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"Ehrenmord": "Hatuns Bruder hat sie sexuell belästigt"

Gülsah S. war die beste Freundin von Hatun Sürücü, die von ihrem Bruder ermordet wurde. Im stern TV-Interview erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Familie.

Wie gut kannten Sie Hatun Sürücü?

Ich kannte sie schon seit sechs Jahren. Wir haben uns sehr gut verstanden und alles zusammen gemacht, aber ich habe sie verloren. Ich verstehe das alles nicht. Ich habe meine Freundin verloren und ihr Sohn seine Mutter. Hatun liegt schon seit einem Jahr unter der Erde und die Brüder laufen auf der Straße herum. Niemandem kann man mehr vertrauen – nicht mal der Justiz.

Aber Sie haben Hatun vertraut?

Ja, sehr. Wir haben ja alles zusammen gemacht – geweint, gelacht und vor allem zusammen gehalten.

Wie war Hatun?

Sie war liebevoll und hat sich überall angepasst. Sie war freundlich zu allen Leuten, hat sich mit den alten Leuten unterhalten, sich um die Kinder gekümmert und auch mit anderen Erwachsenen gut verstanden. Sie hatte immer Ziele. Gerade wollte sie ihre Ausbildung fertig machen. Sie hat immer gesagt: "Ich muss es schaffen!" Sie hat für alles gekämpft und so vieles geschafft. Und dann haben wir zusammen gefeiert. Jetzt konnte ich nicht mehr feiern - nicht Weihnachten oder Silvester - sie fehlt mir sehr.

Würden Sie sagen, dass sie gut befreundet waren?

Ja, wir waren ja 24 Stunden zusammen. Wenn sie dann aber nach Hause wollte, ist sie immer mit dem Taxi gefahren, obwohl sie nur fünf Minuten entfernt wohnte. Sie hat nie gesagt, warum sie das macht, aber ich habe dann selbst erlebt, dass ihre Brüder sie bedrohten. Ihre Familie hatte sie verstoßen, als sie ihrer Mutter erzählt hat, dass ihr Bruder sie sexuell belästigt hat. Und trotzdem hat sie versucht, den Kontakt zu ihrer Familie zu halten. Sie hat immer gesagt: "Egal was ist - es ist doch meine Familie." Hatun hat die Einstellung ihrer Familie akzeptiert, aber sie hat sich immer gefragt, warum sie nicht akzeptieren können, wie sie ist. Für ihre Familie war sie immer ein Opfer.

Hat Hatun denn darüber gesprochen, wie ihre Brüder und die Familie sie bedroht?

Ja, die Brüder haben sie bedroht. Sie haben gesagt, sie wäre eine "Schlampe" und eine "Schande für die Familie".

Haben Sie geahnt, dass die Brüder planen, ihre Schwester umzubringen?

Hatun hat immer gesagt. "Ich werde sowieso sterben", aber sie hat dabei immer gelächelt. Hätte ich geahnt, wie ernst sie das meint, dann hätte ich etwas unternommen. Ich hätte versucht, sie aus Berlin herauszubringen.

Hatten Sie das Gefühl, dass es ihr schlecht ging?

Ja, ich habe es ihr angesehen. Sie hatte in letzter Zeit sehr abgenommen und war außerdem sehr ruhig geworden. So kannte ich sie gar nicht. Sonst war sie immer fröhlich, hat Spaß gemacht, die Musik aufgedreht und getanzt. Dann war sie auf einmal ganz anders.

Sie haben Hatun Sürücü zum letzten Mal zwei Wochen vor dem Mord gesehen. Was machte sie damals für einen Eindruck auf Sie?

Ich hatte den Eindruck, dass sie von allem Abstand nehmen wollte. Sogar mir gegenüber war sie sehr distanziert. Sie hat geweint, war aber sehr abweisend und verschlossen. So hatte ich sie noch nie erlebt.

Hat Hatun Ihnen etwas von der Bedrohung durch ihre Brüder erzählt?

Nicht direkt. Aber ich habe ja mit eigenen Ohren gehört, wie einer der Brüder zu ihr sagte: "Du bist eine Schande für die Familie. Ich werde Dich umbringen." Danach bin ich mit meinen Freundinnen zur Polizei gegangen, aber die haben nur abgewartet und nichts gemacht.

Wie haben Sie vom Tod Ihrer Freundin erfahren?

