. Aber ich werde weitersuchen. Ich brauche die Wahrheit. Auch wenn sie tot sein sollte – ich muss Ruhe finden."

Würden Sie die Flucht noch mal zulassen?, fragen wir.

"Nein, lieber Hunger und die bekannten Gefahren in Honduras als die unbekannten Gefahren unterwegs."

Nach 1600 Kilometern erreicht die Karawane per Bus Zacatecas, nördlich von Mexico City. Die Mütter steuern jeden Ort gemeinsam an. Eine für alle, alle für eine, ist ihr Motto. In Zacatecas, so haben sie erfahren, soll eine Hilda aus Honduras im Gefängnis sitzen. Ihre Mutter Angela Arande bekommt eine Stunde mit der mutmaßlichen Tochter. Und tatsächlich ist es ihre Hilda. Kaum wiederzuerkennen, ausgezehrt und blass, aber sie lebt. Beide weinen lange vor Erleichterung und Angst. "Ich wurde bei einer Razzia entführt und von Polizisten gefoltert", erzählt Hilda ihrer Mutter. "Sie hielten mich für eine Bandenführerin, die angeblich Drogen und Menschen schmuggelt. Bis zum Gerichtsprozess kann es noch Jahre hin sein."

Angela Orellana am Grab ihrer Tochter Karen, die 1999 umkam

Angela Orellana am Grab ihrer Tochter Karen, die 1999 umkam

Solche falschen Beschuldigungen sind eine häufig angewandte Methode der mexikanischen Polizei, um die Erfolgsstatistik aufzubessern und die tatsächlichen Verbrecher zu schützen. Dafür eignet sich nichts besser als arme Migranten.

Sexsklaven und Drogenschmuggler

Als Angela das Gefängnis verlässt, nehmen die anderen Mütter sie in die Arme. Wenigstens eine ihrer Töchter ist am Leben. Eine gute Nachricht inmitten der Tragödien.

In der Karawane halten die Frauen zusammen. Sie übernachten gemeinsam in Flüchtlingslagern und Jugendherbergen. Sie suchen in Rotlichtvierteln und Gefängnissen. "Wir sind inzwischen mehr Familie als unsere eigenen Familien", sagt Leticia.

Zwischendurch gibt es immer mal wieder weitere gute Nachrichten. Clementina Murcia findet in Guadalajara ihren Sohn Mauro, der sich aus Scham nicht gemeldet hatte, weil er kein Geld schicken konnte. Ihr älterer Sohn Jorge aber bleibt verschollen. María Inés García aus El Salvador entdeckt ihren Sohn im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano. Er wurde von einem Drogenkartell gezwungen, als Schmuggler zu arbeiten, eine ebenfalls weitverbreitete Methode.

Clementina Murcia vermisst ihre beiden Söhne, einen schon seit 1987

Clementina Murcia vermisst ihre beiden Söhne, einen schon seit 1987

Eine Fluchtgeschichte erscheint furchtbarer als die andere. Mexiko ist für die Migranten wie ein tückisches Meer, eine Gegend unendlicher Gefahren, die zu bewältigen nur eine Gruppe vermag. Flüchtlinge aus Zentralamerika bilden hier die Unterklasse der Unterklasse. Selbst in ihrer schutzlosen Armut sind sie für das organisierte Verbrechen von Nutzen – als Sexsklaven und Drogenschmuggler, als Rohstoff Mensch.

Übertroffen wird dies in seiner Perversion nur von dem menschenverachtenden US-Präsidenten, der diese Opfer zu "Verbrechern" deklariert, zu "Terroristen" und – in einem Ansatz faschistoider Terminologie – "menschlichem Abschaum", um mit dieser Lüge Wahlen zu gewinnen.

Verschwunden seit 2009

Gegen Ende der Karawane nach drei Wochen erreichen die Mütter wieder den Bundesstaat Chiapas im Süden Mexikos. Pilar hat Hinweise darauf bekommen, dass ihre Tochter Olga noch am Leben sei. Überall in den Städten hängt sie Handzettel und Plakate auf. "Gesucht: Olga Edelmira Romero Medina, 35, verschwunden seit 2009." Bis eine Frau sagt: "Ich kenne die. Sie lebt mit einem Salvadorianer in meiner Straße in Tuxtla."

Um zwölf Uhr mittags arrangieren sie eine Begegnung in einem Hotel im Zentrum. Alle Mütter sind dabei. Die Sonne brennt, aus Lautsprechern erklingt Salsa; es hat etwas von Showdown. Da taucht Olga mit zwei Kindern und einem Mann auf, den sie als ihren Partner vorstellt. Mutter und Tochter fallen sich weinend in die Arme. Endlich, so scheint es, ein Happy End.

Sie hat sich verändert, stellt Pilar fest, schnell gealtert, runder, das Gesicht geschwollen, aber es ist ihre Olga.

