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Wahlen im Iran: Die Revolution hat schon gewonnen

Es ist ein Tag, der das Land, und vor allem die Hauptstadt Teheran, in einen Ausnahmezustand versetzt: der Tag der Präsidentenwahl. Noch nie zog es in der Islamischen Republik so viele Menschen an die Urnen. Ihr Gang dorthin wird begleitet von einer tiefen Sehnsucht - nach einem Wandel im Iran.

Von Steffen Gassel

"Die Grüne Welle: Mit der Hoffnung auf einen neuen Präsidenten, Mir-Hussein Mussawi" - die Freundin aus Teheran hat ihrer E-Mail von gestern Abend nur diese Betreffzeile vorausgestellt. Im Textfeld lässt sie Bilder sprechen. Es sind Fotos aus einer Stadt im Ausnahmezustand: Von tanzenden Menschen auf den Straßen, von jungen Frauen mit grünen Schleifen im Haar und Männern die sich grüne Farbe in ihre Ziegenbärte geschmiert haben. Einem Mullah weht unterm weißem Turban ein grüner Schal um den Hals. Ein Geschäftsmann in adrettem Anzug hat sich ein grünes Band an die Aktentasche geknotet, darunter klebt ein Zettel auf dem braunen Leder: "Hallo Ahmadinedschad. Meine Stimme geht an Mussawi."

Karneval in Teheran. Alle vier Jahre wieder geraten die Präsidentschaftswahlen im Iran zu einem Festival der Freizügigkeit in der sonst so sittenstrengen Islamischen Republik. Da rutschen die Kopftücher junger Frauen noch etwas weiter den Scheitel hinauf als sonst schon - und kein Tugendwächter schreitet ein. Da heizt die Jugend in den dicken Autos ihrer Eltern hupend und kreischend über die Boulevards der Hauptstadt - und kein Polizist hält sie auf. Das war auch schon beim letzten Mal vor vier Jahren so: Damals war der Kandidat der Jugend Mustafa Moin - ein glückloser, uncharismatischer Reformer, an dessen Namen sich heute kaum noch jemand erinnert.

Diesmal also dasselbe in Grün, der Farbe des Propheten, die Ahmadinedschads Herausforder Mir-Hussein Mussawi zu seinem Kennzeichen auserkoren hat?

Nicht ganz: Solche Menschenmassen wie in diesen Tagen hat kein Wahlkampf in der jüngeren Vergangenheit mobilisiert. Allein die Fernsehdebatte zwischen Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad und seinem Herausforderer haben 40 der 48 Millionen wahlberechtigten Iraner gesehen. Von solchen Einschaltquoten hätte selbst ein Barack Obama während der eigenen Kampagne nur träumen können. Unverkennbar ist auch, dass die Welle der Euphorie für den 68-Jährigen Mussawi getragen ist von der Sehnsucht nach einem Wandel im Iran: Hin zu mehr Freiheit im Inneren und zu einem Ausgleich mit dem Rest der Welt, vor allem mit Amerika.

Doch ganz gleich, welchem Kandidaten die meisten Iraner heute ihre Stimme geben: Veränderungen über Nacht sind nicht in Sicht, gerade im Verhältnis zum Westen. Das weiß keiner besser, als der Hoffnungsträger selbst. "Es gibt Dinge, auf die der Westen hoffen darf. Und es gibt Dinge, die zu erwarten, keinen Sinn macht." So sprach Mussawi in seiner unnachahmlich trockenen Art noch gestern Abend im Interview mit dem Fernsehsender al-Jazeera. Die Worte sollte man sich merken.

Bei allem Unterschied in Ton und Auftreten zwischen dem polternden Provokateur Ahmadinedschad und dem politischen Grandseigneur Mussawi: Gerade in der alles entscheidenden Atomfrage sind ihre Standpunkte nahezu deckungsgleich. Eine Einstellung der nuklearen Anreicherung ist für keinen der beiden akzeptabel, genauso wenig wie für die anderen, weniger aussichtsreichen Kandidaten im Rennen um die iranische Präsidentschaft, den ehemaligen Revolutionsgarden-Kommandeur Mohsen Rezai und den gemäßigten Geistlichen Mehdi Karrubi.

Auch aus einem anderen Grund geht es bei dieser Wahl eher um die Symbolik als um Inhalte. Wie immer der neue iranische Präsident heißen wird: Seine Machtfülle und sein Gestaltungsspielraum sind sehr beschränkt. Eine Abwahl Ahmadinedschads mag aus Sicht des Westens den Weg für eine Annäherung mit dem Iran frei machen. Ob sie beginnen und wie weit sie gehen darf, entscheidet in Teheran aber nicht der neue Präsident. Richtlinienkompetenz, Oberbefehl über Streitkräfte und Atomprogramm: All dies ist das Privileg des Obersten Führers, Ali Chamenei.

Der dürfte bei allem Aufruhr, den diese Wahl mit sich gebracht hat, schon jetzt sehr zufrieden sein. Denn in den vergangenen Tagen ist seinem Regime etwas gelungen, das viele nicht mehr für möglich gehalten hatten. 30 Jahre nach ihrer Gründung hat dieser fulminante Wahlkampf die politische Vitalität seiner Islamischen Republik unter Beweis gestellt. Ganz gleich, wer heute gewinnt: Die Revolution hat schon gewonnen.