HOME

Zum Tod von Václav Havel: Der Held der "Samtenen Revolution"

Weltweit galt der frühere tschechische Präsident und Dissident Václav Havel als moralische Instanz. Nun ist der Politiker und Schriftsteller im Alter von 75 Jahren gestorben.

Als unerschrockener Schriftsteller und Systemkritiker machte er sich einen Namen, als "Seele der Samtenen Revolution" schrieb er 1989 Geschichte: Václav Havel, der die Geschicke seiner tschechischen Heimat über Jahrzehnte mitbestimmte, starb am Sonntag im Morgengrauen mit 75 Jahren friedlich im Schlaf. Zuletzt hatte Havel - gesundheitlich schon stark angeschlagen - zusammen mit seiner Frau Dagmar zurückgezogen in seinem Haus auf dem Land rund 150 Kilometer von der Hauptstadt Prag entfernt gelebt.

Eine der Sternstunden in Havels Lebens war die "Samtene Revolution" vom November 1989, auf deren friedlichen Verlauf er maßgeblichen Einfluss hatte. Sie setzte nach mehr als vier Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei ein unblutiges Ende. Der Schriftsteller wurde zum Volkshelden und praktisch über Nacht zum Präsidenten seines Landes: Noch im Dezember 1989 wurde er mit überwältigender Mehrheit gewählt. Für die meisten seiner Landsleute verkörperte Havel unangefochtene moralische Autorität. Oft genug hatte er zu Zeiten des Warschauer Pakts wegen seiner politischen Überzeugungen ins Gefängnis gehen müssen.

Havels große Leidenschaft war das Theater. Wegen seiner Herkunft verwehrten die Kommunisten dem am 5. Oktober 1936 geborenen Sohn einer reichen Prager Bürgerfamilie allerdings eine Ausbildung. Als Arbeiter und Beleuchter fing er auf den Prager Bühnen an, bevor er für das Theater "Na Zabradli" Stücke schreiben durfte. Mehr als ein Dutzend Theaterstücke und ein halbes Dutzend politische Essays verfasste Havel und prangerte darin teilweise scharf die Verhältnisse im "real existierenden Sozialismus" an.

Politische Arbeit im Untergrund

Während des Prager Frühlings 1968 war Havel Vorsitzender im Club unabhängiger Schriftsteller. Im August marschierten die Truppen des Warschauer Pakts in Prag ein und schlugen die Demokratiebewegung nieder. Havel erhielt Aufführungs- und Veröffentlichungsverbot und wurde zum Hilfsarbeiter in einer Brauerei degradiert. Er weigerte sich, auszuwandern, setzte im Untergrund seine politische Arbeit fort, musste ins Gefängnis. Elf Jahre später gehörte er zu den Mitbegründern und Wortführern der Charta 77, der Bürgerrechtsbewegung, die den Weg zu den friedlichen Demonstrationen von 1989 ebnete.

Auch als Präsident der Tschechoslowakei blieb Havel seinen Überzeugungen treu. Als nach den Wahlen 1992 die slowakischen Abgeordneten immer vehementer eine Teilung des Landes forderten, trat er aus Protest zurück. Nach der Teilung des Landes wurde er 1993 zum tschechischen Präsidenten gewählt. Zehn Jahre blieb er an der Spitze des Staates, wachte über seine Demokratisierung, den Beitritt zur Nato und den bevorstehenden Beitritt zur EU.

Menschenrechte statt Innenpolitik

Der politische Alltag hinterließ seine Spuren: Als Havel 2003 abtrat, hatte seine Popularität im eigenen Land Schaden genommen. Fortan hielt er sich aus aus der Innenpolitik zurück, setzte sich dafür aber umso vehementer weltweit für Menschenrechte ein. Nicht immer ohne Kontroversen - von dem treuen Freund Washingtons war beispielsweise nie Kritik am US-Gefangenenlager Guantanamo zu hören.

Gleichzeitig begann Havel wieder zu schreiben, verfasste mit "Fassen Sie sich bitte kurz" eine politische Bilanz und mit "Der Abgang" sein letztes Theaterstück. Eines seiner berühmtesten Werke bleiben jedoch die "Briefe an Olga", seine 1996 an Krebs verstorbenen ersten Frau. Er schrieb ihr aus dem Gefängnis, während er gleichzeitig selbst gegen Lungenentzündungen kämpfte. Diese und auch sein Leben als Kettenraucher hinterließen deutliche Spuren. Im Dezember 1996 wurde Havel wegen eines bösartigen Tumors ein Lungenflügel entfernt, danach musste er wiederholt wegen Lungen- und Herzproblemen ins Krankenhaus und überlebte einen Herzinfarkt.

Viele Ausländer sähen in ihm "eine Art Märchenprinz", schrieb Havel in seinen politischen Memoiren. Und fügte dann lapidar hinzu, dass auch ihm manchmal bewusst geworden sei, wie "außergewöhnlich" sein Schicksal war.

Sophie Pons, AFP/DPA / DPA