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"Maischberger. Die Woche" "Mittelalterliche Kontaktbeschränkungen" für alle, aber nicht für Friseure: Warum die? Und nicht andere?

Zu Gast bei Moderatorin Sandra Maischberger waren unter anderem der Intensivmediziner Uwe Janssens (M.) und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer
Zu Gast bei Moderatorin Sandra Maischberger waren unter anderem der Intensivmediziner Uwe Janssens (M.) und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer
© Melanie Grande / WDR / PR
Sind baldige Lockerungen verantwortbar? Wie lange wird die Bevölkerung die Maßnahmen noch mittragen? Und warum wird für Friseure eine Ausnahme gemacht? Darüber diskutieren die Gäste von "Maischberger. Die Woche".
Von Sylvie-Sophie Schindler

Karl Lauterbach. Ist. Nicht. Da. Das ist für einen Corona-Talk inzwischen so als würde bei "Tatort" der ermittelnde Kommissar fehlen. Oder die Leiche. Oder beide. Und wer kommentiert jetzt die nationale Lage der Friseure? Laut den Beschlüssen vom Corona-Gipfels am Mittwoch dürfen die Friseursalons am 1. März wieder öffnen. Lauterbach kann nichts dazu sagen. Aber sagen will er was. Weil es ihm nicht rechtzeitig gelungen ist, sich ins Maischberger-Studio zu schmuggeln, twittert er während der Maischberger-Sendung, dass er Boris Palmer, der da gerade spricht, noch immer nicht verstehe: "'Restriktionen ab Auslastung der Intensivstationen.' Ehrlich gesagt: so ein Unsinn. Hälfte der Patienten stirbt dort. Rest hat Schäden oft für den Rest des Lebens. Riesenleid von #LongCovid spielt keine Rolle." Und was eigentlich sagt Boris Palmer sonst noch? Und wer sagt was zu den Friseuren?

Spontaner Gästetausch bei "Maischberger. Die Woche"

Warum dürfen die? Und warum nicht andere? "Ein bisschen erschüttert" zeigt sich zwar "Welt"-Investigativreporterin Anette Dowideit, schiebt dann aber nach: "Es ist auf den zweiten Blick gar nicht so dumm." Man dürfe die soziale Funktion der Friseure nicht unterschätzen, für viele alte Menschen seien sie der einzige Kontakt. Hinzu komme die "Hygienefunktion". Und die auch für den Rest, der sich im "erweiterten verwildernden Zustand" befände. Wäre das erstmal geklärt.

Dowideit gehört an diesem Mittwochabend zur Kommentatorenrunde, so auch TV-Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt und "Zeit"-Redakteurin Anna Mayr. Die Damen allerdings wurden kurz vorher noch ausgetauscht. Ohne weitere Erklärung gab es eine Änderung. Am Mittwoch um 14.34 Uhr twitterte die Maischberger-Redaktion, es gäbe ein Gästeupdate: "Statt Marlene Lufen und Cerstin Gammelin begrüßen wir heute Abend Anna Mayr und Anette Dowideit." Auf Lufen dürften viele gehofft haben, hatte sie doch jüngst in einem kontrovers diskutierten Instagram-Video auf die Folgen des Lockdowns aufmerksam gemacht – ebenso am Montag in der Sat.1-Sendung "Deutschland im Lockdown."

Sind baldige Lockerungen verantwortbar? Und wie lange wird die Bevölkerung die Maßnahmen noch mittragen? Darüber diskutieren bei "Maischberger. Die Woche" der Intensivmediziner Uwe Janssens und der Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer.

Position und Statements von Boris Palmer: Die Grundrechtseingriffe seien nicht mehr verhältnismäßig. Man müsse klüger und kontrolliert öffnen. Und mehr wegkommen von "mittelalterlichen Kontaktbeschränkungen", die nicht der Weisheit letzter Schluss sein könnten. Er verweist darauf, dass viele europäische Nachbarn trotz höherer Inzidenzen aufmachen würden. Nur hierzulande sei man "extrem sicherheitsfokussiert". Er respektiere zwar die nun getroffenen Entscheidungen, doch, und darauf verweist er mehrmals, die "anderen Aspekte" kämen zu kurz. Nun brauche es "gute Konzepte, die Erfindungsgeist abverlangen". Das "Auf und Zu" bezeichnet er als fantasielos. Und es schlage so langsam große Lücken in die Altstadt, für die "mein Herz schlägt."

Boris Palmer sorgt sich um Kinder und Jugendliche

Der Tübinger OB sagt, es sei schwer zu vermitteln, dass die kleinen Läden nicht öffnen dürfen, und andererseits "drängeln die Menschen zu Aldi und Amazon verschickt weltweit." In seiner Stadt hat es Palmer aktuell auf Inzidenz 30 gebracht und steht damit schon mal gut da – laut den aktuellen Beschlüssen sollen Geschäfte im März erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner wieder öffnen dürfen. Besonders kritisiert Palmer außerdem, dass man es immer noch nicht geschafft habe, die Alten- und Pflegeheime ordentlich zu sichern. Und er zeigt sich alarmiert über den Zustand in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort gäbe es bereits eine "Triage", denn es könnten Kinder nicht mehr aufgenommen werden.

Position und Statements von Uwe Janssens: Viel Anerkennung für seinen Gesprächspartner: Tübingen sei eine Vorzeigemetropole und zeige, dass ein Leben mit Corona in der Stadt führbar sei. Große Besorgnis hingegen in Bezug auf die Kollegen. Man sei in der Intensivmedizin "am Ende der Fahnenstange" und froh, dass "wir von der 50 auf 100.000 weggekommen sind." Die Zahl 50 sei ohnehin wissenschaftlich nicht gut abgesichert. In Bezug auf die Mutationen nennt er als Beispiel Köln, wo das B117 bei bis zu 20 Prozent der Neuinfizierten entdeckt wurde. Seiner Prognose nach werden "wir mit dem Virus leben müssen" und die Impfungen wegen der Mutationen neu anpassen müssen.

Janssens fordert zudem flächendeckende Tests. Er warnt davor, leichtsinnig zu werden, auch wenn wir uns im "Land der Glückseligen" wähnten, wegen der wahnsinnig vielen Intensivbetten. Janssens findet es grundsätzlich schwer, abzuwägen. Er und seine Kollegen hätten ihren Job: "Für die Künstler aber tut es mir weh, dass die nicht mehr auftreten können." Auch an andere Branchen denke er täglich schweren Herzens. Und doch, er sei Arzt, und da stehe an erster Stelle, Leben zu retten.

Zugeschaltet ist später der Chefmediziner des US-Impfstoff-Unternehmens Moderna, Tal Zaks. Aktuell seien die Mutationen die größte Sorge: "Das Immunsystem scheint die neuen Varianten schlechter zu erkennen." Schrecklich wäre, wenn Menschen, die eine Erkrankung schon durchgemacht hätten oder geimpft seien, sich trotzdem infizieren könnten. Man könne dazu noch nicht zuverlässig Auskunft geben. Der Moderna-Impstoff sei zwar wirksam gegen neue Varianten, denn durch die Sequenzierungen könne sich der Impfstoff anpassen und werde bereits zugeschnitten auf neue Varianten produziert, aber er sei "nicht so wirksam, wie wir es gerne hätten".

"Maischberger. Die Woche" können Sie in voller Länge in der ARD-Mediathek sehen.

wue

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