Über ein eigenes Radioprogramm halten die Mütter Kontakt

Über ein eigenes Radioprogramm halten die Mütter Kontakt

"Ich habe zwei weitere Kinder", sagt Olga, "und schau – ich bin wieder schwanger. Schon im sechsten Monat."

"Warum hast du dich nie gemeldet?", fragt Pilar.

"Ich hatte alle Nummern verloren."

"Ich habe überall in El Progreso nach dir gesucht, im Leichenschauhaus, im Krankenhaus, auf Müllhalden. Es heißt, dass Narcos ihre Opfer verbrennen."

"Es tut mir leid." Olga weint bitterlich. "Wie geht es den Kindern?", fragt sie schuldbewusst.

Sklavische Ehe

Pilar erzählt, dass die Zwillinge elf sind und der Älteste, Oscar, es auch nach Amerika versucht hat, aber scheiterte.

Olga weint nun ohne Unterbrechung.

"Hauptsache, es geht dir gut", sagt Pilar. Aber es geht ihr nicht gut. Der Mann an ihrer Seite agiert wie ein Aufpasser. Nach einer Stunde befiehlt er barsch, aufzubrechen. In einem stillen Moment auf dem Flur sagt Olgas kleiner Sohn: "Er schlägt Mama. Sie weint ständig."

Olga erwidert: "Lüg nicht." Dann muss sie gehen.

Pilar bleibt traurig zurück. Erschöpft lässt sie sich in ein Sofa fallen. Sie sagt: "Ich habe gleich gemerkt, dass sie nicht freiwillig mit dem Kerl zusammenlebt."

Weitere Recherchen der Mütter ergeben: Der Mann setzt sie unter Drogen und lässt sie anschaffen. Es handelt sich um eine "matrimonio servil" – eine sklavische Ehe –, nichts anderes als Zwangsprostitution. Die Opfer sind vor allem Flüchtlinge. Sie sind Sklavinnen zu Hause und Prostituierte für das Einkommen.

Honduraner bei einer kleinen Demonstration im Zentrum der südmexikanischen Stadt Comitán   

Honduraner bei einer kleinen Demonstration im Zentrum der südmexikanischen Stadt Comitán   

"Wir wollen versuchen, ihn festnehmen zu lassen", sagt Pilar später. "Aber das ist Mexiko."

Seitdem hat sie nichts mehr von Olga gehört. Die Handynummer ist abgemeldet. In ihrem Haus in Tuxtla lebt sie nicht mehr.

Nach drei Wochen und 4000 Kilometern kehren die Mütter nach Hause zurück. Sie haben sich verändert. "Wir sind Kriegerinnen geworden", sagen sie selbst. Sie haben das Schicksal von sieben Kindern ermittelt. Aber keines konnten sie mit nach Hause bringen.

Zurück in El Progreso treffen sich die Mütter fast täglich in ihrem Büro im Zentrum. "Jeder Mensch ist ein Migrant", steht auf einem Schild am Eingang. Inzwischen umfasst ihre Gruppe 80 Frauen, zudem Psychologen und Anwälte. Rosa Nelly Santos, die Anführerin, hat eine eigene Radiosendung, in der sie die Fälle der Verschwundenen vorstellt. Sie selbst hat ihren Neffen nach vielen Jahren gefunden, in Tijuana, an der US-Grenze.

Endlose Plantagen von Ölpalmen

Die Mütter bereiten die nächste Karawane vor. Sie beugen sich über Landkarten, auf denen die Flüchtlingsrouten eingezeichnet sind und die Standorte der Massaker wie das in San Fernando, wo die Zetas 193 Menschen töteten.

In Guadalajara nehmen Forensiker DNA-Proben von Migranten, um sie abzugleichen mit den Überresten nicht identifizierter Leichen in Massengräbern

In Guadalajara nehmen Forensiker DNA-Proben von Migranten, um sie abzugleichen mit den Überresten nicht identifizierter Leichen in Massengräbern

Rosa Nelly erklärt gerade ihre Strategie, als sie einen Anruf erhält. Plötzlich schreit sie durch den Raum: "Eine Überlebende! Sie ist schon auf dem Heimweg. Es ist Hilda."

Am nächsten Morgen brechen zehn Mütter in zwei Autos auf Richtung Inland. Sie fahren durch schier endlose Plantagen von Ölpalmen, vorbei an Slums und verwaisten Fabriken. Nach zwei Stunden erreichen sie eine kleine Hütte aus Zementblöcken: das Zuhause von Hildas Mutter, Angela Arande.

Da sitzt sie tatsächlich: Hilda Riacelli, 33. Die erste Verschwundene, die wieder zu Hause ist. Eine Überlebende. Eine kleine schmale Frau mit langen schwarzen Haaren, der Körper ausgezehrt, benutzt von Hunderten Männern, wie sie später sagen wird. Auf der Schulter trägt sie die Tattoos ihrer drei Kinder Samir, Noelia und Samuel, heute 11, 13 und 16 Jahre alt.

