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Wiesen-Gerichte: "Alle sind schuldig"

Mit Hilfe der Gatschatschas, einer traditionellen Form der afrikanischen Gerichtsbarkeit, will Ruanda die Täter des Volkermords belangen. Eine gewaltige Aufgabe - weit über 90 000 Verdächtige warten in den Gefängnissen auf ein Verfahren.

Sie treffen sich jeden Samstag. Alte Männer am Stock, Mütter mit Säuglingen in einem Tuch auf dem Rücken, Bauern, Handwerker, Lehrer. Auf einer Wiese vor einem Privathaus nahe der ruandischen Hauptstadt Kigali stehen einige Holzbänke, darüber ist eine Plane gegen die stechende afrikanische Sonne gespannt. Die Szene wirkt friedlich, wie eine Dorfversammlung, bei der über Viehpreise und Anbauflächen palavert wird. Dort geht es aber um die Aufarbeitung eines der grauenhaftesten Kapitel in der Geschichte Afrikas.

Zehn Jahre nach dem Massenmord an knapp einer Million Menschen in Ruanda steht das kleine hügelige Land im Osten des Kontinents noch immer unter Schock. In einer drei Monate dauernden Gewaltorgie wurde jeder zehnte Einwohner ermordet. Die Gewalt richtete sich gegen die Minderheit der Tutsi. Aber auch viele Hutus, die beim Morden nicht mitmachen wollten, verloren ihr Leben.

Traditionelle Wiesen-Gerichte gegen das Trauma

"Wir müssen dem Land helfen, dieses Trauma zu überwinden", sagt Karekezi Berchmans. Die Dorfgemeinschaft hat den fast 50-jährigen grau melierten Grundschullehrer zum Laienrichter bestimmt. Jeden Samstag sitzt er nun im Schatten der Zeltplane der Versammlung vor, in der die grausamen Details des Völkermordes ans Licht kommen und die Täter ausfindig gemacht werden sollen. Die traditionellen Gatschatschas (Wiesen-Gerichte) sind Ruandas verzweifelter Versuch, mit der Masse der Täter fertig zu werden. Die Gefängnisse sind mit etwa 90 000 Häftlingen völlig überfüllt, und dabei sind noch längst nicht alle Täter identifiziert.

Berchmans schiebt seine dicke Brille mit einem Sprung im Glas zurecht und sortiert einen Stapel rosafarbener Mappen. Die Anklageschrift besteht jeweils aus drei Spalten: Angeklagter/ Vorwürfe/Kläger. Mit Spiegelstrichen sind die Delikte aufgelistet: "Er hat Marcel mit einer Machete erschlagen und dessen Haus geplündert", steht da zum Beispiel, oder: "Sie hat die Kinder von Yvonne getötet."

Häufig brechen die Redner in Tränen aus

Die Grenzen zwischen Richtern, Klägern, Angeklagten und Zeugen sind fließend. Anwälte gibt es nicht, jeder kann sich gegen jeden äußern. Häufig brechen die Redner in Tränen aus, wenn sie sich an die Ereignisse von 1994 erinnern. Die Frage nach der Zahl der Angeklagten kann der Laienrichter nicht beantworten. "Fast die ganze Bevölkerung ist schuldig", sagt er zögernd. In seinem Bezirk mit etwa 5000 Einwohnern gebe es mindesten 500 Täter.

An den Straßenrändern in Ruanda werben große Plakate für die Wiesen-Gerichte: "Die Wahrheit heilt" verkünden sie. Berchmans ist skeptisch. "Die Wahrheit zu finden, ist nicht leicht", meint er. Viele Überlebende hätten Angst, die Täter von damals öffentlich zu beschuldigen. In den vergangenen Monaten wurden im Süden des Landes mindestens vier Menschen umgebracht, die wichtige Aussagen hätten machen können. Die Überlebenden-Organisation Ibuka spricht von "Zeugenmord", die Regierung hat Ermittlungen versprochen.

Mehr als 8000 Gatschatscha-Gerichte sollen das Land überziehen

Derzeit sind die knapp 800 Tribunale noch in der Probephase, in der die Täter verschiedenen Kategorien zugeordnet werden sollen. Langfristig sollen mehr als 8000 Gatschatscha-Gerichte das ganze Land überziehen. Über leichtere Fälle können die Laienrichter selbst urteilen, Mörder und Anstifter sollen der staatlichen Justiz übergeben werden.

Virginie Mukazi ist dem Massenmord um Haaresbreite entkommen. Hutu-Milizen hatten sie mit einem nagelbesetzten Knüppel geprügelt und für tot gehalten. Ihr Bruder fand sie unter Leichen und brachte sie zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Ihre äußeren Wunden sind vernarbt, doch ein ständiges Zucken in den Mundwinkel verrät ihre psychische Angeschlagenheit.

Dass sie die Täter öffentlich anklagen sollte, ist für sie unvorstellbar

Sie lebt im selben Viertel wie vor dem Völkermord - mit den selben Hutu-Nachbarn, die damals mitgemacht und zugesehen haben. Dass sie die Täter öffentlich anklagen sollte, ist für sie jedoch unvorstellbar. "Vor einem Gatschatscha-Gericht aussagen? Gott bewahre!" sagt sie und vergräbt ihr Gesicht in den Händen.

Ulrike Koltermann / DPA
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