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Kommentar

Britischer Premier : Er wuschelt sich durchs Amt - die "Hugh-Grant-Masche" des Boris Johnson

Boris Johnson stottert und wuschelt sich durch sein Amt. Doch ist seine sympathische Art authentisch? Oder ist es eine gekonnte Inszenierung einer vermeintlichen Unfähigkeit? 

Boris Johnson bei einem Wahlkampftermin

Boris Johnson bei einem Wahlkampftermin

Getty Images

Da saß er mal wieder und spielte Hugh Grant: Die BBC-Moderatorin hatte Boris Johnson nur gefragt, ob normale Bürger seine Art, sein Leben, seine Ideen nachvollziehbar finden könnten. Oder, anders gefragt: Ob er überhaupt weiß, wie ein normales Leben aussieht in Großbritannien im Herbst 2019?

Ein anderer Politiker hätte hier aus dem Effeff antworten müssen – Heizungskosten, Wartezeiten beim staatlichen Gesundheitsdienst, die Angst vor Jobverlust bei Angestellten in Filialen auf den Highstreets. Gerade wenn man – wie Boris Johnson – mit enormen Privilegien ins Leben gestartet ist, muss man die Probleme der Bürger kennen.

Doch stattdessen begann Johnson zu stottern. Von Privilegien. Von seinem schönen Leben. Er selber hätte es "waffle" genannt, was er da von sich gab. Es war eine der wenigen Situationen, in denen Boris Johnsons Maske fiel. Er wusste einfach nicht, was er auf diese Frage antworten sollte. Weil er einen Moment nicht mehr zu wissen schien, welcher Boris Johnson jetzt antworten sollte.

Die Erscheinung "Boris Johnson" ist nie einfach nur Mensch. Er ist eine Figur. Eine Ein-Mann-Theateraufführung.

Boris Johnson: Die inszenierte Unfähigkeit als großes Schauspiel

Fangen wir bei dem Haar an, das ihn unverkennbar macht. Boris Johnson ist der internationale Granddaddy der Lobo-Irokesen und Rezo-Farbspiele. Er hat schon vor Jahrzehnten erkannt, dass ein singulärer Haar-Stil, vor allem in Form eines Wuschelkopfes, ihn a) einzigartig und b) unangreifbar macht. Wer kann einem Mann etwas übelnehmen, der aussieht, als sei er gerade erst aufgestanden oder wahlweise erst sechs Jahre alt?

Welche Beweise gibt es für diese These? Die vielen, vielen Kameramänner, Interviewer und Podiums-Organisatoren, die ihn unmittelbar vor Auftritten beobachteten, wie er genau dann seinen Kopf mit schnellen Handbewegungen erst so richtig in Unordnung brachte.

Es ist ein kleines Detail, aber ein wichtiges. Denn Johnson ist nicht das verpeilte Genie seiner Inszenierung. Schwester Rachel Johnson hat dies in einem Interview einmal so erklärt: Ihr Bruder habe beispielsweise bei einer Schulaufführung eines Theaterstücks von Molière auf der Privatschule Eton gelernt, dass die inszenierte Unfähigkeit im Zweifel das großartigste Schauspiel ist. Und, noch mehr: Ihn unangreifbar macht. Johnson hatte damals – mal wieder – seine Rolle nicht gelernt. Also las er sie vor, versteckt hinter einer Säule. Eigentlich ein Affront. Doch Boris war der Hit der Aufführung.

Ein Lügner durch und durch 

Auf der einen Seite muss man seine Chuzpe bewundern, sich auf eine Bühne zu stellen mit dem Wissen, nichts zu können. Und auf der anderen Seite ist es unfassbar, dass er es wagt, mit seiner Faulheit die gesamte Aufführung zu gefährden – für die seine Mitschüler lange hart gearbeitet haben.

Diese Familien-Anekdote zeigt auch: Boris Johnson hatte noch nie Probleme damit zu lügen. Er log als Journalist bei der "Times". Und wurde dafür gefeuert. Er log seinen Parteivorsitzenden an. Und wurde von diesem aus dem inneren Zirkel der Opposition gefeuert. Er log als Korrespondent in Brüssel über den angeblichen Wahnsinn bei der EU.

Und das tut er noch heute, selbst bei unbedeutenden, aber als Anekdoten großartig funktionierenden Kleinigkeiten. In seiner Auftaktrede zum gerade gestarteten Wahlkampf versprach Johnson den Bürgern, dass man nach dem Brexit endlich die Mehrwertsteuer für Sanitär-Produkte senken könne. Die EU also ist schuld an teuren Tampons, und er der Retter der benachteiligten Frauen des Landes. Nur hat die hohe Mehrwertsteuer gar nichts mit Vorschriften aus Brüssel zu tun. Die hätte die konservative Regierung seit Jahren bereits senken können.

"Du hast dir Zeit gelassen": Boris Johnson besucht Überschwemmungsgebiet – und muss sich einiges anhören

Wenn man die Lacher auf der eigenen Seite hat 

Boris Johnson, das muss man so hart sagen, ist ein Lügner. Seine Rhetorik, die lateinischen Einsprengsel, die Zitate aus Literatur und Geschichte, die Haare, die schiefen Krawatten, die unmöglichen Situationen – er nutzt sie, damit er nicht hinterfragt wird. Damit über ihn gelacht wird. Denn wer die Lacher auf seiner Seite hat, der wird selten hart angegangen. Wer die Leute unterhält, bei dem wird nicht alles so genau genommen.

Auch deswegen hat die BBC-Moderatorin die richtige Frage gestellt in dieser Frühstücks-Sendung. Was verbindet ihn noch mit seinen Wählern? Und: Was sieht man eigentlich, wenn die Figur auftritt namens Boris Johnson?

Der Premier konnte die Frage nicht beantworten. Vielleicht weiß er es selber nicht mehr.

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