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Zur Wiederwahl von Obama: Pressestimmen: "Der Druck sitzt ihm ab sofort im Nacken"

Die Kommentatoren der deutschsprachigen Nachrichtensites sind wegen der Wiederwahl Obamas keineswegs in Jubelstürme ausgebrochen. Ein Überblick.

Das Medienecho auf die Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama fällt erwartungsgemäß gewaltig aus. Euphorische Kommentare sucht man vergeblich. stern.de hat die wichtigsten Reaktionen der deutschsprachigen Nachrichtensites für Sie zusammengefasst.

Die "Süddeutsche Zeitung" findet, dass nun keine Zeit mehr für Experimente ist:

"Der neue und alte Präsident, der eigentlich immer über den Dingen stehen wollte, hat für die kommenden vier Jahre viele kleine Schritte angekündigt. Nicht mehr die große Vision. Obama hat verstanden, dass er auf Kompromisse mit dem politischen Gegner angewiesen ist. Und vor allem hat er verstanden, dass die Amerikaner keine großen Reden mehr wollen, keine Experimente. Sie wollen sich nicht mehr in eine bessere Zukunft hineinträumen. Sie wollen eine bessere Zukunft haben."

Anpacken statt reden, das findet auch die "Financial Times Deutschland":

"Viel Zeit zum Feiern bleibt ihm nicht: Auf den wiedergewählten US-Präsidenten warten gewaltige ökonomische Herausforderungen. Einig sind sich die Ökonomen, dass er vor allem den Haushalt in den Griff bekommen muss. Dieser Druck sitzt Barack Obama ab sofort im Nacken. Daneben wird der Präsident wohl auch in den kommenden vier Jahren wieder maßgeblich daran gemessen, ob es ihm gelingt, die immer noch hohe Arbeitslosenrate substantiell zu senken."

Einen klaren Auftrag für Obama sieht auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Vor vier Jahren hatten die Amerikaner ein romantisches Rendezvous mit der Geschichte. Dieses Erlebnis des Überschwangs war einmalig, historisch. Im Jahre 2012 haben Realismus und Nüchternheit überwogen. Ein Nachteil ist das nicht. Nach einem langen Jahrzehnt, in dem Amerika vom Terror heimgesucht wurde, in dem es die längsten Kriege in seiner Geschichte führte und überdies von einer schweren Wirtschaftskrise getroffen wurde, müssen die Vereinigten Staaten jetzt ihre Kräfte bündeln zur inneren Erneuerung. Das ist Barack Obamas Auftrag. Und über Versöhnung darf er nicht nur reden. Dafür muss er mehr tun als während seiner ersten Amtszeit."

Die Uhr tickt, meint die "Zeit":

"Wenn es ihm gelingt, die wirtschaftliche Erholung der USA mit der Hoffnung zu verknüpfen, einen großen amerikanischen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten und damit neue Identität zu stiften, könnte er nicht nur als erster afro-amerikanischer, sondern auch als einer der wenigen großen Präsidenten in die Geschichte eingehen. Obama bleiben dafür nur zwei Jahre. 2014 werden schon wieder der Kongress und außerdem die Gouverneure in 36 Bundesstaaten gewählt. Im Sommer 2015 wird sich bereits alles um seine Nachfolge drehen."

Die "Berliner Zeitung" zeigt eine Chance für Obama auf:

"Bislang stehen die Aussichten (für eine Zusammenarbeit mit den Republikanern, Anm. der Red.) nicht gut, doch die sind nach ihrer Niederlage bei der Präsidentschafts- und der Senatswahl unter Druck. Ihre politischen Vorstellungen machten sie zu Verlierern. Wollen sie wieder mehrheitsfähig werden, müssen sie sich wieder zur politischen Mitte bewegen. Das ist Obamas große Chance für seine zweite Amtszeit."

Die "Neue Zürcher Zeitung" setzt den Sieg Obamas in engen Zusammenhang mit dessen Gegner:

"Die Erklärung für seinen Sieg wäre jedoch nicht vollständig ohne einen Blick auf den politischen Gegner. Obama hatte Glück, dass im republikanischen Lager nur schwache Herausforderer bereitstanden. Die Partei hob zwar nach langem Zögern mit Romney den aussichtsreichsten Bewerber auf den Schild, aber dieser war, unabhängig von seinen Stärken und Schwächen, im Lichte der historischen Umstände eine problematische Wahl. Als Repräsentant der Hochfinanz und einer Branche, die selbst noch mit missratenen Investitionen Geld scheffelte, konnte er gerade in Krisenzeiten wie diesen niemals als Mann des Volkes erscheinen."

Einen weiteren Grund für den Triumph Obamas hat der "Standard" aus Österreich ausgemacht:

"Der wichtigste Faktor für Obamas Sieg aber war die Wählerkoalition, die er schon 2008 geformt hat und die sich nun als nachhaltig erwiesen hat: Schwarze, Latinos, Frauen, Junge, manche weiße Arbeiter vor allem in den Auto-Staaten Michigan und Ohio – aus allen Schichten außer den älteren, ländlichen, weißen Kleinbürger, die das Rückgrat der republikanischen Tea Party bilden. Frauen hielten ihm laut Exit Polls wieder mehrheitlich die Stange, die Jüngeren entschieden sich klar für Obama, und die wichtigste Gruppe waren die Latinos, die ihm zum Sieg verholfen haben. Sie werden von Jahr zu Jahr mehr, und 2012 war ihr Durchbruch als einflussreiche, sogar wahlentscheidende Wählergruppe."

Der "Tagesanzeiger" aus der Schweiz blickt voraus - und warnt schon mal Europa:

"Obamas Team wird nach den Wahlen frisch gestärkt gegenüber den zögerlichen Europäern noch mehr Klartext reden. Die Message wird sein: Rauft euch zusammen oder ihr werdet für uns als Partner irrelevant. Die Zeit ist längst vorbei, als die Amerikaner ein starkes Europa fürchteten und den Integrationsprozess argwöhnisch beobachteten. Heute drängt man in Washington die Europäer förmlich, den Worten Taten folgen zu lassen und endlich geschlossen aufzutreten."

kbe