Ich habe einen Anruf vom Kindergarten bekommen, denn ich habe oft Hatuns Sohn Can dort abgeholt. Sie fragten mich, ob ich Hatun und Can gesehen hätte und erzählten, dass es in der Gegend Schüsse gegeben hatte. Ich dachte noch, was schießen die da rum’, aber ich hätte doch nie damit gerechnet, dass meine Freundin ermordet wurde. Als ich dann erfahren habe, dass Hatun erschossen wurde, habe ich gedacht, mein Leben ist vorbei. Ich konnte es nicht glauben. Ich kann das, was passiert ist, nicht akzeptieren. Wie kann man sein eigen Fleisch und Blut umbringen?

Wie würden Sie das Verhältnis von Hatun und ihrem jüngsten Bruder beschreiben?

Eigentlich haben sie sich am Ende sehr gut verstanden. Er hat öfter etwas mit seinem Neffen unternommen, und wir waren auch zusammen mit mehreren Leuten unterwegs. Wir waren sogar einmal bei einem seiner Boxkämpfe. Hatun hat sich immer um ihn gekümmert und gefragt, ob er irgendetwas braucht. Und jetzt hat er sie umgebracht - ich kann mir das gar nicht vorstellen.

Was glauben Sie, wie konnte es dazu kommen?

Ich vermute, dass die Familie auf ihn eingeredet hat - und dann ist es passiert. Er hat sie ja erschossen. Und nun hat er sich sein eigenes Leben kaputt gemacht. Aber leider auch das von seinem Neffen, denn der muss jetzt ohne Mutter aufwachsen.

Waren Sie beim Prozess dabei?

Nein, nicht die ganze Zeit. Ich war nur im Gerichtssaal um gegen die Brüder auszusagen.

Und wie war das für Sie?

Das war wirklich die Hölle für mich. Es war das erste Mal, dass ich in einem Gerichtssaal war und dann musste ich gleich wegen Mordes aussagen.

Und die Brüder saßen dann auch dort?

Ja, aber ich habe sie zuerst gar nicht angesehen und nur mit dem Richter geredet.

Was haben Sie denn ausgesagt?

Ich habe dem Gericht alles erzählt, was ich wusste. Hatun hat mir viel erzählt, und einige Situationen habe ich ja selbst miterlebt. Die Brüder haben sie permanent bedroht. Deshalb verstehe ich überhaupt nicht, dass die beiden Älteren frei gesprochen wurden. Der Staat hat Hatun zum zweiten Mal umgebracht.

Wie haben die damals noch Angeklagten denn auf Ihre Aussage reagiert?

Zuerst waren sie ruhig und haben zugehört. Als der Richter aber fragte, wer von Ihnen es denn gewesen ist, hatte ich große Angst. Alpaslan hat dann gesagt, ich solle doch endlich sagen, wer von ihnen es war. Dann habe ich ausgesagt, wer es war. Und dann hat Ayhan mich sofort als "Schlampe" beschimpft, und das im Gerichtssaal. Ich kann das Urteil wirklich nicht verstehen. Hatun fehlt mir so. Ich konnte mich noch nicht mal von ihr verabschieden.

Genügen neun Jahre und drei Monate als Strafe für den jüngsten Bruder?

Nein, er hätte lebenslang bekommen müssen, genauso wie seine Brüder. Der Freispruch für die älteren Brüder war wie ein Schlag ins Gesicht für mich.

Was bedeutet es für Sie, dass die älteren Brüder von Hatun Sürücü jetzt frei herumlaufen?

Ich finde das einfach unglaublich. Das ist so, als ob es ihnen egal wäre, dass ihre Schwester tot ist. Wichtig ist nur, dass sie frei sind.

Wie wurde denn der Freispruch der Brüder Sürücü in ihrem Viertel aufgenommen?

Die meisten meiner Freunde können das Urteil nicht verstehen. Viele können die Rechtsprechung nicht nachvollziehen. Aber es gibt auch einige, die stolz auf den Freispruch sind. Diese Leute sind nicht normal. Ich bin selbst anatolischer Abstammung und natürlich gebe ich auch meinem Kind etwas von meiner Religion und Kultur mit. Aber Gleichberechtigung finde ich wichtig und Hatun hat niemandem etwas getan. Ich verstehe nicht warum sie ermordet wurde und die Täter noch nicht einmal richtig dafür bestraft werden.

Das Interview führte Ulrike Beseke
Mitarbeit: Lydia Völker

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