"In dieser ersten Nacht haben meine Kinder und ich wie Schweinchen zusammen geschlafen", sagt Hilda als Erstes. "Eng aneinandergekuschelt."

Mauro, einen ihrer beiden so lange vermissten Söhne, hat Clementina Murcia mithilfe der Radiostation finden können. In Guadalajara feiern die beiden eine emotionales Wiedersehen.

Mauro, einen ihrer beiden so lange vermissten Söhne, hat Clementina Murcia mithilfe der Radiostation finden können. In Guadalajara feiern die beiden eine emotionales Wiedersehen.

Die Mütter setzen sich im Halbkreis um sie herum und blicken sie gebannt an. Hildas Überleben steigert ihre eigenen Hoffnungen. Sie haben traditionelles Essen mitgebracht und veranstalten ein kleines Festmahl.

"Dann tötet mich eben."

Hilda hockt sich auf eine Bank und erzählt ihre Geschichte. Sie sei vor sechs Jahren bei einer Razzia festgenommen und im Keller der mexikanischen Polizei 18 Stunden lang verhört worden. "Sie folterten mich, auch mit Waterboarding. Sie sagten: Wir töten dich, wenn du nicht zugibst, dass du die Komplizin des Kartellbosses bist. Ich sagte: Ihr müsst mich verwechseln. Dann tötet mich eben."

"Keine Hilfe vom Konsulat?", fragt eine Mutter.

"Nichts."

"Von der Justiz?"

"In Mexiko geht für uns Flüchtlinge genauso viel Gefahr von Polizei und Justiz aus wie von den Banden."

Die junge Keyli Sofia Mayorga hat ihr Baby auf der Flucht zur Welt gebracht

Die junge Keyli Sofia Mayorga hat ihr Baby auf der Flucht zur Welt gebracht

"Wie bist du freigekommen?"

"Das habe ich euch zu verdanken", sagt sie zu den Frauen. "Eure Karawane hat geholfen. Der Druck. Die Berichte. Für die Ermittlungsbehörden hatte ich wohl keinen Nutzen mehr."

Ihre Mutter Angela geht immer wieder ungläubig auf sie zu und umarmt sie. Ihr Vater, ein Bauer, steht abseits. Er erträgt die grausamen Details der Geschichte nicht.

Stolz

Später am Nachmittag wirft sich Hilda erschöpft auf ein Bett, um sich herum die Fotos ihrer Kindheit, die ihre Mutter ihr brachte.

Und jetzt? Erst mal ausruhen?, fragen wir sie.

"Nein. Ich habe mich im Knast genug ausgeruht. Ich habe viel gelesen. Den 'Don Quijote' etwa zwanzig Mal. Ich wäre gern Sancho Panza."

Da bricht sie zum ersten Mal zusammen. Sie weint in ihr Kissen. "Ich habe sechs Jahre nicht geweint", sagt sie. "Ich wollte mir meinen Stolz bewahren."

Pilar Escobar kann ihre Tochter Olga in die Arme schließen; ihre jahrelange Suche findet ihren Abschluss im mexikanischen Chiapas. Die Gewissheit, dass Olga lebt, ist für die Mutter eine ungeheure Erleichterung. Und dennoch hat sie ihr erwachsenes Kind verloren – an einen gewalttätigen Mann, der Olga zur Prostitution zwingt.

Pilar Escobar kann ihre Tochter Olga in die Arme schließen; ihre jahrelange Suche findet ihren Abschluss im mexikanischen Chiapas. Die Gewissheit, dass Olga lebt, ist für die Mutter eine ungeheure Erleichterung. Und dennoch hat sie ihr erwachsenes Kind verloren – an einen gewalttätigen Mann, der Olga zur Prostitution zwingt.

Was hast du jetzt vor?

"Ich muss dringend Geld verdienen für meine Kinder und Eltern. Dann will ich zurück nach Mexiko, um den Staat zu verklagen. Es gab nie einen Prozess. Sie haben mir sechs Jahre meines Lebens geraubt."

Mitte November sprechen wir sie am Telefon ein letztes Mal. Wie liefen die ersten Wochen?, fragen wir.

Keine Zukunft

Da sagt sie: "Ich ziehe los. In die USA. Aber diesmal in der Karawane. Ich habe die Berichte gesehen. Nichts wird mich aufhalten, auch nicht Donald Trump."

Lässt deine Mutter das zu?

Sie reicht das Handy weiter an ihre Mutter Angela, die nach kurzem Zögern sagt: "In der Karawane schon. Da ist sie sicher. Hier gibt es für uns keine Zukunft."

Die Reportage über die Karawane aus Mittelamerika ist dem aktuellen stern entnommen:

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