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Wie das Internet China verändert: Tausche Hund gegen Anzug

Bevor die alten Sumerer vor 5000 Jahren das Geld erfunden haben, wurden Waren getauscht. Jetzt kehren Teile der Menschheit zum Tauschhandel zurück - und das ausgerechnet im Internet. Sie finden dort DVDs, Villen und sogar Liebe.

Von Ellen Deng, Peking

"Güter muss man mit Gefühl tauschen, Freunde mit Vernunft finden", sagt A Zhezhe, und er meint es ernst. A Zhezhe ist sein Name im Netz, im wirklichen Leben heißt er anders, ist 25 Jahre alt und studiert in Peking Geologie. "Im letzten Jahr hörte ich die Geschichte des Kanadiers Kyle MacDonald, der im Internet mit dem Tausch von Heftklammern anfing und es am Ende zu einer Villa brachte", sagt er. "Ich fand das interessant, deshalb gab ich in einer Suchmaschine 'Güter tauschen' ein und fand so die Shanghaier Website Comhuan."

100.000 Geschäfte erfolgreich abgeschlossen

Comhuan.com ist jetzt die führende Tauschseite in China. Ihr Chef Zhu Renjie wurde ebenfalls vom Beispiel des Kanadiers MacDonald angeregt. Bis jetzt wurden auf der Seite 845.000 Dinge angeboten und 100.000 Geschäfte erfolgreich abgeschlossen, Tagesrekord: 765. Nirgendwo ist das Tauschbusiness so populär wie in China, wo die Hälfte der Internetnutzer umgerechnet weniger als 200 Euro im Monat verdient.

Als A Zhezhe auf der Seite viele "Schätze" entdeckte, leuchteten seine Augen. Seither loggt er sich täglich ein, tippt Begriffe, die ihn selbst interessieren, IT-Sachen und Elektrowaren, oder er sucht Geschenke für Angehörige, ein Schweizer Messer für seinen Vater, chinesische Kochbücher für seine Mutter und elegante Handtaschen für seine Freundinnen. Viele Anbieter stellen sich sogar mit Foto vor, über MSN oder OICQ (die chinesische Entsprechung zu ICQ) unterhält sich A Zhezhe dann mit ihnen. Und er selbst bietet seine Sachen online an, darunter auch manche, die er gerade selbst eingetauscht hat. "Wir haben einen ganz neuen Second-Hand-Markt geschaffen, auf dem Privatleute miteinander handeln", sagt Zhu Renjie.

Anders als auf Verkaufsseiten wie Ebay gibt es in der Welt des Tauschhandels kein Geld. Der Wert hängt davon ab, ob jemand gerade etwas braucht. Jemand tauscht einen Hund gegen einen Anzug, oder einen Fernseher gegen ein MP3-Spieler, jemand anderes ein Motorrad gegen ein Fischerboot. Hier unterscheiden sich die chinesischen Tauschbörsen von denen in den USA, wo vor allem DVDs, Bücher und Computerspiele angeboten werden.

A Zhezhe begeisterte es am meisten, als er Sachen eintauschte, die früher schwer zu finden waren. Einmal bekam er von einem Südkoreaner ein brillantes Flugzeugmodell. Auch wenn es klein ist, so etwas ist in China schwer zu finden, geschweige denn zu kaufen. "Ich fühlte mich wie auf Wolken", erinnert er sich.

Die meisten Tauschenden, die hier "Huanke" heißen, "Tauschkunden", sind junge Frauen, so wie eine Vielfachtauscherin aus Shanghai, die etwas über 20 Jahre alt ist und sich "Pinco" nennt. Sie findet die Börsen gut für den Umweltschutz: "Ich habe gehört, in manchen westlichen Ländern benutzen Schüler die Schulbücher der vorherigen Klassen noch einmal, das ist toll!" Nachdem sie schon mehr als 100mal im Internet etwas getauscht hat, ist sie sich ihres Konsumverhaltens bewusst, wirft nichts mehr weg, sondern verwertet alles neu.

Forrest Gump, die Filmfigur, sagte, das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie, was man bekommt. Das lässt sich auch auf die Leute übertragen, die man über die Tauschbörsen kennen lernt und dann zur Übergabe der Waren oft persönlich trifft. Tauschkunde Yayi ist immer aufgeregt, wenn er zu den Treffen geht: "Es ist eine Überraschung zu sehen, was für ein Mensch sich dahinter verbirgt". Ein Mädchen, das sich "Tausche einen Edelstein" nennt, stieß bei der Übergabe auf einen Klassenkameraden aus der Grundschule.

A Zhezhe meint deshalb, Tauschen sei emotionaler als Online-Shopping. "Manchmal gebe ich dem anderen Tauschkunden noch etwas dazu, gratis, weil es Spaß macht. Wir sind doch Freunde, warum nicht?" Tatsächlich hat A Zhezhe so schon feste Freunde gewonnen.

Um Zeit zu sparen, lud er einmal vier Leute gleichzeitig zum Umtausch ein. Er bekam eine Kipling-Tasche, einige Englischbücher und eine Spardose für einen halben Kilo Zucker, Mikrowelle-Plastikboxen, neun DVDs, Flugzeugmodelle und Spielsachen. Das war etwas wenig, aber er freute sich darüber. Danach setzte A Zhezhe in dicken Schriftzeichen auf die Seite: "Das war das größte Handelsvolumen in meiner Tauschgeschichte! Ich habe vier Mädchen gleichzeitig getroffen, und zwei von ihnen haben mit mir getauscht. Mein Freund Yaksayoo beneidet mich, haha, ich bin so glücklich über diese Freundinnen. Lili, eine von ihnen, hat mich als 'ein sich bewegendes Haus' beschrieben..."

Suche Käfig, bekomme Ehemann

Noch extremer ist es, wenn man gleich "einen Partner eintauscht". Huaihuaimei und Ruzige, die beide in internationalen Firmen in Shanghai arbeiten, hatten noch keine Tauscherfahrung, als sie sich zu diesem Zweck online begegneten. Huaihuaimei, eine junge Frau, die Haustiere liebt, tauschte mit Ruzige, der Dutzende Hamster aufgezogen hat, einen Käfig gegen eine Packung Kaffee. Ein halbes Jahr später gingen sie gemeinsam zum Standesamt. "Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich so jung heiraten werde", sagt die 22-Jährige mit heiterer Stimme, "und das ohne umzutauschen!"

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