HOME

20 Jahre deutsche Einheit: Ein Auftritt für Altkanzler Helmut Kohl

Er ist so alt, dass ihn niemand mehr als Bedrohung empfindet. Und er zeigt Gefühl. Deswegen bekam Helmut Kohl nach seiner Rede im Berliner Palais am Funkturm Standing Ovations. Und Angela Merkel Applaus.

Von Jennifer Lange und Lutz Kinkel

Seine Stimme ist schwer verständlich, seine rechte Hand streicht unkontrolliert über das Papier, das Gesicht ist nahezu erstarrt. Und doch: Helmut Kohl redet. Eine halbe Stunde. Sätze, die sich als Kritik an Angela Merkel verstehen lassen. Sätze, die ein Versöhnungsangebot an Wolfgang Schäuble sein könnten. Sätze, die seiner Partei Mut machen sollen. "Die CDU ist kein Auslaufmodell. Sie ist ein Zukunftsmodell", sagt der Altkanzler mehrfach. 1000 Gäste im Berliner Palais am Funkturm lauschen gebannt. Dies ist seine Feier.

Vor seiner Rede ist ein Film über die beiden Leinwände neben der Bühne gelaufen. Die bewegendsten Szenen der Wiedervereinigung vor 20 Jahren. Menschen, die über Ungarn in die Bundesrepublik fliehen. Die Mauerspechte, besoffen vor Glück, wie sie Stein für Stein aus der Trennung meißeln. Freunde, Verwandte und Fremde, die sich weinend in die Arme fallen. Dazwischen immer wieder: Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, eine historische Größe. Im Zwischenschnitt, für ein paar Sekunden, auch Merkel. Sie sitzt in einem Flugzeug. Eine junge Frau auf politischer Geschäftsreise.

Es fehlt: Schäuble

Kohl ist Gefühl, Kohl ist Haltung, Kohl ist eine Art Gegenbild zu Merkel. "Wir müssen alles tun, dass wir erkennbar bleiben", sagt er. Wohl wissend, dass der Kanzlerin oft Beliebigkeit vorgeworfen wird. Er sei skeptisch, wenn er sehe, dass die Tagespolitik das Programm dominiere und einmal gefundene Positionen nicht von Dauer seien. "Wir dürfen nicht mit dem Wind gehen." Der Wind, das ist sicher, bläst der Partei gerade heftig ins Gesicht. Wegen Stuttgart 21, wegen der Atompolitik, wegen der Kopfpauschale. Auch die Bundeswehrreform ist umstritten. Und Kohl sagt: "Ich kann nicht erkennen, dass sich die Welt in den vergangenen Jahren so verändert hat, dass die Wehrpflicht nicht mehr möglich sein soll."

Maike Richter-Kohl ist unter den Gästen, seine junge Frau, viel Parteiprominenz, aber auch einfache CDU-Anhänger wie der Ostberliner Hans Hartwich, 72. "Wäre er nicht gekommen, wäre der Saal hier wesentlich leerer gewesen", sagt Hartwich. Einer jedoch fehlt: Wolfgang Schäuble, Kohls wichtigster Mitstreiter in den Jahren seiner Kanzlerschaft. Der Mann, der sich bis zur Selbstverleugnung für Kohl aufgeopfert hat, und den Kohl während der Parteispendenaffäre um seine Meriten brachte. Eine üble Geschichte auf einem langen Weg.

Eine Frage der Zeit

Die Menschen applaudieren, als Kohl endet, aber er bittet noch mal um Ruhe. Er wolle einen Gruß an Wolfgang Schäuble entrichten, der gerade im Krankenhaus liege, sagt Kohl. "Er hat mehr Einsatz gebracht als viele andere." Und dann spricht er von sich. "Ich bin 80 Jahre alt, ich möchte noch ein paar Jahre mit meiner Frau erleben, aber ich weiß nicht, wie viel Zeit mir der liebe Gott noch schenkt." Jetzt sind die anderen dran, soll das heißen. Die Andere ist Angela Merkel, die nach Kohl spricht. Sie liefert eine sachliche Rede zur Einheit, Kohl hat die emotionale gehalten. Sie bekommt Applaus, er Standing Ovations.

"Ich hatte den Eindruck, dass es ihm besser ging. Zu seinem 80. Geburtstag in Ludwigshafen, war er in wesentlich schlechterer Verfassung", sagt Sabine Bergmann-Pohl, während der Wende Präsidentin der Volkskammer, zu stern.de. Der Landtagsabgeordnete Reinhold Hilbers ist für die Rede extra aus Niedersachsen angereist. "Die Rede war sehr beeindruckend und emotional. Er hat immer noch ein feines Gespür dafür, was unser Land bewegt. Dabei hat er sowohl unsere Wurzeln betont, als auch wie wir zu Zukunftsfragen stehen."

Vergangenheit? Das war nur der Anlass dieser Feier.

Von:

und Jennifer Lange