VG-Wort Pixel

Teil-Lockdown Merkel appelliert: "Diesen November zu unserem gemeinsamen Erfolg machen"


Es ist der Beginn des Teil-Lockdowns, mit dem die Regierung die Corona-Welle in diesem Winter brechen will. Eindringlich appelliert die Kanzlerin an die Solidarität der Menschen. Ob das hilft?

Es ist, als ob die Corona-Krise Angela Merkel im letzten Jahr ihrer Amtszeit zu dem macht, was Kritiker an ihr in den 15 Jahren davor so oft vermisst haben: zur Erklär-Kanzlerin. 75 Minuten nimmt sich die ausgewiesene Krisen-Kanzlerin Merkel am Montag Zeit, um den Menschen im Land ihre Beweggründe für die schmerzhaften Maßnahmen in der zweiten Welle der Pandemie darzulegen. Sonst bringt sie meist höchstens 60 Minuten für die Journalistenfragen mit. Nun listet Merkel Fakten auf, mahnt, appelliert, wird persönlich, eindringlich. Oft kommt in ihren Sätzen das Wort Vernunft vor.

Nicht, dass Merkel darauf verzichtet, die dramatische Lage in der zweiten Corona-Welle in diesem Herbst und Winter zu schildern. Dem Land stünden schwierige Monate bevor, warnt sie in ihrem 14 Minuten langen Eingangsstatement. Die Einschränkungen, die Bund und Länder für den November beschlossen haben, beträfen ja jede Bürgerin und jeden Bürger, wendet sich Merkel direkt ans Volk.

Angela Merkel: "Es gibt Zweifel, Skepsis, Ablehnung"

Ohne Umschweife kommt die Kanzlerin dann von sich aus auf Kritik zu sprechen: Sehr viele Bürger würden "mit Verständnis und Einsicht" reagieren, "aber es gibt auch Zweifel, Skepsis, Ablehnung". Deshalb sei es ihr sehr wichtig, "an diesem ersten Tag noch einmal darzulegen, warum wir uns zu diesem Schritt entschlossen haben" und was das Ziel der Einschränkungen sei.

Die Zahl der Neuinfektionen hat Merkel selbstverständlich bis auf die letzte Stelle genau parat, 12.097 waren es an diesem Montag. Eine Verdreifachung innerhalb von 14 Tagen, eine Verfünffachung seit Mitte Oktober bedeute das. "Das ist exponentielles Wachstum, das uns mit zunehmender Geschwindigkeit auf eine akute Notlage in unseren Krankenhäusern zulaufen lässt", mahnt die Kanzlerin.

Es wird ein Weihnachten unter Corona-Bedingungen sein, aber es soll kein Weihnachten in Einsamkeit sein.

Doch Merkel spricht die dramatischen Sätze nüchtern aus, ohne bedrohlichen Ton in der Stimme. Soll keiner sagen können, ihr Vortrag sei von Alarmismus geprägt gewesen oder sie habe gar Panik geschürt. Das hatten ihr manche vorgehalten, als sie zuletzt ein paar Mal im Zusammenhang mit der Pandemie von "Unheil" geredet hatte.

Den Bericht zur Lage trägt die Kanzlerin eindringlich vor, unterstreicht die wichtigen Schlussfolgerungen mit Gesten, legt Wert auf die Betonung. Manchmal hat man das Gefühl, als wolle sie jede Zuhörerin und jeden Zuhörer einzeln überzeugen, doch bitte mit ihr an einem Strang zu ziehen. "Zuzusehen, wie wir näher und näher an die Belastungsgrenze des Personals und der Strukturen in der Intensivmedizin kommen, das kann keine Regierung verantworten, das will die Bundesregierung nicht verantworten", warnt die Kanzlerin. Und dann setzt Merkel, die sonst gerne im eher unverbindlichen "Wir" spricht, noch hinzu: "Und ich persönlich will es auch nicht."

"Schweren Herzens" so entschieden

Die Maßnahmen der nächsten vier Wochen seien "hart, das weiß ich", zeigt Merkel, der man oft zu wenig Empathie für die Menschen im Land nachgesagt hat, Verständnis für das Murren und Ungeduld im Volk. Trotzdem könne man nicht mehr einfach nur auf die Hygieneregeln hinweisen - "wir wären dann halbherzig, und das Virus bestraft Halbherzigkeit", wirbt die Kanzlerin. Vier Wochen müssten die Menschen nun auf vieles verzichten, was das Leben schön mache. Lange habe man abgewogen, ob es einen besseren oder milderen Weg hätte geben können, aber: "Wir haben ihn nicht gesehen, und deswegen haben wir diese Regelungen schweren Herzens beschlossen." Schweren Herzens.

Wenn man die Beschränkungen nun einen Monat mit aller Konsequenz durchhalte, "kann das in dieser zweiten Welle ein Wellenbrecher sein", will Merkel an diesem Tag eins des Teil-Lockdowns auch ein wenig Mut und Hoffnung machen. Sie setzt auf das Gemeinschaftsgefühl in der Krise, so, wie es schon bei der ersten Welle im Frühjahr war. 

Kein Pathos à la Macron oder Trump

Die Regierung sei auf Mitmachen, Verständnis und Akzeptanz angewiesen, damit der Teil-Lockdown auch funktioniere und die Infektionszahlen wieder zurückgehen, beschwört Merkel die Solidarität der Menschen. "Jeder und jede hat es in der Hand, diesen November zu unserem gemeinsamen Erfolg zu machen." Doch anders als US-Präsident Donald Trump oder dessen französischer Kollege Emmanuel Macron verzichtet die Kanzlerin auf Pathos oder den Appell ans Nationalgefühl - so etwas war noch nie ihr Stil.

Einen Ausblick auf das, was der Bevölkerung noch drohen könne, wenn die Maßnahmen nicht Erfolg haben, gibt Merkel in der Fragerunde nicht. Schließlich sei man erst am Tag eins der Beschränkungen, auch wenn sie die Enttäuschung der Menschen ja gut verstehe, dass das Ganze so lange dauere. Am 16. November würden Bund und Länder die Lage neu bewerten. Absehbar sei für die vier Wintermonate aber schon jetzt: Großveranstaltungen, Partys, Feiern wird es auch nach dem November "in üppigem Stil" nicht geben können.

Ich habe keine unbegrenzte Freiheit, und alle anderen außer mir müssen sozusagen mit den Folgen meiner Freiheit leben. Das heißt Freiheit, unser Freiheitsbegriff, ist darauf angelegt, dass es die Freiheit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Geradezu philosophisch wird es dann noch, als eine Reporterin das Thema Freiheit zur Sprache bringt - die auch bedeute, dass die eigene Freiheit dort ende, wo die des anderen beginne. Ob sie das Gefühl habe, dass diese Einsicht bei einem Großteil der Menschen präsent sei, will die Fragestellerin wissen. Und ob sich freiheitliche Systeme in der Corona-Pandemie gewähren könnten. Sie sei da optimistisch, entgegnet Merkel da. Erforderlich sei dafür aber auch eine andere Art der Argumentation und des Überzeugens, "das muss man mehr tun". Es ist, als ob Merkel da gerade über sich selbst redet.

dho / Jörg Blank DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker